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Aus: Ausgabe vom 29.12.2023, Seite 8 / Abgeschrieben

Israelischer Kriegsdienstverweigerer Tal Mitnick: Es gibt keine militärische Lösung

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Israelischer Protest gegen die ultrarechte Netanjahu-Regierung (Tel Aviv, 23.12.2023)

Der 18jährige Tal Mitnick aus Tel Aviv wurde am Dienstag in Israel zu 30 Tagen Gefängnis wegen Verweigerung des Kriegsdienstes verurteilt. In einer über Instagram verbreiteten Erklärung erläutert er seine Entscheidung:

Dieses Land hat ein Problem – es gibt zwei Nationen mit einer unbestreitbaren Verbindung zu diesem Ort. Aber trotz aller Gewalt auf der Welt konnten wir das palästinensische Volk oder seine Verbindung zu diesem Land nicht auslöschen, genausowenig wie das jüdische Volk oder unsere Verbindung zu diesem Land ausgelöscht werden können. Das Problem hier ist die Vorherrschaft, die Überzeugung, dass dieses Land nur einem Volk gehört. Gewalt kann diese Lage nicht lösen, weder von Hamas noch von Israel. Es gibt keine militärische Lösung für ein politisches Problem. Deshalb weigere ich mich, mich einer Armee anzuschließen, die glaubt, dass das eigentliche Problem ignoriert werden kann, unter einer Regierung, die nur die Trauer und den Schmerz fortsetzt.

Am 7. Oktober erlebte die israelische Gesellschaft ein Trauma, wie es in der Geschichte des Landes seinesgleichen sucht. Bei einer schrecklichen Invasion hat die Terrororganisation Hamas Hunderte unschuldige Zivilisten ermordet und Hunderte weitere entführt, Familien wurden in ihren Häusern ermordet, junge Menschen wurden bei einem Rave massakriert, und 240 Menschen wurden in den Gazastreifen entführt. Nach dem terroristischen Angriff begann eine Vergeltungskampagne nicht nur gegen die Hamas, sondern gegen das gesamte palästinensische Volk. Willkürliche Bombardierungen von Wohnvierteln und Flüchtlingslagern in Gaza, volle militärische und politische Unterstützung für die Siedlergewalt im Westjordanland und politische Verfolgung in beispiellosem Ausmaß innerhalb Israels. Die Realität, in der wir leben, ist gewalttätig. Nach Ansicht der Hamas und auch der IDF (die israelischen Streitkräfte, jW) und der politischen Ebene ist Gewalt der einzige Weg. Die Fortsetzung dieses Kreislaufs »Auge um Auge«, ohne über eine tatsächliche Lösung nachzudenken, die uns allen Sicherheit und Freiheit bietet, führt nur zu mehr Töten und Leid.

Ich weigere mich zu glauben, dass mehr Gewalt Sicherheit bringen wird. Ich weigere mich, an einem Rachefeldzug teilzunehmen. Ich bin in einem Zuhause aufgewachsen, in dem das Leben heilig ist, in dem Diskussionen einen hohen Stellenwert haben und in dem Diskurs und Verständnis immer wichtiger sind als gewalttätige Maßnahmen. In der Welt voller korrupter Interessen, in der wir leben, sind Gewalt und Krieg eine weitere Möglichkeit, die Unterstützung für die Regierung zu erhöhen und Kritik zum Schweigen zu bringen. Wir müssen die Tatsache erkennen, dass nach wochenlangen Bodenoperationen in Gaza am Ende – Verhandlungen, eine Einigung die Geiseln zurückbrachten. Es war tatsächlich eine Militäraktion, die zu ihrem Tod führte. Infolge der kriminellen Lüge »in Gaza gibt es keine unschuldigen Zivilisten« wurden sogar Geiseln erschossen, die eine weiße Flagge schwenkten und auf hebräisch riefen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie viele ähnliche Fälle es gab, die nicht untersucht wurden, weil die Opfer auf der falschen Seite des Zauns geboren wurden. Die Leute, die sagten »keine Verhandlungen mit der Hamas«, lagen einfach falsch. Diplomatie, politische Bemühungen und Politikwechsel sind die einzige Möglichkeit, weitere Zerstörung und Tod auf beiden Seiten zu verhindern.

