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Aus: Ausgabe vom 13.04.2024, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Metal

Es handelt sich um Musik!

Der Bass blubbert, die Stimme sitzt: Zu Besuch bei einer jungen alternativen Metalband in Brandenburg
Von Hagen Bonn
Sympathisch und engagiert: Die Metal-Band The Future Died Last Night aus Bernau bei Berlin
Luis, Mattis, Moritz und Ash haben das Bandprojekt 2016 begonnen. Im Herbst soll ihr erstes Album erscheinen

Vor den Toren Berlins. Mitten im Naturpark Barnim, nordöstlich der Hauptstadt gelegen, sitze ich stumm auf dem Beifahrersitz und bewundere die Buchen- und Kiefernwälder links und rechts der Straße. Zwischen den Baumstämmen wabert feiner Nebel, und der Scheibenwischer knurrt gelegentlich und wie gelangweilt über die Frontscheibe. Mein neuer Hund, gerade in Eingewöhnung, hockt brav neben mir und blickt in einer Kurve kritisch ins Unterholz.

Dann geht es, der letzten Eiszeit sei Dank, wacker bergab und wieder hinauf. Brandenburg ist ja »nah am Wasser gebaut« und zuweilen hügelig, wie um die Ortschaft Lanke. Berliner steuern als Tagestouristen gern in Massen den nahegelegenen Liepnitzsee oder den Obersee an. Vorausgesetzt, das Wetter stimmt. Nun, heute sieht es auf den Waldwegen aus wie im Perry-Rhodan-Roman »Welt ohne Menschen«. Und siehe da, das Wetter passt faustgenau zu meinem Termin bei einer alternativen Metalband namens »The Future Died Last Night«. Wow! Frei übersetzt: Die Zukunft ist letzte Nacht gestorben. Früher gab es Superstars, die nannten sich »Die Türen« (The Doors) oder »Luftschmied« (Aerosmith). Ja, da hat sich einiges geändert bei unserer jungen Generation, aber was genau?

Als ich 20 war, sah die Welt noch völlig »normal« aus: Alles war fein sortiert. Ost und West. Popper und Metalheads. Da passten coole Sprüche wie: »Ich geh’ kaputt, wer kommt mit?« Auch beliebt in den 80ern: »Marx ist tot, Lenin ist tot, und mir geht es auch nicht gut!« Heute ist die Welt viel komplizierter. Krieg und Hunger für die Armen gab es ja schon immer. Aber mittlerweile gesellen sich zum Altbekannten noch ganz andere Problemfelder. Der von Lenin analysierte »faulende und parasitäre« Imperialismus ist so weit über das Verfallsdatum hinaus, dass er täglich Genozid (Gaza), extreme Massenarmut (800 Millionen Hungernde) und Verblödung (alle Regierungen des »Wertewestens«), um nur einige von tausend wunden Stellen zu nennen, auf uns hetzt. Und da ist dann die Frage, wie wirkt sich das aufs Gemüt junger Künstler im braven Brandenburger Land aus?

Kurze Geschichte der Härte

Hier meine ganz persönliche These. Das Wesen der Barockmusik lag in der Trompete. Immerhin ist die zweite Silbe des Wortes Barock schon wegweisend, etwa nicht? Allerdings waren Trompeten in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts, da wo richtig harte Gitarrenmusik begann, ziemlich abgesagt. Und dann sagte jemand: »Alle Bläser, die noch keinen Ständer haben, gehen bitte hoch und holen sich einen runter.« Das ging nun wirklich zu weit, deswegen etablierte sich die Gitarre als Wesen des Rocks. Das zu meiner selbst erarbeiteten Theorie.

Blicken wir kurz in die erwähnten Achtziger: Der Westberliner Sorglossonnenschein ließ einst Die Ärzte ihre Praxis eröffnen, gleichzeitig entstand in der San Francisco Bay Area der Trash-Metal. Exodus, Metallica und Slayer holten den Dampfhammer raus. Diese Legenden legten den Grundstein jeglicher extremen Musik. Dann wurde es um den klassischen Hard Rock und Heavy Metal immer ruhiger. Und die jungen Neunziger fegten diese Musik komplett in die Tonne. Statt dessen alles zu glatt, zu sauber und angepasst. Dreck musste her! Schlamm! Und er kam.

Das Magazin Spin schrieb im Dezember 1992: »Seattle ist momentan für die Rockwelt, was Bethlehem für das Christentum ist.« Eben, denn wer in der Stadt auch nur eine Gitarre halten konnte, bekam einen Plattenvertrag. Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden und Alice in Chains rotzten im Flanellhemd durch die Klubs und veröffentlichten ein Platinalbum nach dem anderen. Au Backe, wie schwang in dieser Musik Schmerz, Ernüchterung, fast Depression mit. Von wegen »Schöne neue Welt«, die man den Menschen versprach, weil die Sowjetunion aus der Geschichte entlassen worden war. Überall johlte man vom ewigen Frieden. Aber der US-Imperialismus zog jetzt nur noch dreister in den Krieg. Im Januar 1991 war der Irak dran. Krieg für Öl. Die Jugend rieb sich entsetzt die Augen.

