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Aus: Ausgabe vom 04.03.2024, Seite 11 / Feuilleton
Fotografie

Nur die Zukunft hat Entwickler

Fotochronist der geteilten Stadt: Eine Ausstellung in Berlin-Schöneberg über Jürgen Henschel (1923–2012)
Von Matthias Reichelt
Henschel_Sportpalast_Juni_1967.jpg
Dokumentarischer Sinn: Von Jürgen Henschel fotografierte Straßenszene in Schöneberg aus dem Jahr 1967 mit dem 1973 abgerissenen Sportpalast im Bildhintergrund

Es war immer etwas Besonderes, Jürgen Henschel bei seiner Arbeit inmitten von Demonstrationen zu beobachten. Der für Die Wahrheit, das Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins, kurz SEW, als festangestellter Pressefotograf arbeitende Henschel war weit über die Partei hinaus bekannt, weil er weder Berührungsängste noch ideologische Scheuklappen hatte. Ob politische Proteste, Industriebetriebe, Streiks, Alternativmilieu, Kulturbetrieb und, ganz wichtig, das Alltagsleben in der Stadt, kaum etwas entging seiner Kamera. Eine Fotografie vom 12. März 1967, vermutlich aufgenommen in der Rheinstraße in Berlin-Friedenau, zeigt Passanten und als Hauptinformation ein Wahlplakat der sich damals noch SED-W nennenden Partei mit dem Slogan »Gute Beziehungen nach Ost und West«, was angesichts der gegenwärtigen Situation eine große Aktualität bekommt. Der damalige Antikommunismus ist heute Russophobie.

Als Chronist der einzelnen Bezirke und ganz Westberlins hat er über die Jahre ein riesiges und unter stadthistorischen Aspekten enorm wichtiges Archiv geschaffen, das er den diversen Museen in den Bezirken vermachte. Eine kluge Lösung, die 2006 in einer Ausstellung mit einer Auswahl seiner Kreuzbergfotografien im Friedrichshain-Kreuzberg-Museum und einer Publikation im Berlin-Story-Verlag resultierte. Siebzehn Jahre später, im November 2023, legte das Schöneberg-Museum anlässlich Henschels 100. Geburtstags nach und eröffnete eine Ausstellung mit einer feinen Kollektion von Fotografien aus dem Bezirk von 1953 bis 1990, die am 2. Juni 2024 mit einer Finissage enden wird. Das Datum ist mit Bedacht gewählt, denn am 2. Juni 1967 entstand das bekannteste Foto Jürgen Henschels. Es zeigt den sterbenden Benno Ohnesorg, über den sich die Germanistikstudentin Friederike Dollinger mit entsetztem, nach oben gerichteten, hilfesuchenden Blick beugt. Der Zivilpolizist Karl-Heinz Kurras hatte Ohnesorg mit seiner Dienstwaffe in den Hinterkopf geschossen, wie bei einer Hinrichtung – ein klarer Mord. Henschels Bild gelangte als Titelfoto auf den Sonderdruck des vom ASTA der Freien Universität herausgegebenen FU Spiegel. Natürlich darf auch dieses Foto nicht in der Ausstellung fehlen, die ansonsten den Fokus auf Schöneberg richtet.

Überzeugter Kommunist

Das dem Museum von Henschel überlassene Konvolut umfasst 23.000 Negative, die von der freien Ausstellungsmacherin Johanna Muschelknautz mit Unterstützung von Marie Lührs gesichtet wurden. Jürgen Henschel, 1923 in Berlin geboren und dort 2012 gestorben, hatte eine Ausbildung zum Landwirt in Brandenburg absolviert und arbeitete anschließend auf einem Gut in Österreich. 1941 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und geriet in der Sowjetunion in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1949 nicht nur als Kriegsgegner, sondern als überzeugter Kommunist nach Berlin zurückkehrte, wo er 1950 in die SED eintrat. Anfangs wurde er beim Wiederaufbau eingesetzt und arbeitete dann als Hilfsschlosser beim von der DDR betriebenen Reichsbahn-Ausbesserung-Werk (RAW) Tempelhof und dokumentierte dort politische Aktivitäten.

