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Aus: Ausgabe vom 12.02.2024, Seite 15 / Politisches Buch
Fleischersatz im Anmarsch

Gezüchtete Klopse

Frisch aus dem Bioreaktor: Ein Buch über tierfreie Wurst an der Supermarkttheke als Hebel der »Ernährungswende«. Investmentfonds mischen mit
Von Oliver Rast
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Ausdruck: Forschung mit Kunstfleisch an der Hochschule für angewandte Chemie in Reutlingen (7.4.2021)

Wandel und Wende allerorten. Auch bei der Ernährung. Eine Folge: Dem Metzgerhandwerk, ohnehin seit Jahrzehnten auf dem Rückzug, geht’s ans an den Kragen. Fleisch- und Wurstersatz drängen in die Auslagen gekühlter Theken der Supermärkte. Tierfreie Produkte sind en vogue. Vorneweg solche auf Pflanzenbasis. Bei Laborfleisch dürften Verbraucher aber noch zögern. Gezüchtete Fleischzellenklopse aus stählernen Bioreaktoren auf heimischen Tellern? Ein Gaumenschmaus? Fraglich.

Geschmacksnoten sind für Christian Weymayr hingegen zweitrangig. Alternatives Fleisch sei alternativlos, meint der promovierte Biologe und Medizinjournalist in seinem Bändchen »Vergesst Fleisch! Wie wir klug die Welt ernähren«. In diesem Sinne appellativ angelegt ist seine Schrift durchgehend, ohne allzu moralinsauer zu werden. Gut so. Weymayr kennt einen gewichtigen Protagonisten für die Ernährungswende: Godo Röben, Exgeschäftsführer für Forschung und Entwicklung der Wurstfirma Rügenwalder Mühle. Der Kreateur der Veggiemortadella, die Pionierin fleischlosen Belags. 2014 war das.

Warum die kulinarische Revolte? Rund 97 Prozent des konsumierten Fleisches hierzulande kommt aus industrieller Massentierhaltung. Tierleid pur. Nicht zuletzt ein Raubbau an der Umwelt, findet Weymayr. Der Beleg frisch serviert: Für ein Kilo Rindfleisch werden statistisch 100 Kilogramm Kohlendioxid ausgestoßen, landen 130 Kilogramm pflanzliche Nahrung im Kuhmagen und werden knapp 260 Liter Wasser benötigt. Desaströs, der ökologische Fußabdruck.

Die Zauberformel für Retortenfleisch heißt Fermentation. Speziell »genetisch optimierte« Präzisionsfermentation. Mit dem Gärungsverfahren werden Pflanzen- oder Pilzproteine in tierähnliche oder tierische Zutaten umgemodelt. »Echte Tierzellen vermehren sich in Bioreaktoren, differenzieren sich zu Fett-, Bindegewebs- und Muskelzellen aus, verbacken zu Muskelgewebe und kommen schließlich als echtes Fleisch in den Handel.« Wohl bekomm’s!

Bislang ist erst der Sprung vom Labor zur Pilotproduktion geschafft. Es fehlt an Anlagen, die täglich Tonnen künstliches Echtfleisch herstellen können. Ferner fehlt eine Zulassung für die appetitlichen Surrogate in diesem Land. Alles nur eine Frage weniger Jahre, so Branchenkenner, bis das Reaktorimitat neben Schweinshaxe, Hähnchenkeule und Rumpsteak bei der Fleischfachverkäuferin geordert werden kann. Kopie und Original: Optisch, geschmacklich und preislich nahezu ununterscheidbar. »Traditionalisten« stört das. Fleisch kommt von Lebewesen, nicht aus einer Versuchsanstalt. Keine Pseudoschweinerei bitte, wenden sie ein. Nur, die Lobby der Schlachtfleischfans schwindet. In ein, zwei Dekaden könnten sie als lukullische Obskuranten gelten.

