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Aus: Ausgabe vom 15.01.2024, Seite 16 / Sport
American Football

Rosskastanien und Kaffeewerbung

College Football in der Grauzone zwischen Amateur- und Profisport, Teil zwei und Schluss
Von Martin Bartholmy
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Running Back Donovan Edwards (7) von den Michigan Wolverines auf dem Weg zum zweiten Touchdown gegen die Washington Huskies (Houston, 8.1.2024)

College Football wird seit 1869 gespielt und seit 1910 von der National Collegiate Athletic Association (NCAA) kontrolliert. Es gibt mehrere Spielklassen, und in der höchsten, der Football Bowl Subdivision (FBS) spielen aktuell 133 Mannschaften. Wie im US-Sport üblich, kann man weder ab- noch aufsteigen, allerdings können Mannschaften neu aufgenommen werden, wenn sie die finanziellen und organisatorischen Bedingungen erfüllen. Die Spielzeit beginnt Ende August/Anfang September und endet Anfang/Mitte Dezember. Es folgt bis in den Januar hinein die Nachsaison, in der zahlreiche sogenannte Bowl Games stattfinden, in denen die guten Teams aus den verschiedenen Conferences aufeinandertreffen und in der seit 2014 die besten vier Mannschaften in Playoffs die Meisterschaft ausgespielt haben. Ab diesem Jahr sind es die zwölf besten Teams.

In der regulären Spielzeit werden zwölf Spiele ausgetragen. Bei 133 Mannschaften, das ist klar, können nur wenige gegeneinander spielen, und die meisten werden nie aufeinandertreffen. Der Spielbetrieb wird deswegen hauptsächlich in Conferences ausgetragen, das heißt, in aktuell zehn Gruppen von Teams. Unter diesen Konferenzen sind die »Power Five« am wichtigsten. Dort spielen doch, wie der Name sagt, die stärksten Teams. Selbst in diesen Konferenzen können aber, anders als in einer Liga, nicht alle gegen alle anderen antreten. Die Big-Ten-Konferenz beispielsweise hat, anders als der Namen suggeriert, 14 Mitglieder, die wiederum in eine Ost- und eine Westgruppe unterteilt. Innerhalb dieser Siebenergruppen treten alle Teams gegeneinander an. Die beiden Gruppenersten spielen um die Meisterschaft der Big Ten. Es bleiben so von den zwölf Spielen pro Saison noch sechs mit anderen Teams, und diese werden teils aus Gründen der Tradition gegen bestimmte Mannschaften ausgetragen, oder es kommt zu Paarungen, die Jahre im voraus vereinbart werden. Bleibt die Frage: Wie eine Meisterschaft unter 133 Teams ausspielen?

Hier kommt das Ranking ins Spiel. Zu Beginn der Saison bewerten zwei Expertengremien die Stärke der Teams, eines von der Associated Press und ein aus Trainern bestehendes von der Tageszeitung USA Today. Gewertet wird, zum einen, wie viele Spiele gewonnen bzw. verloren wurden und, zum anderen, die Stärke der jeweiligen Leistung, gemessen auch an der Stärke des Gegners. Die Top 25 dieser beiden Gremien ähneln sich sehr. Ab Mitte der Saison veröffentlicht dann das College Playoff Committee des Verbands NCAA eine offizielle Liste der besten 25 Mannschaften, die Woche für Woche aktualisiert wird. Bis zu diesem Jahr haben am Ende der regulären Saison die Mannschaften auf den ersten vier Plätzen der Liste die Playoffs ausgetragen. Im Finale am 8. Januar standen sich dann im NRG Stadium in Houston die Michigan Wolverines und die Washington Huskies gegenüber. Michigan gewann 34:13 und wurde Landesmeister.

Der wachsende Markt für Sport und folglich auch für College Football hat nun dazu geführt, dass die Teams versuchen, sich stärkeren Konferenzen anzuschließen. Die Gründe sind simpel: Spielt man gegen stärkere Gegner, wird die eigene Leistung in der Rangliste höher bewertet – und die starken Conferences bekommen deutlich mehr Fernsehgelder als die schwächeren. Gerade hat sich deshalb die im Westen der USA angesiedelte Konferenz Pac-12, eine der »Power Five«, aufgelöst, denn deren stärkste Teams schließen sich ab 2024 der Big Ten Conference an, wodurch im Gegenzug die im Nordosten der USA angesiedelten Big Ten Zugang zum Westen des Landes, insbesondere zum lukrativen kalifornischen Fernsehmarkt, bekommen. Weitere Verschiebungen sind zu erwarten.

