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Aus: Ausgabe vom 09.12.2023, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Ladensterben

Dem Untergang so nahe

Kaufhäuser sind Tempel des Konsums. Ihr Schwinden, vom verschuldeten Milliardär René Benko verursacht, hinterlässt große Lücken
Von Gisela Sonnenburg
Am 31. Januar 2024 wird die Karstadt-Filiale am Leopoldplatz in Berlin-Wedding schließen
Lange wird hier nicht mehr dem Konsum gefrönt

Hertie hatte die schönsten Stoffe in der Nähabteilung. Und Karstadt bot mal eine veritable Buchauswahl. Im KaDeWe, dem Kaufhaus des Westens, soff man außer Champagner so skurrile Spezereien wie Ebereschenlikör. In die Galeries Lafayette lockte hingegen ein Honig mit Trüffelaroma. Und wer sich noch daran erinnert: Das Centrum Warenhaus wartete am Berliner Alexanderplatz mit metallen schimmernden Eisbechern aus Plaste auf, von ganz Verwegenen gern als Aschenbecher genutzt.

Soweit einige Erinnerungen an berühmte Kaufhäuser, diese Tempel des Luxus ebenso wie des Alltäglichen. In einem gut sortierten Kaufhaus findet man Rat und Tat für alles und nichts, vom Pickelpflaster bis zur Pelzstola. Was in einigen Jahren von dieser Pracht noch vorhanden sein wird, ist ungewiss. Hertie und Centrum gingen schon längst pleite. Karstadt und die Galeria Kaufhof verschmolzen; sie wurden vom selben Mogul des Geldes aufgekauft wie das KaDeWe – und stehen nun zitternd am Abgrund. Denn ihr Käufer, der österreichische Milliardär René Benko, 46, hat sich verrechnet.

Anfang vom Ende

Benko kaufte mit seinem international verflochtenen Konzern namens Signa Holding, der etliche Tochterfirmen hat, zunächst Immobilien im großen Stil auf. Dann aber auch eine Kaufhauskette nach der anderen. Jetzt platzte seine Wirtschaftswunderblase, und die Insolvenzverwalter geben sich bei Benko die Klinke in die Hand.

92 Galeria-Filialen, dazu Luxuskaufhäuser wie das KaDeWe in Berlin, das Alsterkaufhaus in Hamburg und der Oberpollinger in München, bangen um ihre Zukunft. Dabei schien es zuletzt bergauf zu gehen. Von einem »ziemlich starken Jahr« sprach noch Ende Oktober 2023 triumphierend Olivier van den Bossche, der Chefangestellte der Warenhauskette Galeria Karstadt-Kaufhof. Und: Über 90 Prozent der Filialen würden »profitabel« laufen, hatte van den Bossche schon im vergangenen Sommer verkündet. Ahnte er nichts? Seinen Posten hat van den Bossche erst seit kurzem: Just im März 2023 wurde sein Antritt bekannt gegeben.

Damals gab es so etwas wie einen Sanierungsplan. Von 129 Warenhäusern sollten möglichst viele gerettet werden. Die langfristige Schließung von 42 Häusern stand dennoch fest. Wie die vom Karstadt in der Müllerstraße im Berliner Bezirk Wedding. Es ist ein stolzes Haus, einst belebt und auch in diesen Tagen – seinen letzten, denn Ende Januar 2024 wird es für immer geschlossen – ist es oft noch proppenvoll. Der Räumungsverkauf lockt Menschenmengen an, das bevorstehende Weihnachtsfest tut ein übriges. Auch am ersten Advent war geöffnet – und die Schlange an den meisten Kassen lang. Ganz so, als sei ein Kaufhaus in Deutschland mit verkaufsoffenem Sonntag noch etwas ganz Normales. Und nicht etwas, das es schon in wenigen Monaten vielleicht nicht mehr geben wird.

Weil es hier Lebensmittel gibt, ist der Weddinger Karstadt aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht ein Warenhaus – und kein Kaufhaus. Aber wen kümmern schon solche Begrifflichkeiten. Nicht mal das für sein üppiges Fressalienangebot berühmte KaDeWe nannte sich jemals Warenhaus, sondern immer Kaufhaus. Das des Westens eben, schon seit 1907, als der Unternehmer Adolf Jandorf eine bis heute anhaltende Legende des Konsums schuf.

Es gab Zeiten, da glaubten die Berliner (und nicht nur sie), es gebe nichts, was es nicht auch im KaDeWe geben würde. Knöpfe, so winzig, dass man sie an die Miniaturkleidung von Puppen nähen konnte. Herrentaschen aus feinstem Lackleder. Abendkleider, die so bauschig, hauteng oder glamourös waren, dass man vermuten musste, sie seien direkt von einem Laufsteg aus Mailand oder Paris importiert. Es gab Engelchen aus Holz aus dem Erzgebirge. Porzellan von Rosenthal. Brote und Kuchen, Wurst und Käse aus Italien. Weine und Sekte aus Frankreich. Früchte aus aller Herren Länder. Lippenstifte aller Art, in allen Farben. Und Schuhe mit und ohne Absatz, Schnallen, Riemchen. Ach, und Haarnadeln, so fein, dass man frische Blüten damit unsichtbar feststecken konnte. Passendes Parfüm gab es wie im Paradies – schamlos wehten die duftenden Wölkchen der Probierzerstäuber durch das Erdgeschoss.

