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Aus: Ausgabe vom 02.02.2024, Seite 8 / Inland
Rechte Netzwerke bei der Bundeswehr

»Munition und Sprengstoff spurlos verschwunden«

Tübingen: Prozess gegen Exkommandeur von Bundeswehr-Spezialeinheit beginnt. Ein Gespräch mit Luca Heyer
Interview: Annuschka Eckhardt
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Symbolische Aktion gegen rechte Umtriebe beim KSK vor dem Bundestag (Berlin, 12.4.2021)

Sie organisieren an diesem Freitag in Tübingen eine Kundgebung zum Prozessbeginn gegen Brigadegeneral Markus Kreitmayr wegen Munitionsdiebstählen bei dem »Kommando Spezialkräfte« (KSK), dessen Kommandeur Kreitmayr von 2018 bis 2021 war. Was ist passiert?

Da muss ich etwas weiter ausholen. Das »Kommando Spezialkräfte« hat eine lange Historie rechter Vorfälle. Ein Teil dieses Problems mit den rechten Soldaten ist, dass dort immer wieder Munition gestohlen wurde, die zum Teil auch in den Waffendepots von militanten Neonazis wiedergefunden wurde. Im Jahr 2020 wurde die ganze Dimension dieses Problems öffentlich: Insgesamt 48.000 Schuss Munition und 62 Kilogramm Sprengstoff waren gestohlen worden oder, wie es die Bundeswehr nennt, »verschwunden«.

Was genau hat das mit Kreitmayr zu tun?

Der damalige Kommandeur Kreitmayr verkündete eine »Munitionsdiebstahlamnestie« und ließ »Amnestieboxen« in der Kaserne aufstellen, in die Soldaten die Munition, die sie gestohlen oder rechtswidrig aufbewahrt hatten, einwerfen konnten. Im Gegenzug hat der Kommandeur ihnen Straffreiheit versprochen. Damit hat er natürlich seine Kompetenzen klar überschritten und steht deshalb jetzt auch vor Gericht.

Außerdem wurde dadurch eine Aufklärung dieser Munitionsdiebstähle extrem erschwert. Bis heute sind immer noch 12.000 Schuss Munition und die 62 Kilogramm Sprengstoff spurlos verschwunden. Wir befürchten, dass sie sich in den Waffendepots von militanten Rechten befinden. Das ist aus unserer Sicht eine brandgefährliche Situation, auf die wir anlässlich dieses Prozesses hinweisen wollen.

Was genau kritisieren Sie an der »Amnestiebox«? Wäre es nicht gefährlicher gewesen, wenn die Soldaten die Munition einfach behalten hätten?

Diese Amnestie war nicht geeignet, das Problem grundsätzlich aus der Welt zu schaffen. Sie hat eher gezeigt, wie groß das Problem überhaupt ist. Interessanterweise wurde zwar einiges an Munition abgegeben, allerdings größtenteils gar nicht die Munition, die eigentlich vermisst wurde. Man sieht daran sehr gut, wie schlampig der Umgang mit Munition beim KSK damals war. Sicherlich ist Markus Kreitmayr da eher so eine Art Bauernopfer. Uns geht es vor allem darum, die grundsätzliche Problematik mit Rechten und Munitionsdiebstahl beim KSK zu thematisieren. Teilweise tauchte die Munition in Waffendepots der rechten Gruppe »Nordkreuz« auf, die auch Kontakt zu KSK-Soldaten hatte.

Und was kritisieren Sie grundsätzlich am »Kommando Spezialkräfte«?

Neben der Neonaziproblematik, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte dieser Einheit zieht, finden wir auch heikel, dass es eine Einheit ist, deren streng geheime Einsätze vom Parlament kaum bis gar nicht effektiv kontrolliert werden können. Dadurch entwickelt das KSK ein Eigenleben. Auch die Öffentlichkeit wird über dessen Einsätze nicht oder nur selten unterrichtet.

Ist die Geschichte um den Kommandeur Kreitmayr und die »verschwundene« Munition nicht eine Kleinigkeit verglichen mit großangelegten Kriegsübungen wie »Steadfast Defender« oder »Quadriga 2024«?

Das sollte man nicht gegeneinander ausspielen. Die Problematik beim KSK ist deswegen so wichtig, weil die Einheit einerseits natürlich an allen wichtigen Auslandseinsätzen irgendwie beteiligt ist und dadurch eine militärische Relevanz hat. Zum anderen ist das Problem wegen dieser Munitionsdiebstähle und den Neonaziverbindungen auch innenpolitisch relevant.

Luca Heyer recherchiert bei der Informationsstelle Militarisierung zu militanten rechten Netzwerken in Bundeswehr und Polizei. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Kommando Spezialkräfte (KSK)

Kundgebung: Fr., 8 Uhr, Landgericht Tübingen

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