Zynisch könnte man nun meinen, der Amateursport habe ausverkauft und allen ginge es allein ums Geld. Doch das wäre falsch. Richtig ist, dass die Universitäten durch die Vermarktung des Sports immer mehr Geld einnehmen. Sie geben aber auch immer mehr Geld aus, denn die Unis wirtschaften in der Regel mit ausgeglichenen Budgets – und die Kosten, eine Mannschaft von etwa 90 Spielern plus Stab, plus Einrichtungen, plus Musikzüge (mit nicht selten hundert und mehr Mitgliedern) zu unterhalten, sind erheblich. Dazu kommt, dass die Unis zahlreiche Sportprogramme haben (und entsprechende Stipendien vergeben). Von den diversen Sportarten bringen vor allem Football und Basketball erhebliche Einnahmen, der Rest wird subventioniert.

Von den etwa 12.000 Spielern in der obersten Division des College Footballs werden pro Jahr etwa 250 im »draft« gezogen und bekommen einen Profivertrag. Damit ist man nicht automatisch Spitzenverdiener. Die Einstiegsgehälter der Rookies (Neuprofis) in der NFL beginnen bei 750.000 Dollar pro Jahr – kein schlechter Schnitt, doch muss man bedenken, dass eine durchschnittliche Profikarriere im Football nur 3,3 Jahre dauert.

Die ganz überwiegende Zahl der Amateure wird nie Profi. Ihnen werden durch ein Sportstipendium die meist sehr hohen Studiengebühren erlassen – kein schlechter Deal. Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren der Amateurstatus gelockert wurde. Durften zuvor Collegespieler keine Einnahmen durch Werbung etc. erzielen, so es ist ihnen seit 2021 gestattet, ihren »Namen, ihr Bild oder Abbild« zu vermarkten, wenn auch mit einigen Einschränkungen, die je nach Verhaltenskodex der Uni variieren (so dürfen die Studenten der mormonischen Brigham Young Universität z. B. keine Werbung für Kaffee machen).

In Deutschland hat man von den Sportteams der Universität von Michigan vermutlich am ehesten im Zusammenhang mit den Berliner Wagner-Brüdern gehört. Die beiden Basketballprofis, die mit der deutschen Nationalmannschaft 2023 Weltmeister wurden, spielten als Amateure in Ann Arbor für die Wolverines. Doch obgleich Football in Deutschland beliebter wird – die TV-Einschaltquoten sind hoch, und die NFL tritt vermehrt zu Gastspielen an –, ist College Football als Spektakel noch weitgehend unbekannt. Das ist schade, denn in mancher Hinsicht ist die College-Version des Spiels interessanter als die der Profis, unter anderem, weil sich die Regeln leicht unterscheiden. Zum Beispiel: In der NFL gibt es, im Falle eines Unentschiedens, eine 10minütige Nachspielzeit nach dem Sudden-Death-Prinzip, um den Sieger zu ermitteln; bei den Amateuren sind die Nachspielzeiten theoretisch unbegrenzt, bis der Sieger feststeht. Dann sind da die Traditionen und die enorme Loyalität und Begeisterung der Fans. Im November 2023 gewannen die Michigan Wolverines ihr eintausendstes Footballspiel – sie sind das erfolgreichste aller College-Teams. Wichtiger aber, am 25. November 2023 gewannen die Wolverines zum dritten Mal in Folge das Spiel gegen den verhassten Erzrivalen, die »Buckeyes« der Ohio State University (der Spitzname bedeutet »Rosskastanie« – der Baum ist in Ohio sehr verbreitet). Beide Mannschaften waren zuvor ungeschlagen und standen in der Rangliste auf Platz zwei und drei. Fast noch größer als die Freude über den Sieg war die Schadenfreude, die Buckeyes so aus dem Rennen um die College Playoffs und also um die Meisterschaft gekegelt zu haben. Im College Football zählen solche Siege mehr als ein Titel. Aber den gewann Michigan dann ja auch noch.

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