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Aus: Ausgabe vom 09.12.2023, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Epigone

Zwischen Norden und Süden
Von Konstantin Arnold
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Unsere Tage in Klosters begannen in Blenio, einem Tal im Tessin, in dem wir gut Ferien machen konnten. Weil ich es oft schon beschrieben hatte, dachte nicht, dass es noch viel zu erzählen gäbe.

Wir wohnten in jenem Sommer an einem Berg und sahen auf einen anderen, den die Einheimischen die weiße Geröllhalde nennen. Er besteht aus einer Wasserscheide mit zwei Flanken. Die eine verharrt in der typischen großen Stille mysteriöser Nordwände, während die andere, von der Morgenröte wachgeküsst, einen weiten, sanft geneigten Kessel umarmt. Morgens stieg ich von einer kleinen ruhigen Hütte ins Tal hinab, um zu schreiben. Abends stieg ich wieder rauf. Wenn du so zur Arbeit musst, ist dein Kopf bereit und klar und kann abends wieder so leer werden, dass man seine Mitmenschen nicht unnötig verwirrt, nur weil man zwischen den Welten gelebt hat.

Zu Hause in Lissabon konnte man nicht so einfach gehen. Man konnte auch nicht so tun wie mein Schwager, der morgens einfach ein paar Runden ums Haus ging. Es war etwas anderes, eine Bewegung auszuführen, die notwendig ist. In Lissabon ging ich neuerdings zwar auch, aber nicht an Bergbächen vorbei, sondern an Geschäften. Ich konnte mein Arbeitszimmer seit einer Weile nicht sehen, genauso wie das ungelebte Leben meiner Liebe als Preis einer Größe, wie ich sie verstand. Ich begann das Leben als viele Lieben zu sehen. Ich versuche, zu lieben, also mich zu ändern. Aber es geht nicht, es ist nichts für mich, mit einer Frau im Bett liegen zu müssen, ohne leidenschaftlich zu sein. Irgendetwas ändert sich in mir, aber ich wusste noch nicht was, und weiß es bis heute nicht. Ich wusste nur, dass ich zu Hause nicht arbeiten konnte und an heißen Tagen in ein Café ging, das ich sehr mochte, weil sie es oben absperrten und mich sitzen ließen, bis sie mit dem Bohnern fertig waren und das Café schlossen. Manchmal kamen schöne Mädchen, aber man konnte sie vergessen, wie damals, als eine Frau noch nicht alle Frauen war. Und auf dem Heimweg konnte ich dann denken und gucken und mich einen Heimweg lang wie ein ganz normaler Mensch fühlen, der gearbeitet hat, und sich nicht vor der Realität in sein Buch flüchtet.

Hier im Norden des Südens der Schweiz ging man keine Einkaufsstraßen entlang, sondern Kräuterwiesen runter. Morgens waren die Farben noch voll, sie würden den Tag über verblassen. Je weiter man ins Tal kam, desto wärmer wurde es, und wenn ich unten angekommen war, wusch ich mich in einem Brunnen und ließ mich von der Sonne trocknen. Der Bürgermeister des Dorfes hatte mir einen großen Schlüssel zu einer Holzhütte gegeben, die ich in meiner Zeit hier zum Schreiben nutzen durfte. Nur zum Schreiben, fragte er. Nur zum Schreiben, antwortete ich, hatte aber vergessen, dass Schreiben auch Scheißen-müssen bedeutet. Einen Brunnen hatte ich, auch einen Ofen im Sommer, zwei schöne Gemälde, die eine aufeinanderfolgende Situationen zeigten, aber kein Klo. Jedenfalls nicht an Werktagen. Dann lief ich die leere, tote Straße des Dorfes entlang und hoffte, dass mich jemand sehen konnte und mich zu ihm reinließ. Die Hütte lag an der Hauptstraße des Dorfes vor einem Café, das die halbe Woche zu hatte. Man sah dann niemanden auf der Straße, nur mich in der Mittagshitze, der kacken musste, und den Schulbus aus Biasca, der zweimal am Tag an meiner Hütte vorbeifuhr. Die Landwirtschaft des Dorfes schien am Ende. Erst die saisonale Abwanderung nach dem Krieg auf der Suche nach Arbeit, dann die generelle, dauerhafte unserer Zeit. Nur selten kam jemand aus der Stadt vorbei und fragte, warum das Café zu sei. Ich hasse Unterbrechungen beim Schreiben, aber die Leute waren so nett und italienisch und ich konnte mich so in sie hineinversetzen, weil ich einige Wochen zuvor selbst in den Pyrenäen gewandert war und den Hunger und den Durst kannte, der sich nach einer gewaltigen Wanderung einstellt. Sobald sie wieder weg waren, hatte ich das Gefühl der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Mittags läutete eine Glocke und ich erschrak. Das Läuten begann in der Regel um Zwölf und dauerte zwischen zehn Minuten und einer Stunde, Abhängig von der Religiosität des Talbewohners, der sie läutete. Ich aß Brot und Käse und trank Brunnenwasser, sah auf die Berge und rauchte an diesen Tagen nicht. Wenn ich den ganzen Tag unten so allein im Tal war, gingen meine Gedanken nur zu den Bergen hinauf. Ich dachte an den kalten Wein am Abend und den Hunger und das Gefühl, etwas getan zu haben. An einen Liegestuhl neben dem meines Schwagers, der mit mir runter ins Tal sieht und sich dann ans Abendessen macht.

