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Aus: Ausgabe vom 07.12.2023, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Eleganter Kitsch

Das Hamburg-Ballett tanzt die Liebesgeschichte »Jane Eyre« von Cathy Marston
Von Gisela Sonnenburg
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Kurz vor dem Absturz: Jane fliegt auf den Chef

Für ein gelungenes Handlungsballett braucht man mehr als Handlung. Man braucht auch ein soziales Konzept. Sonst bleibt es platt. Diese Binsenweisheit hat sich allerdings im Tanz noch nicht ganz herumgesprochen. Den rührigen Roman »Jane Eyre«, den die britische Pfarrerstochter Charlotte Brontë 1847 unter einem Pseudonym veröffentlichte und in dem eine märchenhafte Handlung aus der Armut führt, gibt es jedenfalls nicht nur als Film von 2011, sondern auch als Tanzstück. Die Choreographin Cathy Marston, gebürtige Engländerin und seit kurzem Ballettdirektorin in Zürich, schuf 2016 im englischen Leeds in nur sieben Wochen ihr Ballett »Jane Eyre«: zu romantischen Musiken von Franz Schubert und Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy, von Mendelssohn selbst sowie vom heutigen Zeitgenossen Philip Feeney, der für die schrägen, unbequemen Klänge zuständig ist. Das Hamburg-Ballett zeigt das auf Anregung von David Nixon, damals Ballettchef in Leeds, entstandene Stück mit gewohnter Brillanz: vom Corps de Ballet bis zur Titelheldin.

Wer nun Innigkeit und Romanze, Herzschmerz und großes Drama erwartet, darf sich freuen. Wer aber mehr als gefühligen Kitsch verlangt, steht fast den ganzen Abend gelangweilt in der Ecke. Denn einen gesellschaftlichen Hintergrund vermag Marston – anders als Brontë – nicht fasslich zu machen. Ihr Stück stellt allein auf den kunsthandwerklich orientierten Geschmack der neuen Oberschicht ab, kritische Fragen oder gar utopische Entwürfe sind da unerwünscht. Nicht mal spirituelle Höhen werden erreicht.

Die Bühne ist düster, und der Blick, den die Titelfigur ins Publikum wirft, ist zunächst frustriert. Ana Torrequebrada tanzt die Partie der verstoßenen, bitter armen jungen Jane, die trotz reicher Verwandtschaft im Waisenhaus landet, mit überragender Grazie, präzise und mit innerer Haltung. Herangewachsen findet Jane, nach dem schmerzhaften Verlust der besten Freundin, eine Anstellung als Gouvernante – und wird als Erwachsene von Ida Praetorius mit Eleganz und formvollendeter Haltung getanzt.

Zwischen stilisierten Grabsteinen tobt die junge Jane ihren Kummer aus. Sie wälzt sich am Boden, rast hin und her. Im Hintergrund verkaufen die Verwandten sie ans Waisenhaus. Nach dem Tod der besten Freundin gelingt ihr dort der Aufstieg zur Lehrerin – und als angestellte Erzieherin eines Mündels verliebt sie sich in ihren Chef.

Wie es in solchen Cinderella-Geschichten kurz vorm Absturz ins Triviale üblich ist, darf das arme Mädchen am Ende den reichen Mann heiraten. Jane wird zudem durch eine wundersame Erbschaft selbst noch reich – und kann dem begehrten Mann auf sozialer Augenhöhe begegnen. Ihr letzter Blick ins Publikum ist selbstbewusst und gelassen – das bürgerliche Familienglück triumphiert.

Einprägsame Gesten wie das Auflegen der Hand auf die Brust, um Liebe und Heirat zu beschwören, und das harsche Vorstrecken eines Beines, um zu kommandieren, vermitteln unmissverständlich den Inhalt. Ironische Distanz oder Humor fehlen ganz. Der Tanzstil changiert irgendwo zwischen dem modernen Klassiker John Cranko und gymnastischem Contemporary Dance. Ziemlich konventionell gebaute Pas de deux, in denen alle Aktivität vom Mann ausgeht, illustrieren die Liebesgeschichte. Die wird klanglich von wimmernden Streichern unterlegt. Berührend sind jene Momente, in denen die Personen allein ihr Schicksal meistern: Die Soli der beiden Janes, aber auch von Rochester, dem reichen Mann mit einem traurigen Geheimnis, überzeugen vollends.

Feministisch ist all das nicht, auch wenn Cathy Marston dem Zeitgeist zuliebe dieses Etikett auf ihr Tanzmärchen klebt. Dass Rochester, betont maskulin und wunderschön mysteriös von Karen Azatyan (Asatjan) getanzt, bei einem Brand erst blind wird und dann durch die Liebe seiner Jane wieder sehen lernt, gehört zur literarischen Vorlage. Schließlich gewinnt das Dramatische, um dem Cinderella-Plot spannende Situationen abzugewinnen. Wenigstens das funktioniert noch in diesem Land: Beim Hamburg-Ballett wird hervorragend getanzt.

Nächste Aufführungen: 8., 9. Dezember

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