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Aus: Ausgabe vom 29.02.2024, Seite 6 / Ausland
Krieg gegen Gaza

Nicht länger beteiligt sein

Mutmaßliche US-Beteiligung am Krieg gegen Gaza mit Bodentruppen soll hinter Selbstverbrennung von Soldatem stehen
Von Dominik Wetzel
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Blumenniederlegung in Gedenken an den Soldaten Bushnell (Manhattan, 27.2.2024)

Was tun, wenn die Armee, der man dient, Kriegsverbrechen und sogar Völkermord begeht?
Diese Frage stellte sich wohl der Soldat der US-Luftwaffe, Aaron Bushnell (25), und entschied sich, lieber zu verbrennen, als Unrecht zu tun. »Ich werde einen extremen Akt des Protests begehen«, kündigte er seine Tat am Sonntag an, »doch im Vergleich zu dem, was die Menschen in Palästina durch die Hand ihrer Kolonialisten erlitten haben, ist es überhaupt nicht extrem. Unsere herrschende Klasse hat beschlossen, dass dies normal sein wird.«

Diese Worte teilte er der Welt in einem Livestream zur Tat mit, bevor er sich in Washington vor die israelische Botschaft stellte. Dann übergoss er sich mit Benzin und setzte sich in Flammen. »Freiheit für Palästina«, rief er immer wieder, bis er zu Boden sank. Schnell eilten Geheimdienstbeamte zu dem brennenden Mann, um ihn zu löschen. Ein Polizist näherte sich mit gezogener Waffe, die er auf lodernden Mann richtete. Ein Ersthelfer rief: »Ich brauche keine Kanonen, ich brauche Feuerlöscher.«

Bushnell stammte aus Whitman, Massachussets und arbeitete als Spezialist für Cyberverteidigung der 531. Nachrichtendienstlichen Unterstützungsstaffel im Stützpunkt Lackland in San Antonio, Texas. Seit 2020 hatte er aktiv gedient, so die Air Force am Montag abend. »Er war empört und wusste, dass niemand, der das Sagen hat, den Demonstranten da draußen jede Woche zuhört«, erklärte Lupe Barboza gegenüber der Washington Post zu Bushnells Beweggründen. Sie hatte ihn 2022 in San Antonio bei einer Veranstaltung einer sozialistischen Organisation kennengelernt. Er habe gewusst, »dass er als Weißer und Angehöriger des Militärs ein Privileg hat«, so Barboza.

Die Vereinigten Staaten stellen Israel jährlich mindestens 3,8 Milliarden US-Dollar an Militärhilfe zur Verfügung, mit Ausnahme der Ukraine erhält kein anderes Land auch nur annähernd so viel Unterstützung. Nach eigenen Angaben werden US-Streitkräfte in Israel nur eingesetzt, um »Geiseln, einschließlich amerikanischer Geiseln, zu identifizieren«, berichtete etwa die New York Times. Überwachungsdrohnen fliegen laut dem Blatt seit November über dem Gazastreifen. Woran Bushnell genau beteiligt war, ist unklar. Es hat ihn jedoch dazu veranlasst, im Video zu erklären: »Ich werde nicht länger am Völkermord beteiligt sein«.

Laut Informationen der New York Post vom Dienstag soll er kurz vor seinem Suizid gegenüber einem Freund von einer »streng geheimen Freigabe« für Daten des militärischen Geheimdienstes geredet haben. »Er hat mir am Sonnabend gesagt, dass wir Truppen in diesen Tunneln haben, und dass US-Soldaten an den Morden beteiligt sind«, sagte der Freund zu dem Portal, das seine Verbindung zu Bushnell überprüft hat. Seine Aufgabe sei die Verarbeitung von Geheimdienstdaten gewesen, und er habe gesagt, dass US-Soldaten viele Palästinenser töten würden. In seinem Abschiedsbrief via Facebook, der das Symbol des Anarchismus trägt, schrieb Bushnell: »Was würde ich tun, wenn mein Land Völkermord begehen würde? Die Antwort ist, du tust es. Genau jetzt.«

Die Geschichte kennt ähnliche Fälle. Am 2. November 1965 protestierte der US-amerikanische Antikriegsaktivist Norman Morrison vor dem Pentagon gegen den Vietnamkrieg, indem er sich vor den Augen des damaligen US-Verteidigungsministers Robert McNamara verbrannte. Am 17. Dezember 2010 entfachte der tunesische Straßenhändler Mohammed Bouazizi mit einer ähnlichen Selbstverbrennung den sogenannten Arabischen Frühling. Der französische Sozialpsychologe Émile Durkheim bezeichnete diese Form des Protestes in seiner Studie des Selbstmordes als »altruistischen Suizid«: Ein Individuum bewertet eine Sache höher als sich selbst und ist bereit, das eigene Leben für einen anderen oder etwas anderes auszulöschen.

Die marxistische Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) drückte über den Nachrichtendienst Telegram ihre »volle Solidarität« aus, »trotz ihres tragischen Charakters und des großen Schmerzes« sei die Tat »die wichtigste ergreifende Botschaft an die amerikanische Regierung«. Der ehemalige Präsident Boliviens, Evo Morales, erklärte bei X: »Sein Opfer darf nicht umsonst gewesen sein, wir dürfen nicht aufhören zu kämpfen, bis dieser Völkermord gestoppt ist und die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden.«

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