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Aus: Ausgabe vom 11.12.2023, Seite 3 / Schwerpunkt
Argentinien nach der Wahl

Regierung gegen Erinnerung

Argentinien: Ultrarechter Javier Milei als Präsident vereidigt. Opfer der Militärdiktatur befürchten Revisionismus und Repression
Von David Maiwald und Annuschka Eckhardt, Buenos Aires
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Seit über 40 Jahren demonstrieren die Mütter für ihre verschwundenen Kinder (Buenos Aires, 9.12.1998)

Die lebensgroße Holzfigur steht einsam in der braunen Brandung des Río de la Plata. Wolken ziehen an diesem verregneten Tag schnell und tief vorüber, obwohl sich der Sommer in Buenos Aires Ende November schon mit sonnig-heißem Wetter angekündigt hat. »Sie erinnert an die Menschen, die sie aus Flugzeugen lebendig ins Wasser geworfen haben«, erklärt Adriana Kitroser und schaudert, als eine startende Maschine den »Parque de la Memoria«, Park der Erinnerung, vom nahegelegenen Stadtflughafen Jorge Newbery dröhnend in Richtung Uruguay überquert. »Trasladados«, Umgezogene, nannten die Militärs während ihrer Regierungszeit 1976 bis 1983 jene, die sie aus ihren Geheimgefängnissen und Folterknästen auf grausame Weise verschwinden ließen.

Nun habe ein rechter Flügel die Wahl gewonnen. »Die Vizepräsidentin Victoria Villarruel ist Teil der zivil-militärischen Diktatur der 70er Jahre!« ärgert sich Kitroser. Am Sonntag hat der Ultrarechte Javier Milei seine Präsidentschaft angetreten. Kitrosers Blick schweift über lange Mauern, die den Grundriss des Parks blitzförmig durchziehen. Namen von Verschwundenen sind hier aufgelistet: Vergangene Woche seien 137 weitere Namen ergänzt worden, erklärt sie. Nach dem Militärputsch hätten viele, die in den Untergrund geflohen waren, das Haus ihrer Familie aufgesucht, erinnert sich die Theaterproduzentin. »Manche kamen für einige Tage, andere nur für ein Bad oder eine Mahlzeit.«

Eine Verwandte habe ein 20 Tage altes Neugeborenes zu ihrer Familie gebracht, nachdem ihr Partner mehr als 10 Stunden verschollen geblieben war, erklärt Kitroser. »Sie fürchtete, er könne sie verraten.« Der Säugling blieb eine Weile bei der Familie: Die Großeltern, Anhänger der Diktatur, wollten das Kind zuerst nicht aufnehmen, schämten sie sich für die politische Aktivität der Tochter. Die junge Frau kam im April 1979 frei und ging ins Exil, »geschickt von ihren Entführern«. Kitrosers Familie floh nach Madrid, als sie zwölf Jahre als war. Ihr älterer Bruder gehörte den militant-linksperonistischen »Montoneros« an.

Carlos García spricht unaufgeregt, während er auf die freigelegten Grundmauern des »Mansión Seré« deutet: »Wir waren im ersten Stock gefangen, über dieser Ecke. Und über dieser war der Raum, in dem sie gefoltert haben.« In den geheimen Folterknast in Morón, in der Provinz Buenos Aires, kam er nach seiner Verhaftung im Oktober 1977. Die Militärs folterten ihn direkt nach seiner Ankunft mit »Picana« genannten Elektroschockern, fragten nach Namen von Genossen aus der Peronistischen Jugend und der Vereinigung der Sekundarschüler (Unión de Estudiantes Secundarias, UES), wo er organisiert war. Rund ein halbes Jahr war er in der »Mansión« gefangen, bis er am 24. März 1978 – dem zweiten Jahrestag des Militärputsches – mit drei weiteren Gefangenen fliehen konnte.