Heute ist das KaDeWe vor allem laut. Ohne Bedröhnung mit lauter Musik läuft dort fast nichts mehr, und der Schwerpunkt hat sich von »alles« auf »alles Teure« verschoben. Die Masse kommt und gafft, kauft eher nur Kleinigkeiten. Man sieht Zuhälter und Spekulanten ihre Austern schlürfen, Schauspieler und Stars ohne Beruf ihre neuen Roben aussuchen. Ein Punk sucht ein Geschenk für seine Mutter. Eine Touristengruppe findet Souvenirs. Eine Chefsekretärin investiert ein Monatsgehalt in überkandidelte Stiefel. Jeder tröstet sich auf seine Weise.

Eine lange Geschichte

Das Prinzip, alles an einem Ort kaufen zu können, ist nicht neu. Das erste deutsche Kaufhaus eröffnete schon im Mittelalter, nämlich 1317, in Mainz. Es war ein Verbund von Einzelhändlern, die sich gemeinsam präsentierten. Weit entfernt, in Tokio, London und Paris, zogen in der frühen Neuzeit große Kaufhäuser ein. Auch Kaufhausketten bildeten sich schon früh. Émile Zola verewigte 1883 das Fluidum vom Kaufhaus und auch von seinen Machern im Roman »Das Paradies der Damen«. Kaufrausch wurde erstmals ein Thema.

In Deutschland blüht das Genre der Kauf- oder Warenhäuser erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Man richtete auch Einkaufspassagen, die Vorläufer der Malls, in den Städten ein: als Antwort des Einzelhandels auf den Kaufhaus-Boom. Geschäfte, ob groß oder klein, erlebten ihre Aufs und Abs, wie es sie in einer gesunden Wirtschaft geben sollte, ohne zur Übermacht oder ins Aus zu führen.

Der Schriftsteller Walter Benjamin, ab 1933 in Paris im Exil lebend, erhob das Prinzip der Passagen, der Ansammlung von verschiedensten Angeboten, gar zum Sinnbild für das Leben überhaupt. Seine Geschichtsphilosophie, auf die »permanente Revolution« als Zielpunkt hoffend, sah sich im Nebeneinander des Verschiedenen bestätigt. Gern als ewiger Flaneur erkannt, bewegte sich darin ein Individuum, das noch an Zukunft glaubte.

Kaufhäuser veränderten das (Kauf-)Verhalten der Menschen. Denn darin herrscht zwar kein Kaufzwang, vielmehr wurde das Recht auf Umtausch vom französischen Kaufhausgründer Aristide Boucicaut (ihm gehörte das »Bon Marché«) eingeführt. Aber der Druck zu kaufen wird von der Vielzahl der Angebote, darunter Verlustgeschäfte als Lockmittel, erhöht. Erst das Internet und seine ebenso bequeme wie unverbindliche Art einzukaufen sprengten diese Macht der Warenhäuser.

Jetzt bröckelt ihre Macht weiter. Benko besitzt die Mehrheit der noch stehenden Kaufhäuser in Deutschland. Er begann ganz jung als einfacher Immobilienhändler und stieß erst viel später ins Kaufhausgeschäft vor. Um hier den Pleitegeier kreisen zu sehen. Denn tragfähige Konzepte setzte Benko nicht um. Der Tod der traditionsreichen Karstadt-Häuser in der Hamburger Mönckebergstraße und am Münchner Stachus geht auf sein Konto – Benko ließ sie schließen. Und das, obwohl zum Beispiel für Karstadt in Hamburg der Vermieter bereit war, während der Coronalockdowns auf die Pacht zu verzichten.

Vom Kaufhauskäufer zum Kaufhauskiller: Mehr als 11.000 Mitarbeiter und Millionen von Kunden bangen jetzt um die Existenz der Benko-Häuser. Wenn sich kein neuer Investor findet, wird man wohl alle schließen. Auch die Tage der illustren Galeries Lafayette in der Berliner Friedrichstraße sind gezählt: Der US-amerikanische Geschäftsmann Tishman Speyer kündigte das Mietverhältnis zum Jahresende 2024. Auffallend schnell meldete sich der Berliner Senat mit der Idee, dann dort die Landesbibliothek einzurichten. Als sei eine große Bibliothek in digitalen Zeiten keine Totgeburt. Kaufkraft für die umliegenden Läden wird sie nicht anlocken, nur für Fast food und studentische Kaffeeketten.

