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Aus: Ausgabe vom 10.04.2024, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Ohrfeigen

Von Christine Kriegerowski
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Alles liegt in Scherben (Szene aus »Morgen ist auch noch ein Tag«)

Angepriesen wird »Morgen ist auch noch ein Tag« von der italienischen Regisseurin und Schauspielerin Paola Cortellesi als »der richtige Film zur richtigen Zeit«. Komisch soll er sein und tragisch. Schwarzweiß und vom Neorealismus beeinflusst.

Die Hauptprotagonistin ­Delia (Paola Cortellesi) ist eine verheiratete, multipel prekäre Jobberin und Hausfrau mit drei Kindern im Rom der Nachkriegszeit. Morgens im Bett geht es zur Begrüßung mit einer Ohrfeige ihres Mannes Ivano (Valerio Mastandrea) los. Das setzt sich einen minutiös erzählten Tag lang fort. Wir erfahren auch, wie die Protagonistin nach ihren zahlreichen Kleinstjobs immer etwas Geld zurücklegt. Sich selbst entzieht sie nicht und wird immer wieder von Ivano geschlagen. Ein- oder zweimal wird das als Tanz inszeniert, was es nicht weniger schmerzhaft macht. Warum verschwindet das Würgemal magisch am Ende der Szene?

Es tauchen noch zwei weitere Männer auf, die sich für Delia interessieren: ein afroamerikanischer GI, der sie beschützen möchte, und ein Exgeliebter, der sie bittet, ihm ins Arbeitsexil zu folgen. Weiter gibt es einen mysteriösen Brief, der an Delia persönlich gerichtet ist, und den sie verbirgt. Die unerträgliche Situation mit reichlich Aufforderungen der Tochter, sie möge was tun, wird zwei quälende Stunden lang ausgewalzt. Wann flieht sie, wird es ihr gelingen? Die Verlobung ihrer Tochter mit einem wohlhabenderen Jungen sieht Delia erst mit Hoffnung, dann mit Sorge, als der Zukünftige eifersüchtig wird. Immerhin lässt sie den GI das Café der künftigen Schwiegereltern sprengen, um erfolgreich die Ehe der Tochter zu verhindern.

Am Sonntag, dem 2. Juni 1946, nach der Kirche ist es soweit. Sie hat ein Alibi, um der Aufsicht des Angetrauten zu entgehen, doch dann stirbt der Großvater, und das Kondolieren der Nachbarinnen verhindert ihr Entkommen aus dem ­Souterrain. Aber morgen ist auch noch ein Tag.

Am Montag in aller Frühe packt sie ihre Handtasche und geht wählen. Einen längeren, teureren, schlechteren Werbespot fürs Wählengehen habe ich noch nie auf der Leinwand gesehen. Dafür muss die Heldin lange leiden – und vor allem auch die sich identifizierende Zuschauerin. Warum ist das der richtige Film zur richtigen Zeit? Weil Delias Tochter und Enkelin am Ende die Faschisten gewählt haben? Woher nehmen sie die Hoffnung? Warum kämpft die energische Darstellerin nicht für sich, sondern für die Tochter, anstatt ihr ein gutes Beispiel zu geben? Vielleicht gibt es doch Zeitreisen, und die Regisseurin hat einen sehnsuchtsvollen Film über eine Vergangenheit gemacht, als Wählen in Italien noch eine Perspektive zu bieten schien.

»Morgen ist auch noch ein Tag«, Regie: Paola Cortellesi, Italien 2023, 118 Min., bereits angelaufen

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