Ein eckiger Glaspavillon schützt die Reste des von der Junta zerstörten Gebäudes vor Witterung. An den Innenwänden Bilder von Verschwundenen: »Die unteren wurden hierhin verschleppt, die oberen sind alle, die man hier in der Region zählen konnte«, erklärt García. Er deutet auf Porträts zweier junger Männer. »Alejandro Marcos Astiz und Jorge Rosario Infantino waren hier mit mir gefangen.« Alejandro, wie er in der UES organisiert, sei 18 Jahre alt; Jorge, ein »Montenero«, Anfang 20 gewesen. »Sie brachten beide irgendwann weg – sie wurden nie wieder gesehen.«

Knapp zwei Kilometer Luftlinie vom »Parque de la Memoria« entfernt liegt Ex-ESMA, benannt nach dem Kürzel der einst dort beheimateten Marineschule. Hier lag einer der landesweit knapp 800 geheimen Folterknäste, heute »Raum der Erinnerung und Menschenrechte«. Noch im September wurde das Gelände in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Im neueröffneten Museum der »Mütter der Plaza de Mayo« ist eine Schulklasse zu Besuch, Jugendliche laufen durch die Ausstellungsräume und bestaunen große Schwarzweißfotos an den Wänden. »Schaut euch die Frauen an.« Die Museumsführerin zeigt auf ein Bild an der Wand, auf dem die »Madres« – alle um die 40, in der Mode der Zeit und mit einem weißen Stofftaschentuch als Kopftuch bekleidet – für ihre verschwundenen Kinder demonstrieren. »Mein Opa sagt, es gab gar nicht so viele Verschwundene«, meldet sich ein Mädchen, »es waren viel weniger, sagt er«.

Die Siebtklässler tragen den in Schulen üblichen weißen Kittel, einige wirken kindlich, andere schwer pubertierend. Sie kenne die Zweifel an der Zahl der Verschwundenen, antwortet die Museumsführerin. Auch Milei spräche von »nur« 8.500 Verschwundenen. Doch mit einer Vielzahl von Quellen könne die Anzahl von 30.000 belegt werden. »Es handelt sich um eine offene Zahl, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass wir gar nicht von allen Verschwundenen wissen.« Die einzigen, die um die tatsächliche Anzahl der Opfer wüssten, seien die ehemaligen Angehörigen der Junta, ergänzt ihr Kollege. »Doch sie haben einen Pakt des Schweigens und der Dunkelheit über diesen Teil unserer Geschichte gelegt.«

Estela Gareis’ Blick ist auf ein buntes Mosaik am »Casa de la Memoria« in Morón geheftet. Ihr Vater Carlos gehörte zu einer Gruppe von 24 Ford-Gewerkschaftsdelegiertern, die am 12. April 1976 direkt aus dem Fabrikgebäude entführt wurden. In der Familie habe er nicht über die Gefangennahme gesprochen, sagt Estela Gareis mit fester Stimme. Die Militärs verschleppten ihn von seiner Arbeitsstelle im Stanzwerk, er blieb bis März 1977 verschwunden. Als unter der Regierung von Expräsident Néstor Kirchner die Amnestiegesetze der 80er Jahre abgeschafft wurden, verurteilte ein Gericht zwei Exdirektoren des US-Autobauers und einen General rund 42 Jahre nach den Verhaftungen im Ford-Werk für »Verbrechen gegen die Menschheit«.

Am Donnerstag, nach dem Wahlsieg von »La Libertad Avanza«, tragen die »Madres« mit einigen hundert Unterstützern auf der Plaza de Mayo ein Transparent mit dem historischen Slogan aus dem Spanischen Krieg gegen die Faschisten: »No pasarán!« – sie werden nicht durchkommen. Nachdem die Madres, weit über 80 Jahre alt, einige im Rollstuhl, den Platz einige Male umrundet haben, erklärt ein Redner, nun werde »jede Versammlung, jeder Protest und jede Demonstration der Erinnerung zu einem Akt des Widerstands gegen die neue Regierung«.

Für Carlos García und Estela Gareis ist der »Irre mit der Kettensäge« weniger bedrohlich als jene, die hinter ihm stehen, etwa Expräsident Mauricio Macri und Vizepräsidentin Victoria Villarruel. Die Beziehungen in Militär- und Justizapparat wecken tiefe Befürchtungen. »Die Kinder und Enkel der Militärs sind nun wieder an der Regierung.«

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