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Kanzlergattinnen

Von Helmut Höge
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Der erste SPD-Kanzler der Bundesrepublik, Willy Brandt, war im norwegischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung aktiv und heiratete die ebenfalls im Untergrund tätig gewesene Norwegerin Rut Bergaust (geborene Hansen). Als Ruts Widerstandsgruppe aufflog, flüchtete sie mit ihrer Schwester Tulla nach Schweden, wohin auch Willy Brandt geflohen war.

Rut Brandts Erinnerungen »Freundesland« (1992) erwarb ich für zwei Euro. In Berlin hatte sie zunächst als Journalistin gearbeitet – im Rang eines Leutnants der norwegischen Armee. Dann wurde sie in der zerbombten Stadt »eine deutsche Hausfrau«. Anfangs nahmen ihr dort »Not und Elend den Atem«. Aber für die beiden frisch verheirateten Sozialdemokraten ging es schnell aufwärts – mit Hausangestellten, Chauffeur, Gärtner, Küchengeräten von der Arbeiterwohlfahrt und drei Kindern sowie etlichen Haustieren.

Man sagt, dass Rut ihrem Mann viele politische Kontakte erleichterte (zu den Kennedys z. B. und zu Leonid Breschnew, den sie »gut leiden konnte«). Sie selbst meint jedoch: »Eine gute Stütze war ich nicht. Ich begriff nicht, wie wichtig es für Willy war, Einfluss zu bekommen. ›Verstehst du denn gar nicht, dass ich Macht will!‹ brach es aus ihm hervor.« Als er 1954 Präsident des Westberliner Abgeordnetenhauses wurde, war ihr klar: »Jetzt musste ich repräsentieren (…) Wir waren plötzlich ins Gesellschaftsleben hinausgeschubst.« Ihr Familienleben wurde eine öffentliche Angelegenheit.

Die Hasskampagnen gegen den »Herrn Brandt alias Frahm«, wie Adenauer ihn nannte, steigerten sich »bis zu einem Übermaß an Unanständigkeit«. Dem »Vaterlandsverräter« wurde u. a. unterstellt, er hätte im Exil auf Deutsche geschossen. Dessen ungeachtet fand seine Frau: »Es ist leicht, Freunde zu gewinnen, wenn man in einer hohen Position ist.« Ihre Söhne fanden in den 60er Jahren Freunde in der Studentenbewegung. Ihr ältester, Peter, wurde »Trotzkist«. Es hieß, er würde sich in Kuba zum Guerillakämpfer ausbilden lassen. Die Nationalzeitung bezeichnete ihn als »Staatsfeind Nr. 1«. Seine Mutter hatte Angst um ihn.

Als der von ihr geschätzte Maler Ilja Glasunow vom Bayernkurier als KGB-Agent bezeichnet wurde, meinte die Frau des sowjetischen Botschafters Valentin Falin zu ihr, das sei doch eine Ehre. Die Redakteurin einer sowjetischen Frauenzeitschrift sagte: »Besuchen Sie uns doch. Sie sind die erste Frau im Abendkleid, die wir auf die Titelseite gebracht haben. Bis dahin hatten wir nur Frauen auf dem Traktor.«

Als Brandt wegen der »Guillaume-Affäre« als Kanzler zurücktrat und Helmut Schmidt ihn im Bundeskanzleramt ablöste, setzte Brandt »seine Füße nicht mehr ins ›Palais Schaumburg‹«. Helmut Schmidt zog dort mit seiner Frau Loki ein, eine Lehrerin mit botanischen Neigungen. Als der Leiter des Instituts für Verhaltensphysiologie der Max-Planck-Gesellschaft, Wolfgang Wickler, eine Expedition nach Kenia unternahm, schloss sich ihm die Kanzlergattin auf eigene Rechnung an – mit einem Personenschutzbeamten, der sie vor Flusspferden und Krokodilen beschützte und ihr gelegentlich beim Längenvermessen von Pflanzen half.

Über Kenia schreibt Wickler in seinem Buch »Wissenschaftliche Reisen mit Loki Schmidt« (2014): »Loki macht uns auf einige aus der Ethnomedizin bekannte nützliche Pflanzen aufmerksam.« In Südamerika bemerkte er, Loki trage einen »breitkrempigen Sombrero, Jeans und langärmelige Baumwollblusen – ganz zünftige Botanikerin«. Ansonsten »weiß man gar nicht, wohin man zuerst blicken soll«.

Eine weitere Expedition führte nach Malaysia. Helmut Schmidt hatte Loki die Teilnahme zum Geburtstag geschenkt. Ab und zu »setzt sich Loki auf den Boden und skizziert eine Pflanze, Blüte und Frucht, nicht aber eine farbenprächtige Stachelspinne, die im Radnetz dicht über ihrem Kopf hängt«. Abschließend heißt es in Wicklers Reisebericht: »Von Loki haben wir Botanik gelernt.«

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