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Aus: Ausgabe vom 12.02.2024, Seite 7 / Ausland
Krieg in Osteuropa

Selenskij tauscht Führung aus

Ukraine: Nach Entlassung des Oberkommandierenden Saluschnij rollen weitere Generalsköpfe
Von Reinhard Lauterbach
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Gute Miene zum bösen Spiel: Präsident Selenskij zeichnet Exarmeechef Saluschnij (r.) als »Helden der Ukraine« aus (Kiew, 9.2.2024)

Nach der Entlassung von Armeekommandeur Walerij Saluschnij hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij weitere hohe Offiziere ausgetauscht. Neu ernannt wurden unter anderem ein Nachfolger für den ins Amt des Oberkommandierenden gewechselten Olexandr Sirskij als Befehlshaber der Landstreitkräfte und für den unmittelbar von der Rotation an der Spitze nicht betroffenen Kommandeur der Territorialverteidigung. Dem entlassenen General Saluschnij verlieh Selenskij zum Abschied den Titel eines »Helden der Ukraine«.

Auf der Facebook-Seite des ukrainischen Armeekommandos erschienen nach der Publikation des amtlichen Porträts von Sirskij sofort Hunderte kritische Kommentare, offenbar auch von Soldaten im Stil von: »Wann übernehmen Sie die Verantwortung für Bachmut?« Dort hatte Sirskij die letztlich erfolglose Verteidigung der Stadt geleitet. US-Medien, die an der Front mit Soldaten sprachen, berichteten, dass Sirskij anders als sein Vorgänger in der Truppe als »Schlächter« gelte, der bereit sei, den Tod vieler Soldaten in Kauf zu nehmen.

Am Wochenende beschloss das ukrainische Kabinett neue Regelungen für die Einberufung von Reservisten. So sollen Männer, die häufig gegen ihren Willen in die Kasernen verschleppt werden, künftig auch nachts gemustert werden können, um sie so schnell wie möglich an die Front zu schicken. Ukrainern, die vor dem Krieg ins Ausland geflüchtet sind, sollen die Konten und der Zugriff auf ihr Vermögen gesperrt werden, um sie zurück in die Reichweite des ukrainischen Militärs zu zwingen. Vor kurzem hatte Selenskij die EU-Staaten aufgefordert, ukrainischen Flüchtlingen die Sozialleistungen zu streichen und dieses Geld zugunsten des Staatshaushalts in die Ukraine zu überweisen – dort werde man es schon an die Bedürftigen zu verteilen wissen.

Die immer rabiateren Methoden der Mobilisierung stoßen inzwischen auch tief in der ukrainischen Provinz auf spontanen Widerstand. Am Wochenende gingen Bilder aus dem Dorf Kosmatsch im Gebiet Iwano-Frankiwsk in der Westukraine durchs Internet. Sie zeigten eine Gruppe von etwa 30 Frauen, die einen Beamten der Wehrersatzbehörde umringten und ihn hinderten, Einberufungsbefehle zu verteilen. Eine Stimme sagte dem Mann: »Sagen Sie dem Präsidenten, dass wir hier keinen Krieg erklärt haben.« Am Vortag hatten Bewohnerinnen der Ortschaft eine Frau tätlich angegriffen und ihr Auto beschädigt, der sie unterstellt hatten, als Kundschafterin für das Rekrutierungsamt tätig gewesen zu sein und Häuser zu melden, in denen noch Männer zu finden seien. Als Reaktion drohte ein Vertreter des faschistischen »Aidar«-Regiments der Bevölkerung von Kosmatsch an, ihr Ort werde »gesäubert wie in Feindesgebiet«, wenn sie ihre Haltung nicht ändere. Inzwischen kündigte die Polizei an, ihre Streifentätigkeit in dem Dorf zu verstärken. An der Grenze zu Ungarn verhaftete die Polizei eine Gruppe von 40 Wehrdienstflüchtigen, die versucht hatten, illegal ins Nachbarland zu gelangen.

