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Aus: Ausgabe vom 12.02.2024, Seite 16 / Sport
Fußballrealität

In Deckung

Die Proteste der Fußballfans gegen den DFL-Investorendeal gehen weiter
Von Peer Schmitt
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Wer noch ein paar Tennisbälle braucht, der nimmt sie einfach mit: Spielunterbrechung nach Fanprotesten im Stadion an der Alten Försterei in Berlin (10.2.2024)

Im Fußballstadion wird die Ordnung vom Prinzip der Trennung bestimmt – räumlich, symbolisch, ökonomisch. Was immer man im Stadion an Unvorhergesehenem unternehmen mag, kann dazu führen, dass diese Trennungen vorübergehend oder permanent aufgehoben werden. Die auch am Wochenende anhaltenden Proteste der Fußballfans gegen den Investorendeal der Deutschen Fußball Liga (DFL) oder, wie die Fans es nennen, den »Investorenterror« zeigen auch das.

Erst eine »letzte Warnung« über die Stadionlautsprecher bremste am Sonnabend bei der Bundesligabegegnung zwischen Union Berlin und dem VfL Wolfsburg (1:0) den Protest. Noch ein weiterer Tennisball auf dem Rasen oder irgendeine andere Störung des Spielverlaufs und das Spiel wäre abgebrochen worden. Die Eskalation im Investorenstreit zwischen den Ultras und der DFL hätte eine weitere Stufe erreicht.

Der unmittelbar bevorstehende Spielabbruch wurde am Ende noch verhindert. In Köpenick waren die Proteste zwar am heftigsten ausgefallen, aber es waren nicht die einzigen. Auch das Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Darmstadt 98 (0:0) musste längere Zeit unterbrochen werden. »Es hilft nichts, sich jetzt gegenseitig Vorwürfe zu machen, sondern man muss reden«, sagte Gladbachs Sportdirektor Roland Virkus. In Gladbach sei man schon in einem sehr guten Austausch mit der aktiven Fanszene.

Die Botschaft, die am Wochenende nicht nur aus der Kurve im Stadion an der Alten Försterei in Berlin an die DFL gesendet wurde, war eindeutig. Der reibungslose Ablauf der Spiele im Profifußball liegt in den Händen der Fans. Und die sind sich dieser Macht inzwischen bewusst. Denn die Ultras sind nicht nur gut organisiert, sie wissen um die symbolischen, historischen und auch ökonomischen Implikationen ihrer Totalidentifikation mit dem Fußball. Ihr Zugang ist zwar zunächst primär ästhetisch (die »Choreographie« ist alles), aber eine wachsende Politisierung ist unübersehbar. Die vorerst gewählte Waffe ist der Tennisball. Eine gute Wahl, sowohl in symbolischer als auch praktischer Hinsicht. Ein Tennisball ist verhältnismäßig billig und überall erhältlich. Er ist leicht transportierbar, sein Besitz ist völlig legal, und er erinnert nicht zuletzt daran, dass Tennis bereits ein für die ihn regierende Korruption berüchtigter Profisport war, als von so etwas wie der Fußballbundesliga und ihren Vermarktungsrechten nicht einmal geträumt wurde.

Einige der am letzten Wochenende auf oder neben dem Rasen von den Tennisballwürfen betroffenen Akteure nahmen die Interventionen sportlich. »Ich brauche noch ein paar Tennisbälle, die nehme ich einfach mit«, sagte Union-Profi Robin Knoche zu den Fanprotesten beim Heimspiel seines Vereins. Und auch Darmstadts Trainer Torsten Lieberknecht, der mit seinem Team für gewöhnlich neben einem Tennisplatz trainiert, gab sich abgeklärt: »Wir wissen, was zu tun ist. Wir gehen in Deckung, wenn die Bälle geflogen kommen.«

Auszuweichen oder Deckung zu nehmen, könnte durchaus zur Routineübung werden. Denn die Gräben zwischen Ultras und DFL sind tief. Aber auch die Rufe nach einem Dialog und einer gemeinsamen Lösung werden lauter. »Ich finde, irgendwann sollten wir schon einen gemeinsamen Weg finden, damit das aufhört. Wir können nicht jedes Mal 30 Minuten länger spielen«, sagte Wolfsburgs Trainer Niko Kovač, der grundsätzlich Verständnis für Proteste zeigte, am Samstagabend in Berlin.

Das Topspiel des Samstags zwischen Bayer Leverkusen und Bayern München (3:0) startete mit rund achtminütiger Verspätung, weil Gegenstände auf den Rasen flogen. Am Freitag hatte es beim Nordduell zwischen dem Hamburger SV und Hannover 96 (3:4) Grenzüberschreitungen gegeben, als Plakate mit Porträts in Fadenkreuzen auftauchten, darunter der Kopf von Hannovers Geschäftsführer Martin Kind.

Der spielt eine zentrale Rolle in der Auseinandersetzung zwischen einem Teil der Fans und der DFL. Der Geschäftsführer der Profiabteilung in Hannover soll entgegen der Anweisung seines Vereins bei der DFL-Mitgliederversammlung im Dezember für den Einstieg eines Investors gestimmt haben. Ohne Kinds Stimme wäre der Deal gescheitert.

Eine zentrale Forderung der Fans ist, dass die Abstimmung über einen Investoreneinstieg bei der DFL wiederholt wird. Einige Klubbosse wie Claus Vogt (VfB Stuttgart) oder Dirk Zingler (Union Berlin) sehen das ähnlich. Vorstandschef Jan-Christian Dreesen von Bayern München hingegen kritisierte in der Welt am Sonntag die Auswüchse der Proteste. Es gehe in »einigen Ultra-Szenen (…) nicht mehr um den Fußball, sondern in erster Linie um Machtdemonstration«. Diese »unlautere« Beeinflussung des Spiels, betonte das Mitglied des DFL-Präsidiums, werde »nichts ändern an der grundsätzlichen Einstellung der Mehrheit der 36 Bundesligaklubs«.

Ein Kompromiss scheint derzeit schwer erreichbar. Die Proteste dürften fortgesetzt werden.

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