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Aus: Ausgabe vom 12.01.2024, Seite 16 / Sport
American Football

Vielfraße und treue Rivalen

Warum ist College Football in den USA beliebter als die Profivariante in der NFL? Teil eins von zwei
Von Martin Bartholmy
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Fans der Michigan Wolverines nach dem 34:13-Sieg über die Washington Huskies im Finale der College Football Playoffs am 8. Januar

Wo befindet sich das größte Sportstadion der USA? Für welche Sportart wurde es erbaut? In Deutschland wird das, Freunde des Ratesports vielleicht ausgenommen, kaum jemand wissen. Baseball? Football? Was sonst? – Nun, es handelt sich um ein Footballstadion, doch das ist nur die halbe Geschichte. Weder die Patriots noch die Eagles spielen dort, weder die Seahawks noch die Chiefs – dort spielen Amateure. Auch der Ort dürfte unerwartet sein: Das Stadion – der Zuschauerrekord, aufgestellt 2013, liegt bei 115.109 – trägt den Spitznamen »The Big House«, heißt offiziell Michigan Stadium und befindet sich in der circa 125.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt Ann Arbor. Das ist in etwa so, als befände sich das Berliner Olympiastadion in Tübingen (zufälligerweise Ann Arbors deutsche Partnerstadt).

Der Vergleich hinkt allerdings erheblich. Die Fußballer der TSG Tübingen spielen in der Verbandsliga Württemberg, zu ihren Heimspielen kommen vielleicht hundert Fans. Wie kann es sein, dass tausendmal mehr Menschen die Footballamateure in Michigan anfeuern? Kurze Antwort: In den USA treibt man Sport bekanntlich nicht im Verein. Sport ist Sache von Schulen, Universitäten, schließlich der Profis, und die Footballamateure, um die es hier geht, treten an für Uniteams. Die Spieler erhalten ein Stipendium und sind so von den hohen Studiengebühren teils oder ganz befreit (bei der University of Michigan belaufen sich diese auf zwischen 35.000 und 80.000 Dollar pro Studienjahr).

Die Trainer, Betreuer und der umfangreiche Stab hingegen arbeiten nicht ehrenamtlich. Michigans Cheftrainer Jim Harbaugh verdient pro Jahr etwa sieben Millionen Dollar, während der Spitzenverdiener, Nick Saban von der University of Alabama, auf 11,7 Millionen kommt. Zum Vergleich: Jim Harbaughs Bruder John, Trainer der Profis der Baltimore Ravens, macht 12 Millionen Dollar. Sind die Universitäten und ihre Startrainer also Gierschlünde, die den Rachen nicht voll bekommen? Für einen Superhelden wäre »Vielfraß« kein besonders guter Name, und dasselbe gilt für eine Footballmannschaft. Mit dem englischen Namen des Tiers hingegen funktioniert das bestens, und so sind die Sportler der University of Michigan sowie ihre Fans »Wolverines« und sehr stolz darauf. Um Geldgier, Vermarktung und nacktes Profitstreben geht es dabei weniger, denn den Einnahmen stehen neben Personalkosten auch erhebliche Aufwendungen für Stadion sowie Trainings- und medizinische Einrichtungen gegenüber – um so mehr, als eine Unimannschaft zwischen 85 und 105 Spieler im Kader haben muss. Wie können sich die Unis solche Ausgaben leisten?

Sehen wir uns die Einnahmenseite an – damit sind nicht die Studiengebühren gemeint. Für 2022/23 veranschlagt die University of Michigan einen ausgeglichenen Haushalt mit Einnahmen und Ausgaben von jeweils 201,9 Millionen Dollar. Die wichtigsten Quellen sind Ticketverkauf (etwa 48 Millionen Dollar p. a.), der Verkauf von Fanartikeln (etwa zehn Millionen p. a.) und die Fernsehrechte. Die Konferenz (»Liga« wäre der falsche Begriff), der Michigan angehört, nämlich die »Big 10«, erhält seit 2023 für sieben Jahre von einer Gruppe von Sendern über eine Milliarde Dollar jährlich.

Erzielen lassen sich solche Einnahmen nur, wenn es sehr viele Fans gibt. College Football ist in den USA vermutlich beliebter als die Profis der NFL, nicht zuletzt, da die Fanbasis der Uniteams auf zwei Säulen ruht: Zum einen sind das Menschen aus der Stadt und Region (um so mehr, wenn es dort keine Profiorganisation gibt), zum anderen die besonders treue Gemeinde der Studenten und Absolventen. Ist doch, ganz anders als in Deutschland, in den USA die Identifikation mit der Alma Mater hoch, was durch Alumniklubs befördert und mit Shirts, Mützen und Smalltalk laufend zum Ausdruck gebracht wird. Zudem sind die Profimannschaften in den USA Franchises in Privatbesitz und wechseln je nach Marktverhältnissen und angebotenen Subventionen auch schon einmal die Stadt. Was man da und dort den kuriosen Namenskombinationen auch ansieht: in der NBA etwa die L. A. Lakers und Utah Jazz – erstere kamen ursprünglich aus Minnesota, letztere aus New Orleans. Während also die Profiorganisationen sich um die Fans wenig und um so mehr um den Markt scheren, sind Universitäten naturgemäß standorttreu.

Die große, treue Fangemeinde sorgt für die besondere Atmosphäre bei den Spielen. Dazu kommen die Musikzüge der »marching bands«, die nicht nur Lärm machen, sondern ausgefuchste, spielfeldfüllende Choreographien aufführen. Zum Fansein gehört, lange vor und lange nach einem Spiel auf Parkplätzen zu grillen und zu trinken (»tailgaiting«). Einige Traditionen und Rivalitäten sind oft weit über hundert Jahre alt. In diesem Zusammenhang ist nicht unwichtig, dass die allergrößten Spiele – es sind nicht die um die Meisterschaft, es ist das Spiel gegen den jeweiligen Erzrivalen –, alle an demselben Tag ausgetragen werden, am Samstag nach Thanksgiving, dem letzten Samstag im November (­»rivalry weekend«). Einige der Traditionen sind durch die zunehmende Beliebtheit und den damit einhergehenden Reibach allerdings in akuter Gefahr.

Teil zwei am Montag

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