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Aus: Ausgabe vom 10.02.2024, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zwischen Ordnung und Verstoß

Halbwache Auszeit: Über Karneval, Fastnacht, ihre Ursprünge und Potentiale
Von Marc Hieronimus
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»Wir machen Bums bis morgen früh und haben Durchfallera …« Sechs Tage und Nächte geht es rund, jedenfalls im Rheinland, wo die Fastnacht lange ein wenig dionysisch, antikirchlich, antipreußisch, antipatriarchalisch, antibürgerlich und nicht zuletzt ein wenig antisemitisch war. Heute werden neben Blumen »Kamellen«, Spielzeug, Schokolade und von seiten des Mobs hie und da auch gewissenhaft geleerte Bierflaschen geworfen; wer da als Frau nicht als Mann, als Mann nicht als heiter-kostümierter Narr auftritt, hat wirklich nichts zu lachen. Fastnacht ist die Schädel- und Schädelfrakturzeit, die alljährliche Katastrophenübung für Rettungskräfte und Geistesarbeiter. Aber wohnt dem Trubel nicht immer noch auch eine Spur revolutionären Zaubers inne?

*

»Fastnacht« und (kölsch) »Fasteleer« zeigen bereits die vermeintliche Herkunft aus dem Christentum. Ostern ist seit dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 der Sonntag vor dem ersten Frühlingsvollmond, und Karneval sind halt die letzten Tage vor der Fastenzeit knapp sieben Wochen früher, in denen die Christenheit noch einmal mächtig auf den Putz haut. Daher auch der Begriff: »Carne vale − Fleisch ade«, lernt man im Rheinland. Komisch nur, dass schon die vorchristlichen Römer im Frühjahr Blumen von geschmückten Schiffskarren (»carrus navalis«) aufs Volk geworfen haben, in bunten (wo nicht orgiastischen) Prozessionen, die durchaus an die Karnevalsumzüge der Neuzeit erinnern. In den einschlägigen Darstellungen weist man denn auch auf die doch augenfälligen Übereinstimmungen zwischen den Elementen heutiger Feiern und denen etwa zu Ehren der Kybele oder der Isis hin, wie sie Apuleius um 170 im »Goldenen Esel« beschrieben hat. Der dort geschilderte Maskenumzug habe aber einen anderen Sinn gehabt und allenfalls als Vorbild für die Gestaltung der organisierten Züge ab dem 19. Jahrhundert gedient; historisch belegbar sei der Karneval erst im 12., 13. Jahrhundert, und zwar als Vorfeier zur Fastenzeit. »Ein ›heidnisches Fest‹ hätte in der christlich religiösen Welt des Mittelalters niemals bestehen können«, heißt es im Führer zum Kölner Karnevalsmuseum. »Daher war die Fastnacht auch nie als Ganzes von der Kirche verboten. Wohl gab es aber eine stetige moralische Kritik an den Ausschweifungen, zu denen es während der Feiern kam.« Karneval sei eine spielartige Zurschaustellung der »verkehrten Welt« gewesen: »Fastnacht war also die einzige Zeit im Jahr, wo abweichendes, lasterhaftes Verhalten geduldet wurde.« Pieter Bruegel d. Ä. hat 1559 im »Kampf zwischen Fastnacht und Fasten« die temporären Narren als maskierte, musizierende, lärmende und völlende Horde abgebildet, der die büßenden, darbenden und anders in ihrer Religiosität versunkenen Fastenden gegenüberstehen.

Über Barock, Franzosenzeit und rheinpreußische Ära hat der Karneval sein Gesicht gewandelt, bis er im vergangenen Jahrhundert zu jener schwer fasslichen »fünften Jahreszeit« geworden ist, die Jahr für Jahr Hunderttausende Touristen allein in die Domstadt ziehen lässt. Das »Festkomitee« gibt Motto, Weg und Zusammensetzung der Umzüge vor, Karnevalsgesellschaften, -redner, -musikanten betreiben die zum Geschäft gewordene Feierei mit großem Ernst und alle Vorbereitung eingerechnet ganzjährlich, und auch die konstruiert-historischen Inhalte und Rituale der sechs »jecken« Tage sind seit langem Tradition. Am ersten Tag, der »Weiberfastnacht«, errichten die Sekretärinnen der Stadtverwaltung um elf Uhr elf ein ephemeres »Regiment« ohne jede Entscheidungsgewalt als die über Sektmarken und Musikauswahl, die Figuren Bauer, Prinz und Jungfrau erinnern vage an die Stadtgeschichte, die allerdings keiner mehr genau zusammenkriegt, und die mittlerweile ironiefrei verliehenen Orden veralberten wohl einmal die preußische Militärverliebtheit. Vor allem ist Karneval eine obrigkeitlich organisierte Gaudi und als solche unzweifelhaft nicht weiter als bis ins Hochmittelalter zurückverfolgbar.