An der Front setzen die russischen Truppen ihren allmählichen Vormarsch an verschiedenen Abschnitten fort. In Awdijiwka eroberten sie inzwischen Teile des Stadtzentrums und bedrohen die letzte Versorgungsroute der ukrainischen Truppen. Westlich von Bachmut stießen sie bis kurz vor die Kreisstadt Tschassiw Jar vor, ebenso westlich von Donezk in die Ortschaft Nowomichajliwka. Bei einem russischen Raketenangriff auf ein Treibstofflager in Charkiw kamen am Sonnabend sieben Anwohner der Anlage ums Leben, 57 wurden verletzt. Die Stadtverwaltung teilte mit, es seien etwa 3.800 Tonnen Benzin und Diesel in die Luft geflogen. Durch die Hitze sei auf Hunderten Metern der Belag der angrenzenden Straße geschmolzen, und die umstehenden Häuser seien in Brand geraten. Die Bewohner hätten keine Chance gehabt. Russische Medien schrieben, mit dem Kraftstoff aus dem Lager seien Haubitzen und Panzer der ukrainischen Arme aufgetankt worden.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (14. Februar 2024 um 11:17 Uhr)
    Bemerkenswerterweise konnte man jetzt selbst in Mainstreammedien eine Reportage über den Widerstand ukrainischer Frauen gegen die schrecklichen Mobilisierungsmaßnahmen des ukrainischen Staates lesen. Dort war auch vom Zustand derjenigen die Rede, die die Schrecknisse der Front überlebt und heimgekehrt waren. Es war die Rede von ihrer schweren Traumatisierung, von den schweren psychischen Veränderungen und Defekten der Exsoldaten, an denen schließlich auch viele Ehen zerbrechen würden. Was hat es mit Verteidigung zu tun, wenn infolge so einer Verteidigung das gesamte Leben der vermeintlichen Verteidiger zusammenbricht?! Zu Wehrpflichtzeiten soll eine Frage der Gewissensprüfer an Wehrdienstverweigerer gelautet haben, wie sie denn reagieren würden, wenn ihre Freundin von dritter Seite unvermittelt angegriffen würde. Wer dann antwortete, dass er seine Freundin verteidigen würde, konnte es vergessen, von der Wehrpflicht ausgenommen zu werden – ungeachtet der Tatsache, dass in der politischen Realität nur selten klar ist, welcher Staat der Angreifer ist. Und schon gar nicht ist klar, ob man überhaupt etwas verteidigen kann oder nicht vielmehr die Zerstörungen, die es abzuwehren gilt, nur potenziert. Vorliegend ist dem Westen scheinbar vollkommen unklar, wofür die Ukraine kämpft: für die Überlegenheit des ukrainischen Menschen über dem russischen Menschen. Für die Unterdrückung der russischen Minderheit in der Ukraine bzw. für deren Zwangsukrainisierung oder wahlweise Auswanderung/Vertreibung. Also für einen Verrat an den Werten, die im Westen verbal immer so hoch gehalten werden. Dass so etwas dann Heldentum sein soll, ist einfach nur noch widerwärtig. Saluschnij wird mit einem Orden zum Säulenheiligen erhoben, während der einfache Soldat sein Leben verliert, sei es im Gewirr der Schützengräben an der Front oder hinterher im Irrgarten seiner schweren Traumatisierungen, wenn nach den Vorstellungen der Kriegsapologeten eigentlich längst alles wieder gut sein sollte.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (11. Februar 2024 um 22:29 Uhr)
    Das Endspiel hat begonnen! Durch das Kriegsrecht wurden sämtliche sekundären Probleme lange Zeit unter den Teppich gekehrt. Diese treten nun nacheinander immer deutlicher zutage. Eine davon sind die Spannungen zwischen Politik und militärischer Führung. Misserfolge haben keine Väter. Hierbei handelt es sich um die gescheiterte Sommeroffensive der Ukraine. Selenski versucht, die Verantwortung auf Saluschnij abzuwälzen. Die Entlassung des Armeechefs wird von vielen Experten als nicht nur ein großer, sondern der größte Fehler der Präsidentschaft von Wolodimir Selenski betrachtet. Unter anderem wurde ein Nachfolger für den zum Oberkommandierenden gewechselten Olexandr Sirskij als Befehlshaber der Landstreitkräfte ernannt, ein »Russe«, der jedoch seine Befehle blind ausführt. Der Kreis um die ukrainische Regierung zieht sich immer weiter zu, und sie weigert sich einzusehen, dass die durch den Krieg gebeutelte Restukraine weder personell noch militärtechnisch erfolgreich gegen die Russen vorgehen kann. Zwar kann sich Selenski noch eine Weile halten und den Krieg weiterführen, aber seine Chancen, aus der aussichtslosen Lage herauszukommen, werden von Tag zu Tag geringer. Die USA sind mit ihrem Wahlkampf beschäftigt, die EU ist schwächer als angenommen, und ihr Überlebenskampf beginnt bald nach den EU-Wahlen. Es scheint, als ob die geopolitische Lage die Restukraine bald vor unlösbare Herausforderungen stellt.

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