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Aus: Ausgabe vom 05.12.2023, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Globale Erwärmung

Das wärmste Jahr

Klimawandel und El Niño: 2023 laut Weltorganisation für Meteorologie mit den höchsten Durchschnittstemperaturen
Von Wolfgang Pomrehn
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Überschwemmungen infolge von El Niño – überflutete Straße in Kenias Hauptstadt Nairobi (25.11.2023)

Während hierzulande die ersten schon wieder unken, mit der globalen Erwärmung könne es nicht so weit sein, wenn es in Deutschland mal friert und schneit, kommen aus Genf, aus der Zentrale der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) ganz andere Töne. Bei der Dachorganisation der nationalen Wetterdienste ist man es gewohnt, den ganzen Planeten in den Blick zu nehmen. 2023 wird mit großer Sicherheit das bisher wärmste Jahr in der Geschichte der Klimaaufzeichnungen sein, heißt es in der jüngsten WMO-Bilanz. Die Organisation legt regelmäßig warnende Berichte zu den jährlichen UN-Klimaverhandlungen vor, aber die Aussage ist dennoch ungewöhnlich. Noch nicht einmal die Daten für November sind in den Bericht eingeflossen, und das ist überaus bemerkenswert. Denn bisher waren die Unterschiede von Jahr zu Jahr so gering, dass kaum vor Mitte Dezember gesagt werden konnte, ob das ausgehende Jahr einen neuen Rekord aufstellt.

Doch in diesem Jahr ist alles anders. Alles deutet darauf hin, dass 2023 nicht nur wärmer als der bisherige Rekordhalter ist, sondern dass der Abstand auch größer als je zuvor ausfällt. Bereits seit Juni liegt die globale Mitteltemperatur – gemeint ist immer die Lufttemperatur in zwei Metern Höhe über dem Boden – jeden einzelnen Tag über dem vorherigen Tagesrekord oder ist gleich auf mit diesem. Auch das ist bisher kaum vorgekommen. Natürliche Schwankungen sorgen für gewöhnlich auch in besonders warmen Jahren dafür, dass die Temperatur mal über, mal unter den bisherigen täglichen Höchstwerten liegt.

Es sieht also fast danach aus, als habe die globale Erwärmung in diesem Jahr einen regelrechten Satz gemacht. Mehr noch: Das nächste Jahr könnte ähnlich warm oder noch wärmer ausfallen. Derzeit ist im und über dem tropischen Pazifik mal wieder ein El-Niño-Ereignis zu beobachten. Dieses alle paar Jahre auftretende Phänomen geht mit der Abschwächung der Meeresströmungen vor der tropischen Westküste Südamerikas und mit einer großräumigen Verlagerung von Hoch- und Tiefdruck- und damit auch von Niederschlagsgebieten einher. El-Niño-Jahre sind im globalen Maßstab meistens besonders warm, und zwar das zweite noch mehr als das erste, wie es zum Beispiel 1998 und 2016 besonders ausgeprägt war. Bei der WMO erwartet man daher, dass 2024 ähnlich warm wie 2023 werden könnte.

Derweil beschleunigt sich mit der Erwärmung das Abschmelzen der Gletscher und der arktischen Eisschilde und damit der Anstieg des Meeresspiegels. Zwischen Januar 1993 und Dezember 2002 betrug er durchschnittlich 2,14 Millimeter pro Jahr, ein Jahrzehnt später dann 3,32 und in den letzten zehn Jahren bereits 4,72 Millimeter pro Jahr. Das ist also, wie man sieht, ein exponentieller Vorgang. Setzt er sich fort, wird sich das Tempo des Anstiegs bis zu den 2090er Jahren noch viermal verdoppeln. Die Meere würden bis 2092 durchschnittlich um eineinhalb Meter steigen und von 2093 bis 2102 noch einmal um 75 Zentimeter. Rund um den Globus müssten mehrere 100 Millionen Menschen umgesiedelt werden, weil die Küstenstädte nicht mehr zu schützen wären.

Doch das ist nur eine der vielen Gefahren, die die Klimakrise mit sich bringt, und WMO-Generalsekretär Petteri Taalas ist daher tief besorgt: Das Rennen um den Schutz des Eises und die Eindämmung des Anstiegs der Meere drohe verloren zu gehen. Taalas: »Wir können nicht zum Klima des 20. Jahrhunderts zurückkehren, aber wir müssen jetzt handeln, um das Risiko eines zunehmend unwirtlichen Klimas für dieses und die nächsten Jahrhunderte einzugrenzen.«

Andere Gefahren sind schon jetzt deutlich zu spüren, so wie etwa die extremen Wetterereignisse, die an Häufigkeit und Intensität zunehmen. Hitzewellen werden intensiver, Dürren halten länger an, extreme Niederschläge vernichten die Früchte auf den Feldern. So wie derzeit am Horn von Afrika, das seit Oktober von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht wird. Nachdem Niederschlag dort über mehrere Jahre hinweg nur äußerst spärlich gefallen war und die Ernten durch die Dürre dezimiert worden waren, sorgen nun Wolkenbrüche für schwere Überschwemmungen und entsprechende Verwüstungen. In Somalia mussten seit Oktober bereits über eine Million Menschen ihre Häuser verlassen. Etwa jeder 17. Einwohner des Landes ist betroffen. 101 Personen seien getötet worden, berichtet die Plattform Africanews. Im benachbarten Kenia verloren 120 Menschen aufgrund von Überschwemmungen ihr Leben, in Äthiopien sind 57 Opfer zu beklagen. Rund 630.000 verloren ihr Obdach.

Ein Ende dieser katastrophalen Regenfälle ist nicht in Sicht. Verursacht werden sie vom gegenwärtigen El Niño. Dessen Auswirkungen sind überall in den Tropen und zum Teil auch darüber hinaus zu spüren und bedeuten unter anderem für das Horn von Afrika regelmäßig verstärkte Niederschläge. Von Oktober 1997 bis Januar 1998 sorgte der bis dahin stärkste beobachtete El Niño am Horn von Afrika für verheerende Überschwemmungen, die in den fünf Ländern der Region mehr als 6.000 Menschen das Leben kosteten. Ob der aktuelle El Niño ähnlich stark oder gar noch stärker ausfällt, und wie weit dies gegebenenfalls auf den Klimawandel zurückzuführen ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

Letzteres können Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ermitteln, in dem sie aus Klimamodellen die von Menschen verursachten zusätzlichen Treibhausgase entfernen und in sehr vielen Simulationsdurchgängen ermitteln, wie häufig ein bestimmtes Wettereignis auftritt, für das es Messdaten gibt. Je seltener dies der Fall ist, desto wahrscheinlicher gelten die Treibhausgase als Ursache. Attributions- oder Zuordnungsforschung wird das genannt und im Rahmen internationaler Kooperationen inzwischen regelmäßig und zeitnah auf besonders katastrophale Ereignisse angewandt.

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