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Aus: Ausgabe vom 29.02.2024, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Schreie bedeuten Treffer

Siedlerkolonialismus im Spätwestern: »Colonos« von Felipe Galvéz Haberle
Von Kai Köhler
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Nichts zu lachen: Landnahme ist eine ernste Angelegenheit

Drei bewaffnete Männer haben einen Auftrag, reiten durch die Prärie, durch Wälder und Gebirge, und die wenigen Gespräche am Lagerfeuer sind grimmig. Das sind vertraute Westernzutaten, doch »Colonos« (»Die Siedler«) spielt am entgegengesetzten Ende des amerikanischen Doppelkontinents, im äußersten Süden Chiles. Um die Wende zum 20. Jahrhundert lässt der reiche Schafzüchter José Menéndez einen Weg zur Atlantikküste erkunden, um von dort aus seine Ware verschiffen zu können. Unausgesprochen gibt es ein zweites Ziel: Ureinwohner, für die Eigentumstitel an Land und Tier keine Bedeutung haben, aufzuspüren und zu töten.

Menéndez gab es ebenso wie Alexander McLennan, den Anführer der Dreiergruppe. Als Auftraggeber und Ausführender waren sie zentrale Protagonisten des Genozids an den Selk’nam. Wer Menéndez abgeschnittene Ohren von Toten brachte, bekam eine Belohnung. Als dem Großgrundbesitzer auffiel, dass nun lebendige Selk’nam ohne Ohren herumliefen, zahlte er nur noch für Köpfe oder innere Organe.

Durch diesen historischen Hintergrund ist auch die Stimmung des Films gesetzt. Der Umgang jeder Person mit beinahe jeder anderen ist erbarmungslos, eine freundliche Geste ist die Ausnahme. McLennan verachtet den Yankee Bill, den Menéndez ihm an die Seite gegeben hat, genauso wie der ihn verabscheut. Und keiner der beiden verbirgt den rassistischen Dünkel gegenüber Segundo, dem »Halbblut«, der für die Weißen nicht besser ist als irgendein Indio. Immerhin kann – so McLennan – Segundo besonders gut schießen. Doch auf wen, wendet Bill ein, wird er im Ernstfall sein Gewehr richten?

Die drei begegnen verschiedenen Gruppen: Ureinwohnern, argentinischen Grenzern, Outlaws. Was das Genre angeht, ist »Colonos« auch ein Roadmovie, nur eben noch ohne Straßen. Nicht jede dieser Begegnungen endet tödlich. Erfreulich ist keine. Ein einziger Weißer lobt die Schönheit der Einheimischen: ein Landvermesser, der dann seinen jugendlichen Gehilfen nachts zu sich ins Zelt befiehlt. Beziehungen zu Frauen sind durch Machtausübung gezeichnet: durch Vergewaltigung in der Wildnis, durch Kälte in der Familie von Menéndez.

Im Spätwestern treten die grandiosen Landschaftspanoramen aus der großen Zeit des Genres zurück, und die Kämpfe spielen sich auf unübersichtlichem Terrain ab. »Colonos« ist hier keine Ausnahme, radikalisiert dies vielmehr. Selten erlaubt die Kamera einen weiten Blick auf die Gegend, in der sich das Geschehen abspielt. Es gibt viele Nachtszenen, und eine entscheidende Sequenz, die den Mord an einer Gruppe der Selk’nam zeigt, verläuft im Morgennebel. McLennan und Bill feuern beinahe ins Nichts, und nur Aufschreie verraten, dass da doch jemand war.

Und Segundo? Der beste Schütze der Gruppe richtet sein Gewehr bald hier-, bald dorthin. Er könnte auch mühelos die Mörder erledigen. Der Schweigsamste unter den drei gehässigen Schweigern ist in seiner Rätselhaftigkeit wohl die Hauptfigur dieses Films: jemand, der halb mitmacht, doch nicht ganz; verachtet von den Weißen, doch Feind der Seinen. Und wenn er schließlich doch tötet, bleibt das Motiv uneindeutig.

Der chilenische Regisseur Felipe Gálvez Haberle liefert damit einen Beitrag zu den Diskussionen um den Status der überlebenden Ureinwohner, die auch die Verfassungsdebatte der vergangenen Jahre beeinflusst haben. Wichtig ist dafür besonders der letzte Teil des Films. Für Siedlerkolonialismen ist typisch, dass die Leute an der Front Klartext reden und konsequent Gewalt ausüben, während die Regierung im Hinterland nettere Worte bevorzugt und von manchen Mitteln nicht möchte, dass sie angewendet, oder wenn doch, dass sie wenigstens nicht bekannt werden. Jahre nach den Ereignissen der Haupthandlung sendet der Präsident in Santiago einen Beauftragten in die Südregion, der soll sowohl die Verbrechen aufklären soll, die Menéndez begangen hat, als auch einen Film herstellen, der die Einheit der Nation feiert: Die Ureinwohner, die Siedler – sie alle sollen Chilenen sein. Auch hier wird das Spannungsverhältnis bis zum Ende nicht aufgelöst.

Das ist nicht politische Unentschiedenheit, sondern entspricht den Widersprüchen in den politischen Kämpfen. Haberle zeigt dies im Kleinen in einer Fülle sozial bedeutsamer Gesten. Er zeigt dies ebenso in der Bildwelt seines Films, die nicht einfach Landschaft präsentiert, sondern das Bemühen veranschaulicht, sich in einer von Menschen geschaffenen menschenfeindlichen Umgebung zu orientieren.

»Colonos«, Regie: Felipe Gálvez Haberle, Chile (u. a.) 2023, 100 Min., bereits angelaufen

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