Wenn das Café auf war, waren die Tage ganz anders. Dann war draußen die ­Hölle los und ich fragte mich, wo all diese Menschen, all die Italiener herkamen, und diese Rentner. Sie saßen glücklich und zufrieden auf der Terrasse, tranken Kaffee und sagten Ciao. Manchmal lachte einer schallend und alle stimmten mit ein. Ihr Lachen klang so, als hätten sie gewisse Dinge im Leben erkannt oder vergessen oder erkannt, dass man nicht alles erkennen muss. Ich dachte, wie schön und schlimm es sein musste, ein ganzes Leben zu arbeiten und dann nur noch zu Trinken. Es wäre mein sicherer Tod, denn nur die Arbeit hinderte mich abends daran, nicht auch noch eine dritte Flasche aufzumachen. Wie dem auch sei, ich hatte ein Klo, Kaffee und Mittagessen.

Ich lernte natürlich die ganzen Bauern kennen, vor allem Sesto, den letzten im Dorf, der Kühe hatte. Erst vor kurzem hatte er die Maultiere durch Maschinen ersetzen müssen. Durch ihn verstand ich, was es heißt, Bauer am Berg zu sein. Er schwärmte von den Bauernfesten seiner Jugend, dem Nusslikör und den Mädchen aus dem Bleniotal, die nach dem Nusslikör die schönsten der Welt waren. Sesto war mit einer Schweizerin verheiratet und sagte, die Vorstellung, die ich von der Liebe habe, sei noch eine Alpenwiese ohne Fliegen. Er hätte auch mal solche Gefühle gehabt, und seine Eltern vielleicht auch, aber das wäre in einer Zeit gewesen, als die Dörfer entstanden und man die Straßen noch nicht salzte, weil es zwischen den Dörfern noch keine gab. Geschweige denn Tunnel, durch die du heute von einem Tal ins andere kommst, ohne dass du dafür lange unterwegs sein musst. Damals konnte man nicht einfach an einem Tag hoch und wieder runter. Die Tour verlangte Planung und belegte Brote. Die Skier trugen einen nur so schnell, wie man laufen konnte. Immerhin musste man die Berge noch selbst besteigen und bekam davon Muskeln, die es einem erlaubten, schneller zu fahren. Man hatte Wind im Gesicht und Sonne im Rücken, die Ehefrauen galten als treu, die Freundschaften als echt, und das Talent schien unerschöpflich. Natürlich musste man dafür das Wetter kennen und lesen können. Es herrschte eine sehr schöne, generelle, ursprüngliche Intelligenz am Berge und die Tiefe des Geistes im Tal. Das Leben war einfach, könnte man meinen, aber eigentlich war es nur ohne den ganzen überflüssigen Scheiß und die Angst aus der Stadt mit ihren toxischen Kreisen. Ich sprach so schlecht italienisch, dass man fast glauben konnte, sehr gut portugiesisch sprechen zu können, aber es reichte für die Themen der Terrasse.

Es war ein kleines, gutes Café, mit netten Leuten von heiterer Lebensart. Leinensachen tragen und Mokassins, wenn Jacke, dann nur drübergelegt. Nach der Arbeit und bevor ich mich aufmachte, trank ich meistens noch ein Glas. Manchmal riefen die Männer auch schon tagsüber nach mir, aber ich konnte das ignorieren. Eines schönen Tages lernte ich dann eine Frau mit Bart kennen, bei der ich scheißen konnte, sobald das Café zu war. Besser noch, sie brachte dann sogar Kaffee und Kekse und einmal abends, nach dem baden, Pfifferlinge mit Pizokel.