Damit ist der vorchristliche Ursprung der Feierpraktiken aber nicht vom Tisch, genausowenig wie mit dem Argument der dünnen Quellenlage. Vom Gebrauch psychoaktiver Substanzen etwa wissen wir urkundlich nur von den Hexenprozessen und Drogenverboten, darunter nicht zuletzt dem deutschen Reinheitsgebot, das aus dem derben Rauschmittel Bier mit je nach Herkunft wechselnder Zusammensetzung ein Lebensmittel machte, das noch zu Beginn der Industrialisierung in Form von Biersuppe täglich von jung und alt genossen werden konnte. In Pilsen pflegte man dem bekannten Hopfengetränk früher das halluzinogene Nachtschattengewächs Bilsenkraut beizumengen, das mit Tollkirsche und Stechapfel verwandt (aber weniger gefährlich) ist − wer wollte daraus schließen, dass der Rausch erst kurz vor seiner Reglementierung aufgekommen ist?

Karneval kam in den Städten auf. Der Klerus selbst veranstaltete die Feiern, Adel, Handwerker und frühes Bürgertum setzten dagegen. In späteren, säkularen Zeiten ging es gegen die staatliche Obrigkeit, aber immer war es ein Verlangen und ein Deal von städtischen »Höheren«; die Landbevölkerung hatte in ihren Festen andere Ventile und in vielerlei Hinsicht auch mehr Freiheiten. So lebten denn die zu Beginn der Neuzeit als »Hexen« verbrannten natur-, rausch- und übersinnlich-ganzheitlich kompetenten Frauen (und wenigen Männer) vorwiegend auf dem Land, wo auch die Zeichendeuter, Wunderheiler und andere »Magier« sich sehr viel freier bewegen konnten als in den Städten, die jede Erschütterung ihres komplexen Machtgefüges mit drakonischen Strafen abzuwehren suchten.

Der Karneval schreibt sich ein in die Geschichte der Reglementierung von Auszeiten und Andersartigkeit, indem er selbst gewissen Ritualen und Gesetzen gehorcht, allen voran dem genannten christlichen Festkalender, aber auch den Vorgaben des vormals »Festordnenden Komitees«; insofern ist er von jeher ein Kompromiss zwischen Ordnung und Verstoß, genauer die Lenkung des Willens zur Auszeit in kontrollierbare Bahnen. Aber woher kommt eigentlich das Verlangen?

Es ist eine gesellschaftliche, vielleicht anthropologische Frage: Braucht »der Mensch« der bekannten, also unserer, aber vielleicht auch jeder anderen, etwa mittelalterlichen, steinzeitlichen, »wilden« Prägung neben dem Tag auch die Fast-Nacht, die Traumzeit, mit dem Ethnologen Hans Peter Duerr gesprochen? Lässt sich egal welcher Alltag nur ertragen, wenn es eine halbwache Auszeit von ihm gibt? Gründe zum Ausbruch, zur Revolte gäbe es genug. Ist Karneval also das zum individuellen und Systemerhalt notwendige überindividuelle Ventil – oder gar subversiv, und sei es nur für die jecken Tage?

Ja, insofern in der ausgelassenen Atmosphäre von Musik und Heiterkeit auch Suff, Flirt und (dann aber bitte doch im privaten Rahmen vollzogener) außerpartnerschaftlicher Koitus weniger geahndet werden. Die Frauen schneiden Schlipse ab (Symbolik!), manche Polizisten sind gelegentlich recht freundlich, und die »Mottowagen« des Rosenmontagszugs sind geradezu »politisch«.