Wie spiegelte sich diese Ernüchterung bei anderen jungen Künstlern wider? Tausende Kilometer weg von Seattle, im kalten Norden Skandinaviens, erlitten nicht wenige eine Sinnkrise der besonderen Art. Etwas passte nicht! Es ging den Menschen relativ gut dort oben. Die Jugend war gebildet, viele hatten Zugang zu musikalischer Ausbildung, dennoch … Da muss doch noch mehr sein! Man sollte sich »glücklich kaufen«? Das funktionierte nicht. Alles war so vergeblich, so öde. Es gab nur noch eine glaubhafte Wirklichkeit, die Natur. Die tiefen Wälder, der unbestechliche Frost. Odin schien viel lebendiger als Jesus. Man begab sich auf die Suche.

Authentizität sollte in die Musik, Echtheit! Keine Leuchtreklame, keine Poser. Der damalige Death-Metal hatte sich gerade an den Mammon verkauft, war abtrünnig geworden. Von wegen Satan und Tod. Das waren alles nur pinke Schleifchen für Langhaarige. Und so kam es. Die neue Musik wurde dunkel, man könnte sagen schwarz, knurrig und bitter. Schwarz? Ja, jedenfalls solange, bis es etwas Dunkleres gab! Und das war die Geburt des Black-Metal! Scheiß auf die Kaufwelt, diese Verlogenheit, diese Verstellung. Viva Mayhem, Emperor und Dark­throne! Die besondere Spielweise der rechten Hand der Gitarristen, die ihre Saitenäxte vom Death-Metal befreiten und wieder nach oben stimmten. Dann die fein eingeflochtenen Dissonanzen, die ins Meditative abgleitende Monotonie, gepaart mit volkstümlichen oder klassischen Melodiemotiven, all das schaffte eine Brachialität, die die Fans der extremen Musik sofort für sich einnahm. Bedingungslos aggressiv und zart zugleich.

Man nahm die Sache ernst. Einige zu ernst. Plötzlich brannten Kirchen in Norwegen. Musik wurde zur individualistischen Lebensanschauung. Ein Feldzug gegen die alte Ordnung. Was an ihre Stelle treten sollte, blieb entweder nebulös mystisch oder vollends offen. Die Musik war nun Gott, und für diesen Gott war auch ein Mord ein Gottesdienst (nachgezeichnet in: »Lords of Chaos«; Spielfilm 2018). So barsch diese Bewegung auch begann, man segelte trotzdem ins gewohnte und erwünschte Fahrwasser des Musikmarktes, der Chartplazierungen und Goldenen Schallplatten.

Vergessen wir nicht, die Musikgeschichte erzählt auch immer die Geschichte der Entwicklung der Produktivkräfte. Demnach mussten computergestützte Musikprogramme auch im Metal ihren Widerhall finden. Ministry schuf das Industrial-Metal-Evangelium: »Psalm 69« (1992). Eine Revolution; die Verbindung von Hochtechnologie und Metal. Der Chef der Band, Jourgensens, engagierte sich politisch eifrig gegen die US-Republikaner. Das gesamte Album trieft nur so von entlarvenden Originalzitaten des Kriegsverbrechers George W. Bush (Senior). Mit Samples wurde seine kranke Weltsicht in die Songs integriert.

Der Rest der Musikgeschichte der extremen Härte ist dann eine gewisse Produktdiversifikation. Wer also einen Plattenvertrag wollte, musste »schneller, höher und weiter« aufspielen. In der Regel wurde das langweiliger Murks. Aber Extrem-Metal wie der von Cradle of Filth, Cattle Decapitation oder Lorna Shore sollte man heute kennen und schätzen.

Im Hier und Jetzt

Mein Auto fährt rechts ran und parkt. Die Band begrüßt mich am Gartentor. Fröhliche und offene Gesichter. Sehr jung dazu. Später sollte ich erfahren, dass das Projekt schon 2016 startete. Echt? Da mir Kopfrechnen nicht liegt, schätze ich, dass die Leute damals noch nicht im Stimmbruch waren. Wir gehen in Richtung Haus, ich bin doch gekommen, um eine Hörprobe zu nehmen. Der Proberaum ist ein gemütliches Dachbodenzimmer. Eine nagelneue E-Gitarre und ein ebenso frischer Fünf-Saiten-Bass begrüßen mich. Passt verdächtig zum 20. Geburtstag des Bassmanns. Ich mache mir eine gedankliche Notiz, weil ich natürlich wissen will, wie man die Instrumente und die Technik finanziert hat.

Und dann geht’s ab! Gitarrenriffe schicken ihre Lassos los, die mich sofort am Genick packen, aus den Augenwinkeln erkenne ich, wie die aufgestellten Ohren meines Hundes Wohlgefallen signalisieren. Guter Hund! Schon nach kurzer Zeit ist mir klar, dass in puncto Instrumentenbeherrschung alle Hausaufgaben gemacht wurden. Schlagzeuger Luis, 23, studiert Chemie, spielt den Doppelbass mit zwei Füßen und trägt damit maßgeblich zur rhythmischen Variabilität der Lieder bei. Und endlich, ja, man hört das leider immer weniger, hinter dem Mikro steht jemand, dessen Stimme geschult ist. Dieses Instrument muss schließlich auch beherrscht werden, und Ash kann das. Respekt! Er ist 24 Jahre alt und schickt sich an, sozialpädagogisch tätig zu werden. Ob die starke und klare Singstimme oder der Stimmumfang (Ambitus), hier wurde viele Jahre fleißig geübt, was sich auf Nachfrage bestätigt.