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Der Heimweg war hart und lang, doppelt so lang wie der Weg runter, obwohl das härter war. Meistens, bevor ich mich aufmachte, legte ich mich in den Brunnen. Wenn du auf einem Berg lebst, der 1.800 Meter hoch ist, und in einem Tal arbeitest, das auf 600 Meter beginnt und die Sonne immer noch brennt, weil es eine Nord-Süd-Ausrichtung hat, weißt du, was 1.200 Höhenmeter sind. Du weißt, dass erst der Pfad aus dem Dorf führt und dann die alte römische Straße lange durch den Wald, bis die Heiligenstatue kommt. Du weißt, dass du jetzt links musst, weil du beim ersten Mal rechts gegangen bist und es danach ein Stück auf der Straße entlang ging, von der Sesto sprach, bevor der Weg wieder in den Wald führte, zu einer Lichtung. Wenn du auf der Lichtung bist, weißt du, dass jetzt die Häuser mit dem Gemüse kommen und dann die mit den Hunden und deren Besitzern, die sich immer dafür entschuldigten, dass die Viecher so kläffen. An Werktagen sah ich hier oft Sesto und die anderen Heu machen, handarbeiten, draußen sein. Das goldene Gras glänzte im letzten Licht, und so waren die Leute auch. Ich lächelte und sie winkten. Dann kam das Haus mit dem blauen Auto aus Osnabrück und ich wusste, dass es jetzt nicht mehr weit, aber steil war, bis ich um die Kurve kam und das Haus sehen konnte, als kleinen dunklen Punkt. Ich versuchte dann, nicht nach vorne zu gucken, das hatte ich von Menschen gelernt, die tauchen mussten, ohne zu ertrinken. Jeder Schritt war jetzt eine Entscheidung, und ich stapfte, einen nach dem anderen, den brachen, brutalen Hügel hoch.

Oben angekommen, war’s dann natürlich ganz wunderbar. Wir kochten und tranken dabei Wein. Die Abende waren schön, manchmal gab es nicht mal Fliegen. Wir redeten darüber, was eigentlich Familie ist, und dass meine Nichte anscheinend nicht mehr meine Nichte ist, wenn meine Freundin mit mir Schluss macht oder ich Scheiße baue. Ich konnte das nicht verstehen, hatten wir doch alle eigene Beziehungen zueinander, macht das Familie nicht aus, dass sie eben immer deine Familie ist? Es ging auch um Loyalität und was sie bedeutet und zu welchem Preis und all die typischen Probleme des Zusammenlebens, wenn der eine oder die andere gerade in der Küche war. Eine Dunkelheit stieg in mir auf. Es war die gleiche Dunkelheit, zu denken, dass nach ihr nichts mehr kommt, obwohl ich heute ein anderer war als damals, als sie mich betrog. Es ist ein fieses Spiel, zu glauben, dass die Wirklichkeit gar nicht so wirklich ist und dass man sich ihrer keineswegs allzu heftig hingeben sollte, sondern dieser verdammten Wirklichkeit und allen Verabredungen darüber, was real, normal, gewünscht und von allen anerkannt ist, den eigenen Willen entgegenhalten, die eigenen Träume und Wünsche und den Fehler, die eigene Realität für noch wirklicher zu halten. Ich glaube, ich träumte schon davon, mich der Lebensrealität eines anderen Menschen hinzugeben, um zu verstehen, ob die besser passt, oder ob die Liebe so ist oder nicht, und ob hier eine Spannung ist, die ich aus unterschiedlichen Gründen als normal betrachte. Manchmal saßen wir dann einfach so da, aber die Stille konnte mir nichts, wenn alle ins Feuer guckten oder dahin, wo die Menschen nicht sind. Die Kuhglocken läuteten in der Ferne.

Wenn man auf so einem Berg mal die Schnauze hält, hört man die Stille. Man hört, wie laut sie eigentlich ist: die klaren Laute der Natur, kein Krach der Stadt, Hummeln, die von einer Blume zur nächsten fliegen. Wahnsinn, was auf so einer Kräuterwiese los ist. Wie auf einem Flughafen, nur ohne Busse.

