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Aus: Ausgabe vom 03.04.2024, Seite 6 / Ausland
Ukrainekrieg

Kriegsdienst? Bloß nicht!

Ukraine: Immer mehr Männer entziehen sich Einberufung. Bis zu einer Million Fälle im ganzen Land vermutet
Von Reinhard Lauterbach
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Lieber kein Kanonenfutter: Da hilft auch die reißerischste Plakatwerbung nichts (Saporischschja, 15.12.2023)

Das Bild der westlichen Medien von der heldenhaft um ihr Überleben kämpfenden Ukraine und ihrer hinter der Staatsführung stehenden Bevölkerung bekommt Risse. Meldungen aus einzelnen Regionen lassen hochrechnen, dass bis zu einer Million Ukrainer im wehrpflichtigen Alter derzeit zur Fahndung ausgeschrieben sind und mehr oder minder panisch versuchen, sich dem Zugriff der Rekrutierungsämter zu entziehen.

In den vergangenen Tagen erzählten Beamte der Rekrutierungsbehörden in den Bezirken Poltawa und Iwano-Frankiwsk offiziell im Fernsehen, dass in ihren Regionen 30.000 bzw. 40.000 Männer der Aufforderung, sich zur Musterung zu melden, nicht nachgekommen seien. Das ergibt, multipliziert mit den 23 noch unter ukrainischer Kontrolle stehenden Regionen des Landes, eine Dunkelziffer von mindestens 800.000 Männern, die sich dem Kriegsdienst zu entziehen suchen. Die beiden erwähnten Regionen hatten nach offiziellen Angaben vor Kriegsbeginn jeweils etwa 1,35 Millionen Einwohner. Nimmt man – abzüglich der Frauen – davon die Hälfte, also 700.000, so ergibt sich, dass vier bis fünf Prozent der männlichen Bevölkerung praktisch untergetaucht sein dürften. Denn sie müssen, um nicht eingezogen zu werden, jeden Kontakt mit staatlichen Stellen vermeiden.

Der stellvertretende Leiter der Re­krutierungsbehörde des Gebiets Iwano-Frankiwsk, ein Oberst Bodnar, wies dabei in einem Fernsehinterview darauf hin, dass die Greiftrupps seiner Dienststelle Männer überall dort festnehmen und zur Musterung vorführen dürfen, wo sie ihrer habhaft werden – ob auf der Straße oder im Bus, am Arbeitsplatz oder in der Kneipe. Ukrainische Unternehmen beklagen bereits, dass die Bereitschaft von Männern, eine legale Arbeit aufzunehmen, deutlich zurückgegangen sei, weil mit dem Abschluss eines Arbeitsvertrages eine Meldepflicht an das Militär verbunden ist. In der westukrainischen Stadt Ternopil wurde kürzlich ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie Beamte des Rekrutierungsamts eine Baustelle stürmten und die Beschäftigten praktisch vom Gerüst herunter einzogen.

Im Gebiet Wolynien wurde im März ein Mann festgenommen, der mit einem Messer auf Rekrutierungsbeamte losgegangen war, die ihm den Musterungsbescheid zustellen wollten. In einem anderen westukrainischen Dorf verprügelten Einwohnerinnen eine auswärtige Autofahrerin, die sie für eine Hinweisgeberin der Rekrutierungsbehörden hielten, weil sie im Dorf herumgelaufen war und über die Zäune geguckt hatte. Überhaupt hält die geläufige Vorstellung, von der bis auf die Knochen patriotischen Westukraine, den Tatsachen nicht stand. Es scheint, dass hinter den nationalistischen Bekenntnissen und dem in Umfragen geäußerten »Durchhaltewillen« viel Maulheldentum steckt.

Gleichzeitig blüht der Schwarzmarkt für Ausreisemöglichkeiten. Das präsidententreue Portal Ukrainska Pravda berichtete allein im März in der Rubrik »Vermischte Meldungen« von mindestens einem Dutzend aufgeflogener Fälle mit teilweise mehreren Beteiligten. Da versteckte sich ein Wehrunwilliger im Wäschekasten eines nach Moldau ausreisenden Lkw – Kostenpunkt 3.000 US-Dollar; acht Männer versuchten, in wasserdichter Spezialkleidung, die vom Fluchthelfer gestellt wurde, eine Meeresbucht im Gebiet Odessa zu durchwaten; ein einzelner Flüchtling wurde tot im Grenzfluss Theiß an der rumänischen Grenze gefunden. Eine Frau mit Behinderung bot im Internet an, für 10.000 Dollar jemanden zu heiraten, der dann als ihr »Pfleger« von der Einberufung ausgenommen wäre. Im ukrainischen Parlament wurde im ­Februar beklagt, dass manche Personen mit Behinderungen sich auf diese Weise bis zu zehn »Pflegepersonen« zugelegt hätten.

Und natürlich stinkt der Fisch vom Kopf her: Im Bezirk Ternopil ließ sich ein Sergeant der Rekrutierungsbehörde mit Baumaterialien dafür bezahlen, dass er die Akte des Geschäftsinhabers eines Baumarkts verschwinden ließ; im Bezirk Lwiw verlangte eine Beamtin des ukrainischen Grenzschutzes 9.000 US-Dollar dafür, dass sie einen Mann, der legal nicht mehr aus dem Land kam, an einen unbewachten Abschnitt der Grenze bringen wollte. Der Kandidat hatte bereits in Polen gelebt und gearbeitet, aber die Unvorsichtigkeit begangen, seine schwerkranke Mutter in der Ukraine zu besuchen. Die Frau war dabei kein Unmensch: Sie riet dem Mann, er möge sich noch drei Leute suchen, die auch fliehen wollten, dann sei das Auto voll, und sie könnten sich das Schmiergeld teilen.

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