Eine Fotografie unbekannter Quelle von 1957 zeigt Henschel mit deutlichen Gesichtsverletzungen, deren Ursache nicht überliefert ist, die Ausstellungsmacherinnen aber zu vorsichtiger Spekulation anregte: »In der aufgeheizten Stimmung des Kalten Krieges ist Henschel als bekennender Kommunist in Westberlin immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Wegen ›illegaler Propaganda‹ kommt er mehrfach in Haft.«

1958 kandidierte Jürgen Henschel für die SEW in Schönberg, scheiterte aber ebenso wie die Partei in den folgenden Jahren, nicht zuletzt aufgrund eines immer noch virulenten und neu geschürten Antikommunismus. Henschel hatte bereits in der Jugend eine Leidenschaft für die Fotografie entwickelt und knüpfte gleich nach seiner Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft wieder daran an, begann sich zu professionalisieren und machte das Fotografieren schließlich zu seinem Beruf, der ihm eine Festanstellung einbrachte.

Sein Blick war wesentlich breiter als der Parteiauftrag. Er hatte schon immer die Stadt dokumentiert: den Abriss von Häusern, die eigentlich als erhaltenswert ausgewiesen waren, Kriegsruinen, Tauschhandel am Winterfeldtplatz, Nachtaufnahme am Gustav-Müller-Platz, die Maaßenstraße am Nollendorfplatz mit provisorischen Verkaufsbuden, Schlange stehen nach Alkohol vor einer Lutter & Wegner-Filiale. Die reaktionären Plakatierungen des Komitees »Unteilbares Deutschland« entgingen Henschel ebenso wenig wie das Antiatomwaffenplakat vom »Arbeitsausschuss gegen Atomtod« am Lauterplatz 1958, das heute erneut aktuell ist. Auch Forderungen wie die nach kleineren Schulklassen oder einem Stopp des Autobahnbaus – beide aus dem Jahr 1978 – stehen 46 Jahre später immer noch auf der Agenda.

Ein ausgewiesenes Interesse für Kunst und Kultur ließ Jürgen Henschel regelmäßig im 1969 gegründeten Kunstverein NGBK erscheinen, um Ausstellung und Pressekonferenzen zu dokumentieren, ebenso in der Elefanten-Press-Galerie und bei linken Straßentheatern und Bühnen. Dem Fotografen Michael Ruetz war Jürgen Henschel bereits 1967 am Rande einer Demonstration der APO aufgefallen. Er hielt ihn fest beim Fotografieren mit seiner Kleinbildspiegelreflexkamera Exakta Varex von der traditionsreichen Firma Ihagee in Dresden und einer Rolleiflex 6 x 6 vor dem Bauch.

Nah an den Menschen

Über Henschels Bilder kann mit dem französischen Literaturwissenschaftler André Monglond treffend gesagt werden: »Nur die Zukunft hat Entwickler zur Verfügung, die stark genug sind, um das Bild mit allen Details zum Vorschein kommen zu lassen.« Mit Henschels Fotografien lassen sich Stadtgeschichte, städtebauliche Veränderungen, Alltagskultur und Mode rekapitulieren und erforschen.

Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung erinnerten sich eine Kollegin und drei Kollegen aus der Wahrheit-Redaktion an Jürgen Henschel und beschrieben ihn als bescheidenen, freundlichen und kollegialen Menschen, der nie viel Gewese machte und sich nie in den Vordergrund drängte. Der frühere Redakteur Ruprecht Frieling brachte es am Ende der Veranstaltung auf den Punkt: Jürgen Henschel war immer ganz nah an den Menschen dran.

Schöneberg Museum, bis 2.Juni 2024, Sa bis Do 14–18 Uhr, Fr 9–14 Uhr

https://museen-tempelhof-schoeneberg.de/henschel/

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Detlev R. aus Tshwane, Südafrika (3. März 2024 um 20:19 Uhr)
    Ich freue mich sehr, dass mein ehemaliger »Wahrheit«-Kollege Jürgen Henschel in dieser Weise in der Berliner Öffentlichkeit anerkannt und gewürdigt wird. Was zu Westberliner Zeiten und auch während der sogenannten »Wendezeiten« noch undenkbar war. Ich erinnere mich an Jürgen als einen sehr angenehmen Kollegen und Genossen, mit viel Humor und Demut. Weil er keinerlei Berührungsängste hatte, mag er wohl der bekannteste und dazu akzeptierteste SEWler in ganz Westberlin gewesen sein. Er war, was man hier (wo ich jetzt lebe) als »street wise« bezeichnet. Eine leider sehr seltene Eigenschaft bei Genossen und -innen. Und Jürgen war absolut zuverlässig und loyal, auch wenn er (in der Partei) viel gesehen und empfunden hat, was ihm gegen den Strich ging. Er hat mir mal bei einem Gespräch im DW-Fotoarchiv gesagt, ich solle nicht immer alles so bierernst nehmen, was in der Partei geschieht.

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