Nein, weil die schräg gestreiften, streng gebundenen Schlabberschwänze keine Insignien des Patriarchats sind, das auch oder gerade der Karneval nicht erschüttern kann (außer 1938/39 ist seit jeher selbst die »Jungfrau« der Kölner Obernarrentroika männlich); weil alle Narretei nur eine Auszeit ist, an die außer den einschlägigen Profis und Berufsbesoffenen und den während der jeweils letzten Auszeit Vergewaltigten, Verprügelten, AIDS- und Pilzinfizierten nach dem Aschermittwoch niemand mehr zurückdenkt.

Sicher, es ist nicht alles schlecht. Blasse Menschen kommen für ein paar Tage zum Lachen aus dem Keller, Kindertaschengelder kurbeln die Wirtschaft der Army- und asiatischen Sweatshops an, und auch die Brauereien, Brennereien, Glasereien und die Hersteller von AIDS- und Schwangerschaftstests verordnen ihren Mitarbeitern Überstunden. Als Gegenstück zur Prunk- hat sich die Stunksitzung etablieren können, während alternativ sexuell Interessierte auf der »Rosa Sitzung« die szeneüblichen Klischees zelebrieren, persiflieren und damit dialektisch überhöht vor allem betonieren können. Es gibt auch wieder Anschluss an das Mittelalter. Anlässlich des »Golfkriegs« (es war die erste US-amerikanische Invasion im Irak Anfang der Neunziger unter George Bush Senior, nicht zu verwechseln mit irgendeiner der zahllosen US-amerikanischen und europäischen Interventionen seit dem Ersten Weltkrieg − der Nahe bzw. Mittlere Osten ist und bleibt ein Experiment des Westens) ist in Köln einmal der Karneval verboten worden: »Terrorgefahr«. Obwohl islamischer Terror damals eigentlich noch gar kein Thema war, fand man, die jubelnden Menschenmassen seien ein gar zu leichtes Ziel für Bombenattentate, außerdem sei der Frohsinn angesichts des Mordens (ausnahmsweise einmal) fehl am Platz. So entstand der Geisterzug. Der Zugweg führt die heidnisch, »gothisch«, gespenstisch und anders (nicht zuletzt alkoholisch) Angehauchten des Nachts durch eigens verdunkelte Gassen vorbei an den mittelalterlichen Gebäuden der einstmals so bedeutenden Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Abrisswahn der 50er Jahre noch übrig geblieben sind. Hier werden zwar keine Katzen gekreuzigt oder Flugsalben angerührt, dafür gibt es historische Musik, gar erschröckliche Masken und Verkleidungen und in der bunten Schar gelegentlich sogar ein verhaltenes Rühren in versiegten Adern, an verlorenen Erinnerungen so weit ab vom Humptata und Spaßgebrüll der anderen Feiern dieser, aller Tage, dass man sich, wäre schon Sommer, glatt für ein paar Tage nackt im Stadtwald eine Zeit als Pilzfreund oder Werwolf gönnen wollte. Geisterzugteilnehmer meiden die großen Sitzungen, feiern aber gelegentlich als Beisteher durchaus den Straßen- und als Mittrinker den Kneipenkarneval, dessen Abschluss die feierliche Beschimpfung und Verbrennung einer für alle Übel allgemein und im besonderen verantwortlichen Strohpuppe mit Namen »Nubbel« markiert. Bis in die Nachkriegszeit hieß diese »Type« noch »Zacheies«, also Zachäus – die größte Triebabfuhr und Antikirchengaudi vor der frommen Fastenzeit fand und findet ihren Höhepunkt mithin im symbolisierten Judenmord.

Karneval macht auch Spaß. Der Literaturtheoretiker Michail Bachtin hat in seinem Essay »Probleme der Poetik Dostojewskis« und besonders in »Rabelais und seine Welt« die volks- und lachkulturellen Aspekte dieser »synkretistischen Form des Schauspiels von rituellem Charakter« herausgearbeitet, als die er den Karneval vor allem früherer Prägung verstand. Bei aller Komplexität des Phänomens zeigte er konkrete wiederkehrende Formen und Kategorien des Geschehens auf, die sich in mehr oder minder augenfälligen Spuren selbst noch im Kölner Karneval des 21. Jahrhunderts ausmachen lassen. So gibt es typischerweise eine »Familiarisierung« unter den Feiernden mit einer Aufhebung der sozialen Hürden und Hierarchien; weiter spricht er von »Exzentrizität«, also der Veräußerlichung der Teilnehmer, man geht aus sich heraus, drückt verborgene Teile seines Wesens schon mit der Verkleidung aus; dann seien »Mesalliancen« typisch, die »Profanierung« des Sakralen, und auch eine Art »fröhliche Relativität«, also die (sei es befristete) Neubewertung des sonst so tierisch Ernsten, das Verlachen allen Übels bis hin zum Tod. Lachen macht frei.

