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Aus: Ausgabe vom 10.04.2024, Seite 14 / Feuilleton

Southern strategy

Von Felix Bartels
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Dogwhistling: Eine Sprache finden, die »besorgte Bürger« und veritable Rassisten gleichermaßen abholt

Auch wenn er alles für diesen Eindruck tut: Donald Trump ist keine Laune der Geschichte, sein Erfolg hat eine Geschichte. Vom Aufstieg der Rechten im Establishment der US-Republikaner gilt, wie gut erklärbar aus den Umständen der immer sei, es gibt einen Anfang, und an dem stand eine Entscheidung.

Die Southern strategy geht auf Barry Goldwater zurück, einen republikanischen Senator für Arizona, der 1964 gegen den amtierenden Präsidenten Lyndon B. Johnson antrat – und verlor. Die Grand Old Party (GOP), wie man die Repu­blikaner traditionell nennt, lebte damals im Geiste Abraham Lincolns. Als Partei der Bürgerrechte, Sklavenbefreiung und Liberalität. Werte, die man heute eher der demokratischen Partei zuschreibt. Wie kam es zu dieser Inversion?

Die von John F. Kennedy in Gang gesetzte und von Johnson zum Abschluss gebrachte Aufhebung der Rassentrennung führte bei den weißen Bevölkerungsschichten, insonders denen der Staaten im Südosten (den »Rebellen« während des Sezessionskriegs 1861–1865), zu einem Bruch mit ihrer herkömmlichen Klientelpartei. Goldwater erkannte dort ein Vakuum, in das man vorstoßen konnte. Später folgten die Präsidenten Richard Nixon (1969–1974) und Ronald Reagan (1981–1989) dieser Strategie mit größeren Effekten. Innerhalb weniger Jahre wurde das demoskopische Profil der USA gespiegelt. Wer konservativ fühlte und Ressentiments gegen ethnische Minderheiten hatte, wählte nun rot.

Die Southern strategy zielte dabei nicht bloß auf eine günstige Gelegenheit. Sie trug einem elementaren Wandel Rechnung. Die urbane, eher aufgeklärte Bevölkerung wuchs gegenüber der ländlichen schneller. Im Popular vote, der reinen Stimmenzahl landesweit, sind die Demokraten mit ihrem liberalen Programm seit Jahrzehnten in der Mehrheit. Immer wieder haben GOP-Kandidaten daher rechte Milieus benutzt, um Wählermassen zu mobilisieren.

Wollte man die ideologische Struktur der GOP in deutschen Begriffen beschreiben, müsste man sie eine Koalition aus FDP, Union und AfD nennen. Wobei dieser Bund aus Liberalismus, Konservatismus und Rechten tatsächlich in derselben Wirtschaftsidee aufgeht: schwacher Staat, niedrige Steuern, Subsidiarität. Der Geist des Kapitals also ins Ideologische übersetzt. Die GOP war von jeher die Partei der Unternehmer. Das Problem einer solchen Partei: Mit Reichen allein fängt man keine Stimmen. Es bedarf eines Bündnisses mit breiten Schichten, in deren Interesse man nicht handelt. Und hierzu folgerichtig griffiger Narrative und Ideologeme. Die Southern strategy stellte das bereit in Form von Feindbildern: des Schwarzen, der die weiße Kultur bedroht, des mexikanischen Einwanderers, der Kriminalität ins Land bringt, des Linksliberalen, der diese Gefahr nicht erkennt und in dessen Liberalität ein sekundärer Faschismus verborgen liegt. Mit einem Wort: Klassenkampf wurde von Kulturkampf überdeckt, Frust über Depravierung umgeleitet.

Das Bündnis aus Wirtschaftselite und White trash hat lange Zeit funktioniert. Kennzeichen der letzten Jahre – unmissverständlich seit 2009, dem Aufstieg des von den Milliardärsbrüdern Charles und David Koch finanzierten Tea Party Movements – ist, dass das Mittel sich zum Zweck verselbständigen konnte. Jene Mannschaft fürs Grobe, die rechte Basis, hat seither sukzessive die Kontrolle der Partei gewonnen, ironischerweise in einer Art Trickle-up-Prozess, also dem gegenläufigen Verfahren, das Reagan bei der Bildung des nationalen Wohlstands vorschwebte.

Heute blicken wir auf eine GOP, in der die Ideologie, vormals schnödes Mittel, einer Partei der Eliten Anhänger zu verschaffen, zum bestimmenden Element geworden ist. Das Ressentiment gegen die anderen (blauen) Eliten frisst jetzt die eigenen (roten), ohne dass allerdings mit Umverteilung zu rechnen wäre, denn der Kampf gegen »Die da oben« bleibt kulturell grundiert.

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