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Aus: Ausgabe vom 02.02.2024, Seite 15 / Feminismus
Frauen und Horror

»Horror kennt keine Grenzen«

Letzte Überlebende: Filmfestival »Final Girls«. Ein Gespräch mit Eli Lewy
Von Barbara Eder
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Nekropolis in Rosarot: Das »Final Girl« vermummt sich

Bei »Final Girls« steht das Verhältnis von Frauen und Horror fünf Tage lang im Mittelpunkt. Worauf haben Sie in diesem Jahr den Fokus gelegt?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn wir – Sara Neidorf und ich – programmieren und kuratieren, gibt es eigentlich keinen speziellen Fokus. Wir wählen unsere Favoriten aus und meistens werden Parallelen sichtbar – so bekommen die Filmblöcke Form. Für Einreichungen hatten wir die Onlineplattform »Film Freeway« zur Verfügung gestellt, einige unserer Feature-Filme fanden wir bei Verleihern und anderen Festivals. Wir schauen uns möglichst viele Filme an und sehen dann, was für uns passt.

Im Slasher – einem Subgenre des Horrorfilms – entkommt das »Final Girl« am Ende dem Täter. Diese traditionell mit einer Frau besetzte Figur dient auch als Projektionsfläche. In welcher Weise problematisieren Sie diese Rolle?

Unser Festival heißt »Final Girls«, weil viele Leute diesen Begriff kennen. Dabei geht es nicht bloß um Blut und Spannung, sondern auch um realitätsbezogenen Horror, den viele Frauen täglich erleben: In diesem Jahr werden etwa die Schattenseiten von Big Tech, Kapitalismus, Körperpolitik, Klimawandel und die damit verbundenen Existenzängste thematisiert. Typische »Final Girl«-Filme sind meistens ziemlich eindimensional und zu Beginn gibt es so etwas wie eine sichere »Garantie«: Die Zuschauer wissen, dass am Ende des Films eine Frau überleben wird und sie wissen, was für ein »Typ« Frau das sein wird. Es gibt aber auch Subversionen des Schemas, die etwas anderes aus dieser Figur machen. In »Some­where Quiet« von Olivia West Lloyd geht es etwa um die Zeit nach der Katastrophe und die Traumata, die das »Final Girl« im nachhinein erlebt. Die entscheidende Frage ist: Was passiert, wenn der »Tag X« schon war?

Überleben ist nicht edel. Auch im US-amerikanischen Actionfilm gibt es »Last Survivors«, nicht selten muskelbepackte Patrioten mit hochgerüstetem Waffenarsenal …

Horror ist zwiespältig, das Genre kann oft konservativ und misogyn sein. Die Horrorfilmproduktion in den USA war stark durch den Vietnamkrieg beeinflusst, viele haben im Zuge dessen zum ersten Mal extrem grausame und gewaltvolle Kriegsbilder gesehen. Im »Final Girl« fanden sie eine Figur, die das alles unbeschadet überlebt. Es gibt jedoch auch eine ganz andere Art von Horror, die sehr offen ist. Er bietet Rollen für Frauen, die anders sind – mit sichtbaren Behinderungen und abseits der Norm. Das kann auch sehr ermächtigend sein.

Welchen Einfluss haben queere und nonbinäre Personen – vor und hinter der Kamera – auf das Genre?

Horror kennt eigentlich keine Grenzen! Der einzigartige Body-Horrorfilm »Titane« von Julia Ducournau ist ein Beispiel für die vielen Möglichkeiten, die Queerness im Horror aufzeigt. Dieses Jahr zeigen wir auch den Film »T Blockers« von Alice Maio Mackay. Es geht um eine junge trans Frau, die aus der Innensicht einen unterhaltsamen Horrorfilm über ihre Community gemacht hat – eine Perspektive, die viele nichtnormative Personen immer wieder in das Genre einbringen. Durch sie werden die Erzählformen interessanter und meistens auch komplexer – nicht zuletzt aufgrund von ambivalenten körperlichen Erfahrungen.

Im Zeitalter von Cyberstalking und nahezu grenzenlosen Überwachungsmöglichkeiten entstehen neue Ängste. Eine Kurzfilmreihe und ein Vortrag von Mars Nicoli widmen sich dem Thema »Digital Horror«. Was macht Technik auf der Leinwand unheimlich?

Natürlich ist Technologie hilfreich und hat vieles erleichtert. Im Netz passieren jedoch immer wieder Dinge, die wir nicht verstehen und auch nicht erkunden können. Die digitale Welt hat auch düstere Seiten, die zunehmend in den Alltag einsickern: In dominanten sozialen Netzwerken gibt es kaum »Safe Spaces«, viele Nutzerinnen sind von Apps und Onlinespielen abhängig; in Horrorfilmen wird nicht selten die Frage gestellt, ob diese Realität noch real ist – und das ist nun wirklich gruselig!

Eli Lewy ist Übersetzerin, Filmemacherin, Cutterin und eine der Gründerinnen des »Final Girls Film Festivals« in Berlin

2024 Final Girls Berlin Film Festival, 7. bis 11. Februar im City Kino Wedding, finalgirlsberlin.com

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