»Aber nur für die Zeit des Lachens«, haben seine Kritiker zu Recht gesagt, die Zielgerichtetheit der närrischen Bewegung in Frage gestellt und vor allem die Funktion des Karnevals als Sozialkontrolle betont. Auch Bachtin selbst hätte sich wohl kaum zum Auftritt als Festredner oder Süßkramwerfer überreden lassen, sah er doch die größte karnevalistische Entfaltung im längst vergangenen sechzehnten, dem »Jahrhundert des Lachens« (sic!) am Werk. Seither seien die Formen verflacht, und die Rituale haben mehr und mehr ihren Sinn eingebüßt − ohne dass, darf man hinzufügen, die »verkehrte Welt«, die Verbrüderung, der Umsturz des Heiligen je den »fetten Dienstag« überdauert hätten. Selbst Ernst Bloch schreibt, »die Feiertagswelt« (Schützen-, Bauern- und andere Feste eingerechnet) »feiert Freuden, zu denen tatsächlich erst später richtiger Anlass wird, das ist: Volksbefreiung wird antizipiert«, nicht etwa vorgedacht oder gar vorangetrieben, wie sonst so ziemlich alles im »Prinzip Hoffnung«, und so setzt denn auch er in seinem Mammutwerk in den Karneval als nur ein Volksfest unter vielen denkbar wenig Hoffnung.

»Am Aschermittwoch ist alles vorbei«, heißt ein berühmtes Karnevalslied. Das ist das Problem. Egal ob Seelachs oder Matjes, Alka-Seltzer oder doch wieder zwei-dreizehn Kölsch (der Fisch muss schwimmen), auch der dickste Katerkopf begreift: Der kollektive Wahnsinn war nur Frohsinn, und die Welt ist noch die alte, nur sechs Tage schlimmer. Irgendwas fehlt, irgendwie hat die Fastnacht nicht erfüllt, was manche Sondernacht, mancher Tagtraum verspricht, wofür aber der Tag, zumal der Alltag, nur fade Surrogate bietet. Die Exilanten kehren heim und tun, als hätten sie noch nie Teil einer sei es nun blinden Rausch- oder halbbewussten Tanz-, Lach- und Dadaistengemeinschaft sein wollen. Ein Glück haben sie wirklich nichts verpasst.

Nein, Karneval ist weder subversiv noch emanzipatorisch. Der »große Abend« der Revolutionsmythologie steht nicht am Ende, sondern am Anfang aller Feiern, und der oder das »singende Morgen« (les lendemains qui chantent) kann nicht mit Aschenkreuz und Katerfrühstück beginnen. Andererseits scheinen die Revolutionen von unten gemeinhin recht fröhlich abzulaufen, jedenfalls zunächst, und scheitern dann am rational koordinierten Widerstand der Herrschenden oder verebben, wenn siegreich, bei der Rückkehr zum Normalzustand. Verbrüderung, Mesalliance zwischen sagen wir Besitzern/Entscheidern mit Weitsicht und schlechtem Gewissen und der Masse der Erdulder, und die systematische Entweihung und Verkehrung von Doktrinen à la »Es gibt keine Alternative«, »Wissen ist Eigentum«, »Der Staat muss seine Bürger vor sich selber schützen« usw. wären gar kein schlechter Ausgangspunkt, um der taghellen Umnachtung der Geister, des (Welt-)Geists etwas entgegenzusetzen. »Fast-Nacht« taugt wohl nicht zum Leitbegriff, das Fest an sich aber vielleicht zum Sprungbrett auf den dritten Weg, zur Lebensweise und Gesellschaftsform zwischen der Nacht des uns drohenden Rückfalls in vorindustrie-romantische, völkisch-nationale oder religiöse Verhältnisse und des nicht minder irrationalen Alltags und Fortschritts zur Selbstvernichtung des historisch-geographisch und längst wieder erblich verankerten Klassen- und Oligarchiesystems heutiger Tage. Sicher ist die karnevalistische Ersetzung des nunmehr einzig gültigen sozialen Bandes Geld durch spontane Verbrüderungen (»drink doch eene mit«) nicht genug, aber eine ganz wesentliche Rückbesinnung auf die Zeit vor der totalen Entfremdung. Und sicher brauchen wir nach Lenin (oder z. B. Dietmar Dath) Berufsrevolutionäre, die wissen, was wie ist, was kommen soll und was zu tun ist, aber eben: Dass die Scheiße dampft, ist allen klar; wie sehr, wo überall schreien einschlägige Wissenschaftler und Berufsredner ebenfalls seit mindestens 50 Jahren unter alle Dächer, längst sind bei aller Unplanbar- und Unvorhersehbarkeit großer Umwälzungen auch schon die groben Wege vorgezeichnet worden. Was so kurz vor dem Kipppunkt noch fehlt, ist der Auslöser, das konzertierte Großereignis. Die Fastnacht wäre einen Versuch wert − jährlich!