Die Männer an den Elektrosaiten passen sich in diese Professionalität ein. Der Bass blubbert, kann aber auch Linien spielen, was vielleicht daran liegt, dass Mau, 20 Jahre alt und ebenfalls sozialpädagogisch ambitioniert, von der E-Gitarre zum Bass kam. Die beiden E-Gitarren, Moritz (22, Augenoptiker) und Mattis (21, auch auf dem Weg in die Sozialpädagogik), sind wahlweise für den Rock- und den Metalrhythmus zuständig. Häufig spielen sie parallel, Solis dürfen beide.

So richtig in ein Genre einordnen kann man die Band nicht. Das ist auch nicht notwendig. Entweder das Genre wurde bis jetzt nicht »erfunden«, oder man spielt sich durch alle Stile und sucht noch nach dem Weg. Eins können wir bei The Future Died Last Night resümieren, es handelt sich um Musik! Um eigene. Ich will natürlich wissen, warum sie englisch texten. Sie verweisen auf die international bessere Verständlichkeit. Zum Beweis wird stolz eine Spotify-Liste präsentiert. Potz Blitz, da ist kein bewohnter Kontinent, wo die schon im Netz veröffentlichten Lieder der Band nicht gehört wurden. Luis fügt hinzu, dass Englisch für ihn »lyrisch angenehmer« sei.

Inhaltlich geht es um die Lebensproblematik junger Leute, auch um deftige Brüche wie Krankheit, Verzweiflung oder den Sozialstaat, der nicht vorhanden ist. Allerdings verstehe man sich nicht als politische Band, aber es sei augenscheinlich, dass in unserem Land »sehr, sehr viel« schieflaufe. Deshalb engagiere man sich auch, was freilich naheliegt, wenn man wie Mattis im Jugendklub arbeitet. Letztes Jahr half man, den ersten Christopher Street Day in Bernau auf die Beine zu stellen.

Das klingt zugegeben genauso sympathisch wie die Musik, stelle ich für mich fest. Wenn die Truppe weiter so ernsthaft dabei ist, können wir uns künftig auf gute Musik freuen. Ob emotional und breakreich gegliedert oder melodisch. Die Nackenbrecher, frisch aus der Schmiede gefallen! Vor allem die süffigen Stakkatos der E-Gitarren, die auch mal kurz den Black Metal bedienen wie auch den Alte-Schule-Rock, der sich gern mal reindrängelt, um Luft zu holen. Dann wieder eine Schaufel Briketts in den Hochofen.

Album nebenbei

Es gibt sie also noch, die Magie frischer Bands, die im Keller … äh, auf dem Dachboden vor sich hin scheppern und die Musikwelt herausfordern. Was kann ihnen schon passieren; entweder sie tanzen nur ein paar Sommer lang (Nirvana), oder sie werden zu Dinosauriern (UFO, Iron Maiden). Oder aber sie bilden die Realität ab: Menschen, die Freude an Musik haben, die in den Tag hinein spielen und geben, was sie können. Nichts anderes ist Rock ’n’ Roll.

Im Herbst ist es dann soweit. Das erste Album soll veröffentlicht werden. Ich frage nach den Erwartungen. »Nicht so super viel. Der Markt ist übersättigt«, meint Luis. Die anderen erklären den Spaß an der Sache zu ihrem Erfolg. Ash sagt: »Wir machen das schon so viele Jahre, und ich bin erstaunt, wie die Lieder und Texte sich entwickelt haben, das ganze Ergebnis, verstehst du?« Zumal, das letzte Jahr war ziemlich turbulent. Studium, Ausbildung, wenig Zeit, dann plötzlich wieder »geballt« am Projekt weitergearbeitet. Das Album entsteht mal eben nebenbei im Heimstudio, »alles andere ist unbezahlbar«.

Unbezahlbar? Da fällt mir meine Gedankennotiz ein? Wie bezahlt man das Heimstudio, die Instrumente und das Equipment? Ich erinnere mich an die Lage von Jimi Hendrix. Der 15jährige kauft sich seine erste Gitarre für fünf Dollar. Der Hals war verbogen, und sie hatte nur eine Saite. Und wie ist das in Brandenburg 67 Jahre später? »Ein bisschen eigenes Geld verdienen wir inzwischen selbst. Moritz hat ja sogar schon seine Ausbildung fertig.« Luis jobbt nebenher an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts. Und regelmäßig fallen Geburtstage an oder Weihnachten. »Als wir noch Schüler waren, haben wir unsere Instrumente vom Taschengeld oder eben vom besagten Weihnachtsgeld finanziert.«

linktr.ee/thefuturediedlastnight

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