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Aus: Ausgabe vom 25.01.2024, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Das ausgelaugte Phantom

Feministische Kunst in der Gruppenausstellung »The Bad Mother« im Haus am Lützowplatz in Berlin
Von Matthias Reichelt
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Nimmersatte parasitäre Brut kolonisiert den mütterlichen Körper: »It’s the Mother« von Nathalie Djurberg und Hans Berg

Schlechte Mütter werden als »Rabenmütter« beschimpft, weil sie sich nicht voll und ganz den Kindern widmen und/oder berufstätig sind. Eine patriarchale und machistische Projektion, die sich mitunter auch Frauen zu eigen machen. Zudem ist das Bild nachweislich falsch, denn Raben kümmern sich intensiv um ihren Nachwuchs, der aber schnell aus dem Nest strebt. Dem Motiv der schlechten Mutter widmet sich nun eine bemerkenswerte Ausstellung, konzipiert und organisiert von Katharina Schilling, der temporären Leiterin des Hauses am Lützowplatz (HaL).

Gezeigt wird Antje Engelmanns Video »Point of No Return« (2015) über eine Reise von New York nach Los Angeles mit Bildern endloser Weite auf Landstraßen und Highways, auf der die Filmemacherin Menschen der Gegenkultur mit spezifischen Wissensformen und alternativen Forschungen traf, die sich kritisch mit dem Zustand der »Mother Earth« und dem respektlosen Umgang der Menschen damit auseinandersetzen. Ein Gentechniker arbeitet an einem DNA-Archiv ausgestorbener Tiere, um Neuzüchtungen zu ermöglichen. Ein bizarrer Exbodybuilder mit Papagei auf der Schulter schildert, wie er einem Blitzeinschlag entkommen ist. Neben zusätzlichem Dokumentarmaterial verarbeitet Engelmann ihre Schwangerschaft und evoziert vor diesem Hintergrund existentielle Fragen zu Zivilisation und Naturzerstörung und Zukunft.

Vom schwedischen Künstlerpaar Nathalie Djurberg und Hans Berg ist der Film »It’s the Mother« (2008) mit animierten Knetfiguren zu sehen. Darin beanspruchen Kinder den mütterlichen Körper, lümmeln auf ihm herum und schlüpfen schließlich eins nach dem anderen durch die Vagina in sie hinein. Die Mutter ist diesem Prozess hilflos ausgesetzt und kann nur noch mit schmerzverzerrtem Gesicht blaue Tränen vergießen. In dieser bitterbösen Satire kolonisiert die nimmersatte Brut den mütterlichen Körper Parasiten gleich, ohne dass sich die Mutter wehren kann.

Eine ganz andere Art der ironisierenden Dekonstruktion unternimmt die Arbeit »Mother« (2005) von Candice Breitz. Sie nimmt sich des Mutterbildes in Hollywoodfilmen anhand einiger von Faye Dunaway, Diane Keaton, Shirley MacLaine, Julia Roberts, Susan Sarandon und Meryl Streep verkörperten Rollen an. In der Sechs-Kanal-Videoinstallation hat Breitz nach eigenem Drehbuch das Material zu einer grandiosen Abfolge von Szenen diverser Aggregatzustände der Gemüter geschnitten und dekonstruiert das Mutterliebenarrativ in einem Reigen zwischen Ernüchterung und furiosen Wutausbrüchen. Im Gegensatz zum Saarlandmuseum, das eine Einzelausstellung der jüdischen Künstlerin aufgrund ihrer Haltung zum Israel-Palästina-Konflikt absagte, ließ sich HaL-Leiterin Schilling lobenswerterweise nicht dazu verleiten, Breitz auszuladen.

Den Titel zu ihrer Ausstellung entnahm Schilling der kleinen Lithographie »The Bad Mother« von Louise Bourgeois aus dem Jahr 1997. In ihrem Werk ging es Bourgeois zufolge nie um Sex, sondern im Gegenteil um »seine Abwesenheit«. Ihre Grafik zeigt eine nackte Frau mit einem Körper, aber drei Köpfen. Aus ihrer rechten Brust tropft die Milch zu Boden und sammelt sich in einer Pfütze, während das Kind ihr linkes Bein umklammert. Ein Bild, das die Spaltung der Frau zwischen den Bedürfnissen des Kindes und ihren eigenen Wünschen verdeutlicht. Das Motiv der Muttermilch taucht im übertragenen Sinne in einer Fotoinszenierung von Carina Linge wieder auf. Dort stammt die Milchpfütze aus einem umgekippten Glas auf einem Atelierschemel. Von Eva Vuillemin ist der Polaroidzyklus mit dem doppeldeutigen Titel »Stilleben« von 2023 zu sehen, der sie aus unterschiedlichen Perspektiven beim Stillen ihres Kindes zeigt, eine den gesamten Alltag in dieser Lebensphase strukturierende Tätigkeit.

An der größten und zentralen Wand des HaL hängen als Cluster viele Aquarell-, Tusche und Acrylzeichnungen sowie Collagen der finnischen Künstlerin Niina Lehtonen Braun, die den Alltag einer Mutter einfangen, die sich nebenbei auch an ihrer eigenen Mutter abarbeitet. Auf einem Blatt findet sich ein längeres Zitat der aus Südafrika stammenden und in England lebenden feministischen Schriftstellerin Deborah Levy mit der Frage: »Wozu brauchen wir verträumte Mütter?« Denn schließlich fordern die Kinder permanente Präsenz und Fürsorge, 24 Stunden und sieben Tage die Woche. Aus Levys Autobiographie stammt übrigens ihre Erkenntnis, »dass Weiblichkeit, von Männern geschrieben und von Frauen inszeniert, das ausgelaugte Phantom war, das auch noch durch das frühe 21. Jahrhundert spukte. Was würde es kosten, aus der Rolle zu treten und die Geschichte zu beenden?« Dieses Zitat könnte Motto dieser Ausstellung sein.

»The Bad Mother«, Haus am Lützowplatz, Berlin, bis 11. Februar 2024

www.hal-berlin.de

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