Zum Abschluss also ein paar närrische Ideen fürs nächste Frühjahr. Die Berieselungsagenten von den Leitartiklern über die (Laien-)Schauspieler aller Produktionen bis zu den Moderatoren und Akteuren der Krawall-Doku-Trash-Pop-Reality-Formate egal welcher Medien, kurz: Alle, wie sie sich mit welchem Gewissenssedativum auch immer in den Nischen des Spektakels eingerichtet haben, sagen mal unverblümt, was sie so denken. Noch- und Exjournalisten drucken sechs Tage lang im Fastnachtsmodus alles, was sie aus Rücksicht auf die Interessen der Inserenten ihrer Blätter nicht veröffentlichen, schreiben, was sie bislang nicht einmal in Ruhe denken konnten. »Elferräte« aus Angestellten und Publizisten vom Schlage Volker Pispers’ (von denen es freilich im ersten Jahr noch nicht viele geben wird) übernehmen »symbolisch« die Macht von sagen wir Weltbank, WWF (Geld und Tiere), WHO (Geld und Gesundheit), einigen ausgewählten Pharma-, Medien-, Chemie-, Etc.-Konzernen, ist ja nur Spaß, nur für paar Tage, und stellen Überlegungen an, wie man all die Menschen und Maschinen, all das exklusive Wissen und die Rohstoffe mal nur zum Quatsch »verkehrt« aufeinander abstimmen könnte, derart, dass − Gipfel der Umkehrung! − etwas Vernünftiges, das heißt Nachhaltiges und Gerechtes dabei rumkäme. Beispringen ihnen »jecke« Belegschaften kleiner und mittelständischer Betriebe, die diskutieren, was man wirklich braucht und wie man die vorhandene Soft- und Hardware durch Kooperation statt Konkurrenz mit den anderen elfmal besser einsetzen könnte. Und maskierte Ingenieure aller Richtungen rechnen durch, wie wenig wir eigentlich arbeiten, wie lange Maschinen eigentlich halten müssten, finden und veröffentlichen nur aus Quatsch die unerhörtesten Fortschrittsvermeidungspatente und zeigen so auf, wie weit die Menschheit schon wäre, wenn sie sich die Narretei des freien Zugangs zu ihrem Wissen gönnte. Welche könnten auch im Engelskostüm Marx und Engels zitieren, andere mit Rolex, Schlipsen und Bilanzen die größten Brüller des Neoliberalismus wiederholen. Und so weiter. Und so fort.

Der Alltag ist bereits der Wahnsinn. Der Tag danach darf kein »Day After« werden. Dreimol Kölle Alaaf.

Marc Hieronimus, Jahrgang 1973, war bereits Chemiehilfsarbeiter, Linguist und Aushilfskraft im Möbeltransportwesen. Der promovierte Historiker und Vater dreier Kinder arbeitete fünf Jahre als DAAD-Lektor an der Université de Picardie »Jules Verne« in Amiens (Frankreich), ist heute Lehrer für Deutsch als Fremdsprache in Köln und Rhythmusminister der interkontinentalen Band 529. Seine Essays, Lyrik und Prosa erschienen lange vor allem im Lichtwolf, seit dessen Einstellung zumeist im Feuilleton dieser Zeitung. Er lebt mit dem Großteil seiner Kinder am Waldrand von Köln. Zuletzt an dieser Stelle erschien von ihm am 4. November 2023 »Im Omnibus – Eine kleine Geschichte der Zensur und der Zensoren«

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