Hin und wieder zogen Gewitter auf und man musste morgens mit dem Abstieg warten und konnte nichts tun, außer unglücklich sein, den Regen sehen und die Glocken in der Ferne hören. Die Welt sah dann aus als würde sie untergehen, während sie bei Sonnenschein ununtergehbar schien, und in beiden Fällen so, als könnte es nie anderes werden. Der Morgen schmeichelte den Gipfeln und stahl den Tag dann ungesehen davon. Ohne Hoffnung saß man da und Wolken umfingen den Wald, stürmisch und so plötzlich wie Gedanken; hüllten alles ein in weiß und tot und grau. Das Wetter am Berg schien so unergründlich wie bestimmte Stimmungen, die aufkamen und einen ängstigen konnten, weil man nicht wusste, warum und woher sie kamen, aber sie zogen vorbei und die Sonne kam durch und alles war vergessen.

Gegen Ende unserer Tage am Berg lernte ich im Café noch einen Autor kennen, von dem ich den Namen des Bauers klaute, weil meiner in Wirklichkeit Alfredo hieß und der aus seinem Buch Sesto. Der Bürgermeister war der Meinung, dass das eine gute Idee war, obwohl man sich nichts schlimmeres vorstellen konnte, da ich ja ganz offensichtlich in sein schriftstellerisches Hoheitsgebiet eingedrungen war. Aber er war ein entspannter Zeitgenosse, etwas älter, der ein Buch über einen noch entspannteren, älteren Zeitgenossen geschrieben hatte, der in einem Bergbach baden ging. Sommer wie Winter. Das wars. Ein Spiegel-Bestseller, aber trotzdem nicht schlecht. Mehr Handlung ist ja auch nicht nötig, wenn man schreiben kann. Einfach, Bergdorf, auf der Caféterrasse sitzen und Ciao sagen. Er war lange und weit um die Welt gereist und nachdem er damit fertig war, hierher zurückgekehrt, um mit seiner Frau glücklich zu leben. Er sagte, sein Geist hätte sich auf all seinen Reisen nie aus diesen Gassen entfernt. Er hätte alles immer von hier aus gesehen. Das war ein Zeichen und als er es verstanden hatte, wollte er nur noch hierher zurück.

Mittlerweile kannte ich ziemlich alle im Dorf und die Beziehungen begannen sich zu verstricken. Die Wege hoch und runter wurden immer kürzer, egal wie viel ich rauchte. Wir hatten eine sehr gesunde Gesichtsfarbe und die klare Luft der Berge, das Hoch- und Runterlaufen, das Brunnenwasser, das Leben in zwei Kilometern Höhe hatten mich stark gemacht. Vielleicht war das hier eine dieser Blue Zones, von denen die Leute reden, Zonen der Welt, in der die Menschen hundert Jahre alt werden. Meiner Meinung liegt das am Essen, den Temperaturen, dem wenigen Fremden, das die Leute in ihrer Gleichförmigkeit aufrüttelt und durcheinanderbrachte und am guten Wein. Aber es war Zeit zu gehen und alles zurückzulassen, was mir fehlen würde. Das Laufen morgens, der Berg und der klare Kopf, die Zeit, die so schön verging, wenn man von einer Welt wieder in die andere kommen wollte, um das, was es gab, wieder ernster zu nehmen, als das, was es nicht gab oder noch komplizierter gesagt, die ständige Beziehung zu dem, was man denkt und tut und denken und tun könnte, zu unterbrechen. Mir würden meine Holzhütte fehlen, die Schwalben morgens, der Gesichtsausdruck, den Dorfbewohner machen, wenn sie sowas sagen, wie dass sie noch kurz was zum Schwager bringen müssen. Die erhabenen Steine der alten Häuser, das helle Holz, die Schweizer Bergdörfer mit italienischem Lebensstil. Diese Entschuldigungen, alles menschenmögliche zu tun, ohne je etwas davon zu meinen, geschweigedenn irgend etwas zu versuchen, außer das Zusammenleben in absoluter Harmonie.

Konstantin Arnold, Jahrgang 1990, ist freier ­Autor und lebt in Lissabon. Er schreibt Reportagen für Tageszeitungen und Magazine, um sich freitags gute Oliven und portugiesischen Rotwein leisten zu können. 2020 veröffentlichte er seinen Debütroman »Libertin. Briefe aus Lissabon« (Proof-Verlag).

Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 27./28.5.2023 die Kurzgeschichte »Senhor Fernando«

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