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Aus: Ausgabe vom 21.02.2024, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

»Bitte bleiben Sie!«

Berlinale. Der Preis des Erfolgs: Matthias Glasners Spielfilm »Sterben«
Von Ronald Kohl
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Wie sehr darf man sich als Künstler für den Erfolg verbiegen – Lars Eidinger im Testlauf

Seine Mutter Lissy (Corinna Harfouch) sitzt total in der Scheiße, und Liv (Anna Bederke), seine große Liebe, bekommt ein Baby von einem Typen, den sie nicht leiden kann. Tom (Lars Eidinger) hatte Liv versprochen, bei der Geburt dabei zu sein, sie zu unterstützen. Seiner Mutter verspricht er nun vorbeizukommen, sobald das Baby da ist. »Schade, dass es nicht von dir ist«, sagt sie und hält das Handy möglichst weit von sich. Gerd (Hans-Uwe Bauer), ihr demenzkranker Mann und Toms Vater, hat mal wieder eine ziemliche Sauerei angerichtet. Überall in der ansonsten recht hübschen Wohnung ist Kacke, und auch das Telefon muss etwas abbekommen haben.

Dramen wie »Sterben« leben ja immer von Komik und Trauer. Ich kann nicht leugnen, dass im Kino sehr gelacht wird, wenn Toms Eltern mit dem Auto zum Supermarkt fahren. Der Vater darf nicht mehr ans Steuer, und die Mutter, die den Wagen entsprechend seiner Zurufe lenkt, sieht nichts mehr. Die Frage ist nicht, ob das nun wirklich komisch ist. Was stört, ist, dass es eine unnütze Fahrt ist, die in die Handlung hineingepresst wurde; der Einkauf ist minimal und hätte auch anders erledigt werden können, den großen Fahrriemen hat nämlich keiner mehr von beiden.

Andererseits spiegeln die zahllosen Lacherfolgsschnörkel das Thema des Films recht gut wider, und es gibt darüber hinaus auch etliche wirklich absolut gelungene Gags. Doch bleiben wir beim Thema. Die große, ewig interessante Frage lautet: Wie sehr darf ich mich als Künstler verbiegen, um Erfolg zu haben? Für den Komponisten Bernard (Robert Gwisdek) steht fest: gar nicht!

Bernard ist der beste Freund von Tom, der als Dirigent gleichzeitig Bernards künstlerischer Partner ist. Sie haben reichlich Sponsoren aufgetrieben, um Bernards Sinfonie »Sterben« zur Aufführung zu bringen. Doch der hochdepressive Bernard ist weder mit der aktuellen Fassung seiner Komposition zufrieden noch mit dem Orchester und mit seinem Dirigenten schon gar nicht. Bei jeder Probe rumst es im Karton. Als Tom dann auch noch auf die grandiose Idee kommt, einen Chor einzuflechten, rastet Bernard komplett aus.

Interessant ist an dem Gespann Tom/Bernard, dass sich Filmemacher Matthias Glasner darin als gespaltene künstlerische Persönlichkeit outet. Einerseits ist er der erfolgsverwöhnte Regisseur, der genau weiß, wie der Hase läuft, andererseits aber auch der von Selbstzweifeln geplagte Drehbuchautor. Doch Glasner ist mit seiner Karriere jetzt an einem Punkt angelangt, wo er diesen Schritt machen muss. Wirklich Großartiges kann er nur noch als Ein-Mann-Team erschaffen. Bezeichnenderweise entsteht aus dem perfekten Zusammenspiel des kreativen Grüblers mit dem elangeladenen Dirigenten die mit Abstand stärkste Szene des Films. Hier zeigt Glasner, dass er immerhin genau weiß, was er will: echtes Drama gepaart mit explodierender Komik.

Es ist der Moment, in dem »Sterben« endlich uraufgeführt wird, und zwar in der Berliner Philharmonie. Ausverkauftes Haus. Der Dirigent steht bereits am Pult. Nur zwei Plätze sind noch leer. Toms Schwester Ellen und ihr neuer Freund haben sich mal wieder verspätet. Wie es sich für Touris aus Hamburg gehört, haben sie die Nacht zuvor zum Tag gemacht. Dann schaffen sie es aber doch noch, nehmen eilig Platz. Ellen muss kurz husten. Jeder Alkoholiker weiß sofort: Das ist nicht Corona. Der freundliche Herr hinter ihnen bietet ihr noch einen Lutschbonbon an, und dann kotzt sie auch schon der Dame vor ihr den ersten Schwall ins Genick. Bernard, der bei einer Probe auch schon mal seine Cellistin vermöbelt hat, will Ellen mit Gewalt aus dem Saal zerren. Alle anwesenden Kavaliere stürzen sich auf ihn. Die anderen Gäste fliehen. Bernard reißt sich los und ruft: »Bitte bleiben Sie! Bleiben Sie, und setzen Sie sich wieder auf Ihre Plätze! Wir fangen noch einmal von vorn an!«

Das ist bei einem Film, der über drei Stunden geht, immer eine gute Idee.

»Sterben«, Regie: Matthias Glasner, Deutschland 2024, 180 Min., »Wettbewerb«, 21. und 25.2.

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