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Aus: Ausgabe vom 15.04.2024, Seite 11 / Feuilleton
Klassik

Von West nach Ost und wieder zurück (hoffentlich)

Ein Sinfoniekonzert und eine Geburtstagsveranstaltung in Berlin zum 90. Geburtstag von Siegfried Matthus
Von Kai Köhler
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Hereinspaziert: Bei Siegfried Matthus gibt es noch einiges zu entdecken (Rheinsberg, 1996)

Der neue Generalmusik­direktor der Komischen Oper Berlin, der US-Amerikaner James Gaffigan, hat für ein Konzert am Freitag Werke »ostdeutscher« Komponisten zusammengestellte, von Johann Sebastian Bach über Richard Wagner bis zu Ruth Zechlin und Siegfried Matthus. Nun lagen Leipzig und Dresden zu Zeiten Bachs oder Wagners sicher nicht im Osten Deutschlands, aber was solls? Erfreulich ist es allemal, wenn Musik aus der DDR wieder zu hören ist. Die Kompositionen von Matthus und Zechlin wurden 1971 bzw. 1985 von eben jenem Orchester der Komischen Oper uraufgeführt. Wenn für diese nun als Konzertmotto »Go East!« ausgegeben wurde, zeigt dies, wie weit im Westen die Institution inzwischen liegt.

Entscheidend für Konzertprogramme aber ist, ob sinnvolle musikalische oder inhaltliche Verbindungen zwischen den Werken deutlich werden. Den Teil nach der Pause eröffnete Bachs Solokantate »Mein Herze schwimmt in Blut«, vom Orchester in kleiner Besetzung und der Sopranistin Josefine Mindus luzide dargeboten. Zechlins »Musik zu Bach« passte dazu nicht nur, weil die Komponistin sich im Titel auf ihr Vorbild bezieht. Auch technisch übernimmt sie Bachsche Verfahrensweisen in ihr Werk, das gleichwohl unüberhörbar ins 20. Jahrhundert gehört. Sie greift Bachs Ökonomie der Mittel auf und nimmt wenige Intervalle als Bausteine, einen ausgreifenden Plan zu verwirklichen. Auch wo sie das Orchester massiv einsetzt, bleibt der Klang transparent. Das weckte Neugier auf andere Werke dieser Komponistin.

Zechlin ist Architektin und misstraut unvermitteltem Ausdruck, nur zögernd entwickelt sie Melodien. Einen krassen Bruch bedeutete Wagners »Isoldes Liebestod« direkt danach. Man hätte sich auf diese sieben Minuten Musik auch dann nicht einstellen können, wenn sie besser gespielt worden wären. Doch wie James Gaffigans Interpretation des Vorspiels zu »Tristan und Isolde«, die das Konzert eröffnete, litt auch dieser Abschluss unter willkürlichen Temposchwankungen und fehlender orchestraler Balance. Was offenkundig als Klammer des Abends dienen sollte, stand zudem ohne Verbindung zum Rest – zumal das Klavierkonzert von Siegfried Matthus, das Hauptwerk der ersten Teils, mit Wagner offenkundig nichts zu schaffen hat.

Es war eine angemessene Idee der Komischen Oper, Matthus (1934–2021), der am vergangenen Samstag 90 Jahre alt geworden wäre, durch eine Aufführung zu würdigen. ­Matthus leistete, was einem Komponisten seiner Generation zu leisten aufgegeben war: die Mittel der Avantgarde zu mustern, sie aber nicht ins Absurde zu steigern, sondern nach ihrer Verwendbarkeit zu fragen. Es ging (und geht heute) um eine Musik, die einerseits nicht bloß etablierten Klischees folgt, sondern zur Aufmerksamkeit und zum Denken zwingt. Andererseits klappt dies nur, wenn der Zusammenhang im Werk sinnlich wahrnehmbar ist und ein gutwilliges Publikum die Chance hat, dem Verlauf zu folgen. Die sowjetischen Komponisten Schostakowitsch und Prokofjew wie auch der Engländer Britten finden sich hierzulande regelmäßig auf Programmen. Was DDR-Komponisten erreicht haben – neben Matthus wären hier noch Günter Kochan oder Fritz Geißler zu nennen –, bleibt neu zu erschließen.

Matthus’ Klavierkonzert beweist jedenfalls, was sich da finden lässt. Formal ist das Werk locker gefügt. Seine vier Abschnitte kommen zwar mit ähnlichem thematischem Material aus, doch in diesem Fall bemühte sich Matthus nicht, Übergänge herzustellen. Die Stimmungen können jäh umschlagen, ein Teil ist an den vorhergehenden montiert. Der Gestus ist energisch, manchmal düster, oft konflikthaft mit zarten Einsprengseln und niemals sentimental. Erst gegen Ende herrschen optimistische Charaktere vor. Die Welt, die Matthus um 1970 hörbar machte, ist nicht widerspruchsfrei, doch gerade dadurch zur Entwicklung fähig.

Die Interpretation verdeutlichte diese Qualität, nicht nur dank des Orchesters, das hier gestisch präzise agierte, freilich manchmal durch allzu große Lautstärke die Pianistin überdeckte. Dennoch erfüllte Danae Dörken den in der Gattungstradition virtuos gesetzten Solopart mit Leben. Zu wünschen ist, dass es nicht bei dieser einen Aufführung bleibt, und überhaupt, dass Instrumentalwerke und Opern von Matthus auf die Bühnen zurückkehren.

Vor allem dem Opernkomponisten Matthus war eine Veranstaltung der Peter-Hacks-Gesellschaft am Geburtstag gewidmet. Das war naheliegend, schrieb er doch zwei seiner Bühnenwerke auf Libretti von Hacks: die Kriminaloper »Noch einen Löffel Gift, Liebling?« und »Omphale«. Olaf Brühl befragte Helga Matthus, die Witwe des Komponisten, über diese produktive, dabei keineswegs konfliktfreie Künstlerfreundschaft. Christian Steyer in der Rolle von Matthus und Gunter Schoß in der Rolle von Hacks lasen Auszüge aus dem unveröffentlichten Briefwechsel: Zeugnisse einer von Respekt getragenen Zusammenarbeit, deren Ernsthaftigkeit dadurch belegt ist, dass sie wegen einer ästhetischen Differenz endete, nämlich ob ein Operntext in Versen dem Komponisten hilft oder ihn einschränkt. Hacks’ Aristophanes-Aktualisierung »Die Vögel« blieb denn auch unvertont, und die Freundschaft erhielt einen Bruch, der allerdings, wie Helga Matthus berichtete, anders als fast alle anderen persönlichen Brüche bei Hacks, mit gewissem Abstand wieder zu kitten war. Musikbeispiele und ein Auszug aus dem »Vögel«-Libretto, gespielt von Michael Hase und Sabine Böhm, machten die ­Werke, um die es ging, erfahrbar – hätte nicht der Wagner-Feind Hacks den Begriff gehasst, könnte man von einem Gesamtkunstwerk sprechen. Nun aber sind die Opernhäuser an der Reihe.

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