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Aus: Ausgabe vom 12.02.2024, Seite 1 / Titel
Nahostkonflikt

Rafah vor dem Sturm

Gazakrieg: Israel befiehlt Einnahme der Grenzstadt. Zivilisten sollen Fluchtmöglichkeit erhalten
Von Gerrit Hoekman
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Mit aus der Luft abgeworfenen Flugblättern fordert Israel Kriegsvertriebene zur erneuten Flucht auf (Rafah, 10.2.2024)

Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu hat am Wochenende befohlen, die Stadt Rafah im Süden des Gazastreifens einzunehmen. »Wir werden die verbliebenen Bataillone der Hamas-Terroristen aus ihrer letzten Bastion herausbekommen«, sagte er am Sonntag in einem Interview mit dem US-Sender ABC News. Zivilisten sollen freies Geleit erhalten. »Wir sind in dieser Frage nicht rücksichtslos«, behauptete Netanjahu. Die Geschehnisse widersprechen dem allerdings. Wie lokale Behörden in Gaza am Sonntag mitteilten, sollen in dem Küstenstreifen allein in den vorhergehenden 24 Stunden mindestens 112 Palästinenser durch israelische Bombardements getötet worden sein, 173 weitere wurden verletzt. Es ist der blutigste Krieg seit langem.

Die UNO und auch westliche Staaten wie die USA warnen Israel, dass die de facto bereits erfolgte Ausweitung der Kampfhandlungen auf Rafah eine riesige humanitäre Katastrophe auslösen wird. Netanjahu will davon nichts hören: »Diejenigen, die sagen, dass wir unter keinen Umständen nach Rafah vordringen sollten, sagen im Grunde: ›Verliert den Krieg. Lasst die Hamas dort.‹« Mehr als Appelle an die Menschlichkeit muss die ultrarechte israelische Regierung allerdings nicht fürchten. Sanktionen, wie sie gegen Russland nach der Intervention in der Ukraine in die Wege geleitet wurden, sind in NATO und EU kein Thema. Statt dessen stellten unter anderem die USA und Deutschland ihre Hilfszahlungen an das UN-Palästina-Hilfswerk UNRWA ein, weil ein Dutzend der 13.000 in Gaza beschäftigten Mitarbeiter angeblich an dem Massaker vom 7. Oktober in Israel beteiligt war.

Am Wochenende präsentierte das israelische Militär zwei angebliche Tunnel der Hamas, die unter dem Hauptquartier der UNRWA in Gaza-Stadt verlaufen sollen. In dem Gebäude will Israel Waffen und Sprengstoff gefunden haben. Die UNRWA hat es allerdings schon am 12. Oktober auf Anweisung der israelischen Armee verlassen und seitdem nicht mehr genutzt, erklärte UNRWA-Chef Philippe Lazzarini am Samstag auf X. Die Organisation habe von dem Tunnel keine Kenntnis gehabt. Der israelische Außenminister Israel Katz verlangt Lazzarinis sofortigen Rücktritt.

Unterdessen berührt das Schicksal der sechsjährigen Hind Radschab die Welt. Das Kind war am 29. Januar mit Onkel, Tante und deren drei Kindern in einem Auto auf der Flucht aus dem nördlichen Gazastreifen. Unterwegs geriet die Familie unter Beschuss eines israelischen Panzers. Die 15 Jahre alte Cousine rief per Handy verzweifelt um Hilfe. Der Rote Halbmond nahm das Gespräch auf und teilte es in den sozialen Medien: »Sie schießen auf uns. Der Panzer steht direkt neben mir«, schrie die Cousine. Im Hintergrund ist heftiges Gewehrfeuer zu hören. Dann ist es still.

Plötzlich ist die Stimme eines kleinen Mädchens am Telefon: »Ich habe solche Angst, bitte kommt«, fleht das Kind, gefangen in dem Auto mit den vermutlich bereits toten Verwandten. Zwei Sanitäter des Roten Halbmonds machen sich schließlich auf den Weg, Hind zu retten. Sie kehren nicht zurück. Erst nachdem die israelische Armee aus der Gegend abgezogen war, konnten Hind und ihre Verwandten am Freitag tot aus dem völlig zerstörten Wagen geborgen werden. Nicht weit entfernt davon stand der ausgebrannte Krankenwagen des Roten Halbmonds, darin die ebenfalls getöteten Sanitäter.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (11. Februar 2024 um 21:12 Uhr)
    Vor dem Krieg zählte Rafah etwa 300.000 Einwohner. Aktuell sollen dort jedoch auf engstem Raum mindestens 1,3 Millionen Binnenflüchtlinge leben. Die US-Regierung hat sich kürzlich klar gegen militärische Maßnahmen in Rafah ausgesprochen. Auch UN-Generalsekretär António Guterres warnte vor einer humanitären Katastrophe mit Auswirkungen auf die gesamte Region. Die Hamas hat Israel im Falle eines militärischen Vorgehens in Rafah mit dem Abbruch der Gespräche über ein Geiselabkommen gedroht. Die Islamisten betonten, dass jeder Angriff die laufenden Verhandlungen gefährden könnte, so der palästinensische Fernsehsender Al-Aksa. Aber auch in Tel Aviv protestierten am Samstagabend Tausende Menschen gegen die israelische Regierung. Sie forderten Neuwahlen und die Befreiung der Geiseln. Bisher wurde noch keine der Geiseln militärisch befreit. Die Angehörigen der vermutlich noch lebenden 100 Geiseln werden zunehmend wütend. Einige versuchten, den Grenzübergang Kerem Schalom im Dreiländereck Israel, Ägypten, Gaza zu blockieren. Andere errichteten ein Protestlager vor der Knesset in Jerusalem. Eine Gruppe von Angehörigen plant, den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag anzurufen und eine Beschwerde einzureichen.

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