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Aus: Ausgabe vom 24.02.2024, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Neue Impressionen aus Afrika

Berlinale. Vom World Cinema Fund geförderte afrikanische Filme
Von Kai Köhler
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Über das Geschehene nicht mehr streiten – Szenenbild aus »As Noites Ainda Cheiram a Pólvora«

Die Berlinale zeigt nicht nur Filme aus Ländern, die sonst nur selten oder nie Filme in europäische Länder bringen. Über den World Cinema Fund unterstützt sie, in Zusammenarbeit u.a. mit dem Auswärtigen Amt, auch die Produktion von Filmen. Das ist verdienstvoll und problematisch zugleich. Wer zahlt, bestimmt vielleicht mit – wenn nicht über direkte Zensur, so doch bei den Ideen der Antragsteller. Und diese Stiftung ist nur eine von vielen Unterstützerinnen. Keiner der auf der Berlinale 2024 gezeigten afrikanischen Filme kam ohne europäische Gelder aus.

Im Wettbewerbsbeitrag »Dahomey« von Mati Diop (Produktionsländer Frankreich, Senegal und Benin) geht es um die Rückgabe von 26 Statuen an Benin. Lange, ruhige Einstellungen zeigen Transport, Ankunft, zuletzt den neuen Ort der Objekte. Als Erzählerin aus dem Off fungiert eine Königsstatue, ihre Perspektive schildert das Dunkel im französischen Museumsarchiv und die zunächst irritierende Ankunft in der Heimat, die so ganz anders ist als in der Erinnerung. Unruhiges Zentrum des Films ist hingegen ein lebhaftes Streitgespräch von Studierenden. Ist die Rückgabe der 26 von immerhin 7.000 geraubten Objekten ein guter Anfang oder eine Provokation? Handelt es sich um Kultgegenstände, die in den Alltag zurückkehren sollen? Oder muss man, wie eine Studentin, vor den alten Zuständen Angst haben, gehören die Sachen ins Museum? Welche Rolle soll die Tradition spielen, und wieso streitet man sich darüber ausgerechnet auf französisch?

»À quand l’Afrique?« – Afrika wohin? lautet die Titelfrage eines Filmessays von David-Pierre Fila. Hier geht es um ein afrikanisch eigenes, um ein Bewusstsein, das sich von dem der Kolonisatoren absetzt. Unermüdlich kontrastiert Fila farbenstrotzende Landschaftsaufnahmen und bunte Szenen beinahe noch traditionellen Dorflebens mit trüben Einstellungen, die die Hässlichkeit von Stadt, Industrie und Technik zeigen. Das dürfte wirklich so aussehen. Freilich wäre ein vormodernes Afrika wehrlos und wieder dem Zugriff von außen ausgeliefert, und es wäre im Bewusstsein seiner Bewohner kein »Afrika«, denn eine so große (und abstrakte) Einheit ist vom Dorf aus nicht zu begreifen. Ein Gegenbild entwirft denn auch »Tongo Saa« von Nelson Makengo. In den flussnahen Stadtteilen der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa ist nach einer Überflutung der Strom ausgefallen – und was alles geht nun nicht mehr! Makengo zeigt, wie die Bewohner ihr Leben in Wasser und Dunkelheit improvisieren, dennoch Weihnachten und Neujahr feiern, Härten erleiden und vor allem, wie sie streiten, sich organisieren und kooperieren. Schließlich müssen sie von der Stadtverwaltung Material erstreiten und neue Leitungen bauen. Ohne moderne Technik geht nichts mehr.

Zwei Filme haben die Vergangenheit als Ausgangspunkt. Inadelso Cossa befragt in »As Noites Ainda Cheiram a Pólvora« Bewohner seines Heimatdorfes nach ihren Erinnerungen an die Bürgerkriegszeit in Mosambik. Tatsächlich riechen die Nächte, wie der Titel androht, noch nach Schießpulver. Nur sehr schwer bringt Cossa seine Großmutter zum Sprechen. Eine andere alte Frau will nicht mehr über das Geschehene streiten – es liege weit zurück, und schuldig seien alle geworden. Ihr Lebensgefährte, früher Angehöriger der rechten Renamo-Rebellen, die im Dorf gemordet haben, erinnert sich mal ganz gerne an frühe Kämpfe, mal zieht er sich in die Wildnis zurück. Die Feindschaft dauert fort.

Das gilt auch für »Disco Afrika: une histoire malgache« von Luck Razanajaona. Der Jugendfilm, der in der Sektion »Generation 14plus« gezeigt wird, spielt auf Madagaskar. Die Hauptfigur heißt Kwame, wie Kwame Nkrumah, der von 1960 bis 1966 Präsident Ghanas war und einen antiimperialistischen Pan­afrikanismus vertrat. Kwames Name ist kein Zufall, denn sein Vater war politischer Aktivist. Kwame ist zunächst ein ehrgeiziger Einzelner, der von einem guten Leben im Ausland träumt. Als das nicht funktioniert, setzt er sich mit dem Schicksal seines Vaters auseinander, der nach einer Demonstration verhaftet, gefoltert und ermordet wurde. Er trifft auf Gewerkschaftler und lässt zusammen mit ihnen eine Bande auffliegen, die wertvolle Hölzer außer Landes schmuggeln möchte. Am Ende fühlt er sich sowohl als Madegasse als auch als Afrikaner; die Entwicklung hat ihn zu dem geführt, das sein Name bereits vorgab. Die Auswahl der Musiktitel in dieser »Disco Afrika« macht die Einheit von Einzelstaat und politisch bestimmtem Kontinent hörbar. Dass dieses politisch klarste Werk unter den Afrikafilmen vom World Cinema Fund gefördert wurde, zeigt immerhin die Möglichkeit, mit den Geldern etwas Sinnvolles zu machen.

»Dahomey«, Regie: Mati Diop, Frankreich/Senegal/Benin 2024, »Wettbewerb«, 67 Min., 25.2.

»À quand l'Afrique?«, Regie: David-Pierre Fila,Kongo/Angola/Kamerun 2024, 90 Min., »Panorama Dokumente«, 24.2.

»Tongo Saa«, Regie: Nelson Makengo, DR Kongo/Belgien/BRD/ Burkina Faso/Katar 96 Min, »Panorama Dokumente«, 24.2., 25.2.

»As Noites Ainda Cheiram a Pólvora«, Regie: Inadelso Cossa, Mosambik/BRD/Frankreich/Portugal/Niederlande/Norwegen 2024, 93 Min., »Forum«

»Disco Afrika: une histoire mal­gache«, Regie: Luck Razanajaona, Frankreich/Madagaskar/BRD/Mauritius/Südafrika/Katar 2023, 81 Min., »Generation 14plus«, 24.2., 25.2.

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