Den Verlust des kauffreudigen Publikums fürchtet man überall, wo Kaufhäuser schließen. So reißt René Benko eine ganze Einkaufskultur mit sich in den Abgrund. Ein einzelner Mensch machte nach und nach platt, wofür sich Generationen abgerackert hatten – und jetzt hängen die Reste am seidenen Faden. Es zerreißt einem das Herz, wenn man die abgeräumten, leere Regale eines sterbenden Kaufhauses sieht. Es ist, als wollten sie sagen: »Hier waren Menschen mal glücklich, aber das ist unwiderruflich vorbei.«

Schuld daran ist die ungerechte Verteilung der Güter. Das Vermögen von Benko wurde 2021 vom US-Wirtschaftsmagazin Forbes auf 5,6 Milliarden US-Dollar geschätzt. Wie genau er dieses gemacht und dann durchgebracht hat, ist unklar. Spekulationen sind selten transparent. Aber sogar der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz vermeldet jetzt, Benko habe Schulden in Millionenhöhe bei ihm.

Forbes schätzt Benkos rapide schrumpfendes Vermögen mittlerweile auf nur noch die Hälfte. Seine hochwertige Kunstsammlung sowie eine Luxusyacht bot Benko schon Ende November eilig zum Kauf an, um rasch zu Geld zu kommen. Eine Ehrung auf Stadtplänen wird man ihm wohl nicht zugestehen. Aber der jüdische Kaufhausbesitzer Heinrich Grünfeld und seine Familie wurden kürzlich so geehrt: Der frühere Joachimsthaler Platz am Ku’Damm in Berlin wurde etwas despektierlich in »Grünfeld-Ecke« umbenannt. Gegenüber steht ein Textilkaufhaus, ein klassischer Konkurrent vom Warenhaus.

Anfassen, riechen, anprobieren

Ein Werk von Picasso, wie es Benko besaß, kann man auch im Kulturkaufhaus höchstens als Reproduktion kaufen. Aber dafür bieten Warenhäuser das Gefühl, sich frei im Raum der Möglichkeiten zu bewegen und zu kaufen, was gefällt – und nicht nur das, was gerade billig ist oder gebraucht wird. Der Überfluss und die Vielfalt, ursprünglich vom Konzept beabsichtigt, verleihen den Konsumenten das Gefühl, über den Dingen zu stehen. Es wird zu einem Traum, alles zur eigenen Verfügung zu haben. Sofern das nötige Kleingeld vorhanden ist, kann man sich im Kaufhaus tatsächlich einige Wünsche erfüllen – und sei es der, mit einer dort gebuchten Reise zu entfliehen.

Geschmack und Kaufhaus schließen sich tatsächlich nicht aus. Und der Preisleistungsvergleich, den man im Kaufhaus anstellen kann, ohne kilometerweit durch eine Mall oder ein Geschäftsviertel zu laufen, ist einmalig. Das ist der unerreichte Vorteil vom Warenhaus: Verschiedene Hersteller bieten ihre Produkte aus allen Sparten feil, und der Verbraucher kann abwägen und wählen, rasch die Abteilung wechseln – und dann eben doch erst mal nur den Mantel und noch kein Paar neue Schuhe kaufen. Er wird wiederkommen, dafür sorgt schon die gezielte Erweckung weiterer Wünsche. Und anders als im Onlineversand kann man die Ware anfassen, riechen, anprobieren. Viele Kunden schätzen auch eine fachkundige Beratung, die das vorhandene Sortiment genau kennt.

Der Wechsel in völlig andere Bereiche der Konsumwelt fällt im Warenhaus nicht schwer, er ist hier so leicht wie nirgendwo sonst in der analogen Realität. Man geht ein paar Meter, nimmt die Rolltreppe oder den erstbesten Lift und schwupp – ist man in einer anderen Welt. An diese Möglichkeiten kommen andere Shoppingarten nicht heran.

Allerdings haben viele Kaufhäuser in den vergangenen Jahrzehnten Zugeständnisse machen müssen: an die oft günstigeren und noch vielfältigeren Fachkaufhäuser. Ganze Abteilungen flogen darum raus. Andere Häuser hatten von vornherein Schwerpunkte. Wie die Galeries Lafayette, bei denen Mode das Hauptthema ist. Ihr Verschwinden aus der Einkaufslandschaft wird eine grobe Lücke reißen, auch wenn darum kein textiler Notstand ausbricht. Ganze Erlebniswelten zu inszenieren, um den Verkauf anzuregen, wurde in den vergangenen Jahren allerdings schon eingestellt. Ein Kaufhaus ist eben kein Museum.

»Ich habe nichts zu sagen, nur zu zeigen«, so überspitzte Walter Benjamin in seinem »Passagen-Werk« die Philosophie des Verkaufs. René Benko hat nun langfristig nicht mal mehr dieses Minimum. Der Kapitalismus, der sich mit der Erfindung von Kaufhäusern große Vorsprünge zum Einzelhandel sicherte, vernichtet seine hehren Tempel, um sie selbst dem Gott des Geldes zu opfern. Ob es im Deutschland der Zukunft überhaupt noch gemischte Warenhäuser geben wird, ist wirklich ungewiss. Es triumphieren einzelne Marken und Lobbys, und deren neue Spielregeln lauten: Textilkaufhaus gegen Kulturkaufhaus gegen Elektrohaus – und umgekehrt.

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