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Aus: Ausgabe vom 09.12.2023, Seite 7 / Ausland
Gazakrieg

Zerstört und unbewohnbar

Gaza: Israels Angriffe konzentrieren sich auf den Süden, Pläne für Tunnelflutungen und willkürliche Festnahmen von männlichen Palästinensern
Von Gerrit Hoekman
Gedemütigt: Israelische Verhaftungskampagne am Donnerstag in Beit Lahia im Norden des Gazastreifens
Wer versuchte, der willkürlichen Verhaftung zu entgehen, soll laut Augenzeugen beschossen worden sein (Beit Lahia, 8.12.2023)
Die Israelis versuchen Gazas Tunneln um jeden Preis Herr zu werden (Gaza-Stadt, 22.11.2023)

Seit zwei Monaten sieht der Westen tatenlos zu, wie 2,2 Millionen Menschen im Gazastreifen langsam massakriert werden. Mindestens 17.000 Palästinenser sind bis jetzt im israelischen Dauerbombardement getötet, über 46.000 verletzt worden. Weit über die Hälfte der Opfer sind Kinder. Internationale Konventionen zum Schutz der Zivilbevölkerung gelten für Israel anscheinend nicht mehr. Krankenhäuser, Schulen, Infrastruktur – alles ist zum Ziel geworden. So auch das zentrale Archiv in Gaza-Stadt. Die im gleichnamigen Ort in der besetzten West Bank sitzende Bir-Zait-Universität schrieb am Mittwoch auf X, dass »Tausende von historischen Dokumenten vernichtet« worden seien, »um die Stadt (Gaza-Stadt) und ihre Geschichte auszulöschen«. Betont wurde, »dass das Archiv Dokumente enthält, die mehr als hundert Jahre alt sind«.

Khan Junis, die Stadt im Süden des Gazastreifens, in die unlängst rund eine Million Zivilisten aus anderen Teilen der eingezäunten Enklave auf Anordnung Israels fliehen mussten, ist derweil nach israelischen Armeeangaben eingekesselt worden. Seit sich die Kämpfe auch dorthin konzentrieren, sitzen die Flüchtlinge zusammengepfercht entweder im Westen am Mittelmeer oder ganz im Süden nahe der ägyptischen Grenze in der Falle. Ägypten hat bereits mitgeteilt, dass es keine Flüchtlinge aufnehmen wird. Kairo fürchtet wohl nicht zu Unrecht, dass sie nie wieder in den Gazastreifen zurückkehren dürften. In den sogenannten sicheren Zonen für Zivilisten ist die humanitäre Lage desaströs. »Kein Wasser. Keine sanitären Einrichtungen. Keine Nahrung. Nur Bomben«, beschrieb der Mitarbeiter des Kinderhilfswerks UNICEF James Elder am Mittwoch auf X die humanitäre Lage. Zuvor hatte er am Montag gegenüber Al-Dschasira erklärt: »Das Ganze ist unmoralisch. Illegal. Es ist ein Blutbad.« Selbst auf Angestellte der Vereinten Nationen nimmt die israelische Armee keine Rücksicht. Über 100 sind laut Elder bis jetzt umgekommen – es sei die größte Anzahl in einem Krieg in der Geschichte der UNO.

Und weitere Zerstörung droht: Am Montag hatte das Wall Street Journal berichtet, die israelische Armeeführung überlege, das Tunnelsystem unter dem Gazastreifen mit Meerwasser zu fluten, um die Kämpfer der Hamas zu zwingen, herauszukommen – oder sie zu ertränken. Bereits Mitte November habe die Armee in der Nähe des Flüchtlingslagers Al-Schati mehrere Pumpen aufgestellt. Mit ihnen könnte das gesamte Tunnelsystem innerhalb von einigen Wochen geflutet werden. Der jordanische Militärexperte Mohammed Al-Mukabla war am Dienstag in einem Interview mit Quds Press jedoch der Meinung, die Drohung sei psychologische Kriegführung. »Seit zwei Monaten ist es der israelischen Besatzung nicht gelungen, die Haupteingänge des Tunnels zu entdecken (…). Der Schritt, die Tunnel mit Wasser zu fluten, ist unrealistisch.«

Der Plan birgt auch die Gefahr, dass die in der Hand der Hamas verbliebenen 138 Geiseln ebenfalls in den Tunneln ertrinken könnten. Jedenfalls hätte die Flutung mit Meerwasser erhebliche Umweltschäden zur Folge. Besonders die Versalzung des Grundwassers sei schwer zu beheben, warnte die palästinensische Wasserbehörde am Mittwoch. Eine landwirtschaftliche Nutzung des Bodens sei anschließend für eine sehr lange Zeit unmöglich. Am selben Tag machte ein Handyvideo auf X die Runde, das in einem der unterirdischen Gänge aufgenommen worden sein soll. Es zeigt, wie plötzlich eine große Menge Wasser in die enge Röhre strömt. Dass es eine Flutung durch die israelische Armee zeigt, konnte bislang allerdings nicht verifiziert werden.

Am Donnerstag folgten Bilder, die unter anderem mehrere Dutzend palästinensische Männer zeigen, die – nur mit Unterhosen bekleidet, mit hinter den Rücken gefesselten Händen und verbundenen Augen – am Rande einer Sandkuhle vor israelischen Soldaten knien. Laut offiziellen israelischen Stellen soll es sich um Hamas-Kämpfer handeln, die sich ergeben hätten. Die in Genf sitzende Menschenrechtsorganisation »Euro-Mediterranean Human Rights Monitor« prangerte willkürliche Verhaftungskampagnen gegen Vertriebene – darunter Ärzte, Akademiker, Journalisten und ältere Männer – an, die von Israel in Schulen des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) durchgeführt worden seien. Soldaten hätten auf alle Personen geschossen, die versuchten, den Ort zu verlassen, auch wenn sie weiße Fahnen hissten.

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