Die Gewalt, die die Armee anwendet und im Laufe der Jahre angewendet hat, schützt uns nicht. Der Kreislauf der Gewalt ist in der Tat ein Kreislauf – die Gewalt der Armee produziert – wie die jeder Armee – mehr Blut. In der Praxis handelt es sich um nichts anderes als eine Armee der Besatzung und deren Erhalt. Im Moment der Wahrheit hat sie die Bewohner des Südens und des ganzen Landes im Stich gelassen. Es ist wichtig, zwischen den einfachen Leuten und den Generälen und eigennützigen Leuten zu unterscheiden, die an der Spitze des Systems sitzen: Keiner der einfachen Leute hat beschlossen, die Hamas zu finanzieren, keiner von uns hat sich dafür entschieden, die Besatzung aufrechtzuerhalten, und keiner von uns hat sich für einen Abzug von Truppen in das Westjordanland Tage vor der Invasion entschieden, weil Siedler beschlossen, in Huwara eine Laubhütte zu bauen. Und jetzt, nach einer langjährigen Politik, die immer zum Scheitern verurteilt war, sind wir diejenigen, die nach Gaza geschickt werden, um zu töten und getötet zu werden. Wir werden nicht ausgesandt, um für den Frieden zu kämpfen, sondern im Namen der Rache. Ich habe mich vor dem Krieg entschieden, die Einberufung zu verweigern, aber seit Kriegsbeginn bin ich mir meiner Entscheidung immer sicherer.

Vor dem Krieg bewachte die Armee Siedlungen, hielt die mörderische Belagerung des Gazastreifens und den Status quo der Apartheid und der jüdischen Vorherrschaft im Land zwischen Jordan und Meer aufrecht. Seit Ausbruch des Krieges haben wir keinen Ruf nach einem echten Politikwechsel im Westjordanland und im Gazastreifen, nach einem Ende der weitverbreiteten Unterdrückung des palästinensischen Volkes und des Blutvergießens oder nach einem gerechten Frieden gehört. Wir sehen das Gegenteil: die Verschärfung der Unterdrückung, die Ausbreitung des Hasses und die Ausweitung der faschistischen politischen Verfolgung in Israel.

Der Wandel wird nicht von korrupten Führern hier oder von den Führern der Hamas ausgehen, die ebenfalls korrupt sind. Es wird von uns kommen – den Menschen beider Nationen. Ich bin von ganzem Herzen davon überzeugt, dass das palästinensische Volk kein böses Volk ist. Genau wie hier, wo die überwiegende Mehrheit der Menschen ein gutes und sicheres Leben führt, einen Ort haben möchte, an dem ihre Kinder nach der Schule spielen und am Ende des Monats über die Runden kommen können, wollen das auch die Palästinenser. Am 7. Oktober lag die Unterstützung für die Hamas in Gaza bei einem Tiefststand von 26 Prozent. Seit dem Ausbruch der Gewalt ist sie deutlich stärker geworden. Um etwas zu ändern, muss eine Alternative geschaffen werden, eine Alternative zur Hamas und eine Alternative zur militaristischen Gesellschaft, in der wir leben.

Der Wandel wird eintreten, wenn wir das viele Jahre andauernde Leiden des palästinensischen Volkes erkennen und erkennen, dass dieses Leiden das Ergebnis der israelischen Politik ist. Mit der Anerkennung müssen auch Gerechtigkeit, Korrektur und der Aufbau einer politischen Infrastruktur einhergehen, die auf Frieden, Freiheit und Gleichheit basiert. Ich möchte mich nicht an der Fortsetzung der Unterdrückung und der Fortsetzung des Kreislaufs von Blutvergießen beteiligen, sondern mich direkt für eine Lösung einsetzen, und deshalb verweigere ich. Ich liebe dieses Land und die Menschen hier, denn es ist meine Heimat. Ich bringe Opfer und arbeite, damit dieses Land ein Land wird, in dem andere respektiert werden und in dem man in Würde leben kann. (Übersetzung: jW)

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