Das ahnen diverse Startups und Unternehmen der »Old Economy« längst. Sie tummeln sich vorsorglich im Marktsegment »kultiviertes Fleisch«. Zunehmend wittern auch Investmentfonds und »Risikokapitalanleger« fette Beute. Der Trend zeigt nach oben, die Branche alternativer Fleisch- und Milchprodukte setzte 2022 in Europa 5,7 Milliarden Euro um, weiß der Autor. »22 Prozent mehr in zwei Jahren.«

Absatz, Umsatz, Erlös – ein Selbstläufer? Eher nicht, mahnt Weymayr. Auf welche Klientel als »Wachstumsmotor« orientieren; auf Vegetarier, auf Veganer? Eher nicht. Richtig ist, der Anteil derer in Deutschland, die sich vegan ernähren, ist in den vergangenen zehn Jahren von 100.000 Personen auf etwa 1,5 Millionen gestiegen.

Es gibt aber ein Imageproblem: Vegan als mondäner Schick einer versnobten Minderheit. Im Fokus stehen deshalb sogenannte Flexitarier. »Undogmatische Verbraucher«, die ihren Tierfleischkonsum eingeschränkt haben, aber nicht vollends darauf verzichten wollen. Weymayr zufolge trifft das auf fast jeden zweiten Bundesbürger zu. Der pädagogische Kniff: Flexitarier vom gelegentlichen Verzicht zum gelegentlichen Verzehr bewegen. Zwei halbe Vegetarier machen einen ganzen.

Christian Weymayr: Vergesst Fleisch! Wie wir die Welt ernähren. Rowohlt, Ha mburg 2023, 128 Seiten, 20 Euro

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  • Leserbrief von Falco aus Stuttgart (12. Februar 2024 um 13:11 Uhr)
    Hmmmm, lecker Krebszellen und Chemieabfälle. So schmecken Autarkie und Austerität. Bleibt auch mehr Boden für Spekulation, Wind– und Solarparks. Re: Chemieabfälle ein Verweis an Sohn–Rethel, bei dem man lesen kann, wie wichtig Kapazitätsauslastung bereits im fordistischen Stadium gewesen ist. Marx illustriert im Band eins seines Hauptwerks, wie Londoner Bäckereien durch das Anreichern des Brotteigs mit Kleister und Holzspänen erfolgreich »v« reduziert haben. Die Arbeiter wurden kleiner, hässlicher, krank und starben früher. In dem Sinne: eat the bugs! Own nothing and be happy!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (11. Februar 2024 um 22:29 Uhr)
    Bei Isaac Asimow (Spiegel 21, 1971) nachlesbar: »Jedes zusätzliche Kilogramm Menschheit bedeutet mit absoluter Zwangsläufigkeit ein Kilogramm nichtmenschlichen tierischen Lebens weniger.« Ob das Kilogramm Menschheit aus stählernen Bioreaktoren oder vegan generiert wird, ist vollkommen Schnuppe.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (11. Februar 2024 um 20:59 Uhr)
    Eine geschmacklose Ernährungswende! Ach, die wundersame Welt der gezüchteten Klopse! Frisch aus dem Bioreaktor, direkt auf den heimischen Teller – der Traum eines jeden Feinschmeckers, der seinen Geschmackssinn ausschalten kann. Die Metzgerzunft, ohnehin schon auf dem absteigenden Ast, sieht sich plötzlich von gezüchteten Fleischzellenklopsen zusätzlich bedroht. Doch wer braucht schon handwerkliches Können, wenn man auch stählernen Bioreaktoren vertrauen kann? Die Fleischfachverkäuferinnen von morgen werden stolz neben ihren Schweinshaxen und Rumpsteaks auch Retortenimitate anpreisen, und viele werden den Unterschied gar nicht bemerken – außer vielleicht die Traditionalisten, diese überholten Feinschmecker. Die Fleischindustrie preist angeblich die Zukunft an: Laborfleisch, das so authentisch schmeckt, als hätte es nie einen tierischen Ursprung gehabt. Und obwohl es noch an Anlagen für die Massenproduktion fehlt und eine Zulassung noch aussteht, versichern uns die Branchenkenner, dass es nur noch wenige Jahre dauert. Bis dahin können wir uns weiterhin mit dem langweiligen, altmodischen Fleisch aus der Natur begnügen, während die Pioniere der Retorte schon die Gaumen der Zukunft erobern. Bon appétit, ihr flexiblen Genießer der Retortenküche, aber mir wird es übel!

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