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Aus: Ausgabe vom 09.04.2024, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Kein Urlaubstrip

Matteo Garrones Film »Ich Capitano«
Von Holger Römers
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Flucht ins Phantastische

Wenn der Titel eines Films mit »Ich« beginnt, erscheint die Hauptfigur vorm ersten Bild als selbständig agierendes Subjekt. Dieser Eindruck wird durch die Amtsbezeichnung unterstrichen, die im Falle von »Ich Capitano« aufs Personalpronomen folgt und an eine feste Hand am Steuerrad denken lässt. Es dauert allerdings ein ganzes Weilchen, bis die Assoziation Gestalt annimmt.

Sie beruht, wie Regisseur Matteo Garrone beteuert, auf einer realen Begebenheit: Beim Besuch eines sizilianischen Aufnahmezentrums für Minderjährige sei ihm die Geschichte eines 15jährigen erzählt worden, der bei der Überquerung des Mittelmeers auf einem überfüllten Flüchtlingsboot unvermittelt in die Rolle des Kapitäns schlüpfte. Großen Wert legt Garrone in Interviews auf die Feststellung, dass in Nebenrollen zahlreiche Laien aufträten, die selbst Abschnitte jener Migrationsroute zurückgelegt hätten, die in »Ich Capitano« nachgezeichnet wird. Zudem habe er auf Berater vertrauen können, deren Erfahrungen die Darstellung von Handlungsdetails beglaubigten – was freilich nichts daran ändert, dass als Koautoren seines Drehbuchs lediglich drei Landsmänner firmieren: Massimo Gaudioso, Massimo Ceccherini und Andrea Tagliaferri haben Garrone als Autor, Schauspieler oder Regieassistent gedient. Die Hauptrollen indes wurden bei einem Casting in Dakar mit zwei 17jährigen Debütanten besetzt.

Dabei ist bezeichnend, dass Seydou (Seydou Sarr) und Moussa (Moustapha Fall) zu Beginn des Films die gemeinsame Absicht, Richtung Europa aufzubrechen, vor ihren Familien geheim halten. Das verrät zum einen die Unmündigkeit der befreundeten Teenager, zum anderen macht es bewusst, dass die Auswanderung aus dem Senegal nicht durch akute Gefahren für Leib und Leben erzwungen wird. Die Hoffnungen, die die Jungs mit der Zukunft verbinden, offenbart wiederum ihre Naivität: Zwar wird Seydou zögerlich, als ein grimmiger Markthändler wohl aus eigener Erfahrung berichtet, dass in Europa Obdachlose auf der Straße schlafen. Doch Moussa zerstreut die Zweifel des Freundes, indem er dem Freizeitrapper versichert, dass er in der Ferne zum Star werde. Das mag an die Traumtänzerei der beiden Protagonisten aus dem Film »Gomorrha« erinnern, mit dem ­Garrone 2008 international bekannt wurde. Allerdings fehlt von der Abgebrühtheit, um die sich jene Nachwuchsmafiosi bemühten, bei Seydou und Moussa jede Spur – was ihre rührende Weltfremdheit nur um so deutlicher zutage treten lässt.

Sobald die Reise begonnen hat, markiert das Drehbuch jede Station durch neue Geschäftemacher und Verbrecher, die es auf Migranten abgesehen haben. Das beginnt mit dem Angebot angeblich sicherer, komfortabler Fahrgelegenheiten durch die Sahara und gipfelt in erpresserischer Folter durch libysche Sklavenhändler. Spätestens hier wird klar, dass sich auf dieser Route nicht nur unerfahrene Jugendliche wehrlos zeigen, sobald sie zum bloßen Objekt routinierter Profitinteressen gemacht werden.

Daher muss sich die Inszenierung gelegentlich (mit Mitteln der Computertechnik) ins Phantastische flüchten, etwa wenn Seydou sich vorstellt, er hätte eine mitreisende ältere Frau vor dem Tod in der Sahara retten können. An eine Fata Morgana erinnert die Kulisse einer Villenbaustelle mitten in der Wüste, auf die es den Jungen verschlägt, nachdem er von Moussa getrennt wurde. Allerdings ist Garrone, der zuletzt »Pinocchio« verfilmt hat, von Anbeginn an nicht um nüchternen Realismus bemüht – die Farbigkeit eines Straßenfestes, das Düstere eines schamanischen Rituals inszeniert er so unbekümmert, dass es regelrecht exotisch wirkt.

Früh stellt sich die Frage, welche Wunschvorstellungen westlicher Arthouse-Kinogänger die aufwendige italienisch-belgisch-französische Koproduktion bedient, wenn sie schließlich einem betont naiv gezeichneten afrikanischen Minderjährigen unter den denkbar unwahrscheinlichsten Vorzeichen eine individuelle Selbstermächtigung zubilligt – die noch dazu mit vorbildlicher Übernahme ethischer Verantwortung für andere einhergeht. Jedenfalls droht das wohlige Crescendo, in dem der Erzählton zuletzt mündet, die Tatsache zu übertönen, die ein zynischer Menschenschmuggler ganz sachlich zu Protokoll gegeben hat: dass Seydou wegen Schlepperei im Gefängnis landen wird, wenn er sich in Italien als Kapitän des dort angekommenen Kahns zu erkennen gibt.

»Ich Capitano«, Regie: Matteo ­Garrone, Italien/Belgien/Frankreich 2023, 122 Min., bereits angelaufen

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