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30.11.2023, 09:47:13 / Ausland
Henry Kissinger

Schwindler und Schurke

Unzählige Tote gehen auf seine Rechnung. Am Mittwoch starb der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger (Nachdruck: Beitrag vom 27. Mai 2023)
Von Kai Köhler
Das Gesicht des US-Imperialismus in der Epoche des Kalten Kriege
Das Gesicht des US-Imperialismus in der Epoche des Kalten Krieges. Henry Kissinger mit dem damaliger US-Präsidenten George W. Bush in New York (14.03.2008)

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger ist tot. Der Deutschamerikaner starb am Mittwoch im Alter von 100 Jahren in seinem Zuhause im Bundesstaat Connecticut, wie eine Sprecherin der Kommunikationsagentur Edelman, die dessen Beratungsfirma Kissinger Associates vertritt, der Deutschen Presse-Agentur am späten Abend (Ortszeit) bestätigte. (dpa)


Dieser Geburtstagsgruß ist das Ergebnis eines Irrtums. Der Plan war, Henry Kissinger als Schurken zu retten. Zweifellos ein Massenmörder, Hunderttausende von Toten in Vietnam, Laos und Kambodscha gehen auf seine Rechnung; ein Freund von Diktatoren, wenn sie nur wirtschaftliberal und faschistisch sind, wie Chiles Augusto Pinochet, mit dem Kissinger sich prächtig abzustimmen verstand.

Aber als Verbrecher doch eben noch zurechnungsfähig. Wenn Mafiabanden um die Kontrolle einer Stadt kämpfen, wird es Verluste geben, aber die Stadt bleibt stehen – allein darum, weil man sie braucht, um dort mit Drogen zu handeln oder Glücksspiel und Prostitution zu betreiben. Wenn eine »Wertekriegerin« à la Annalena Baerbock durch eine Weltgegend getobt ist, gibt es dort vielleicht keine Mafia mehr, aber womöglich auch nicht mehr die Gegend. Außenpolitik aber sollte nicht Wertegemeinschaften gegen Schurken- oder Terrorstaaten stellen, sondern einen Ausgleich von Sicherheitsinteressen suchen, um das Schlimmste zu verhindern. Im Inneren haben Staaten einen unterschiedlichen Grad an Sittlichkeit (der sicher nicht dem entspricht, den die Westpropaganda behauptet). In ihrem gegenseitigen Verhältnis sollten sie sich als Gleiche begegnen.

Das meint keine gleiche Gebundenheit ans Völkerrecht. Das Völkerrecht ist im Internationalen, was das bürgerliche Recht im Inneren ist: Dem Armen wie dem Reichen ist verboten, unter Brücken zu schlafen. Natürlich müssen Staaten, wo ihr Überleben bedroht ist, mit dem Recht flexibel umgehen; der russische Rückgewinn der Krim ist ein Beispiel dafür. Der Unterschied zwischen realistischer und moralisierender Außenpolitik besteht auch darin, die Grenze zu kennen, jenseits derer die schwächere Seite zum Präventivschlag gezwungen wird.

Natürlich gibt es naheliegende Einwände gegen diese Unterscheidung. Der eine ist, dass der Imperialismus ein System ist, in dem der Zwang zur stets erweiterten kapitalistischen Reproduktion notwendig zum Konflikt führt, Ausgleich also eine Illusion ist. Der zweite, beruhigendere Einwand verweist darauf, dass all das westliche Gerede von moralischen Werten selbst nur Waffe im Kampf sei. Es mag Wesen von minderer Intelligenz geben, die an die eigene Propaganda glauben – am Ende werden doch pragmatisch Interessen verfolgt.

Peter Hacks warnte zeitig vor dem eingangs genannten Irrtum. Im Begleitessay zu seinem Drama »Jona« bezeichnete er Außenpolitik als das »Geistlose«. Staaten seien im Inneren »mehr oder weniger menschenähnlich«. In ihrem Gegeneinander aber verhielten sie sich »noch immer wie die Höhlenleute, ich will sagen, wie die unerzogenen unter denen.« Entsprechend schreibt er über Diplomaten, dass sie »verschweigen, was sie selbst nicht wissen, und versuchen, ihren Gegnern Geheimnisse zu entlocken, die sie selbst nicht haben. Hierin erschöpft sich ihre ganze Kunst. Es ist nicht etwa List, wenn sie alle irgendwie an Henry Kissinger erinnern. Sie sind wirklich Idioten«.

Aufstieg

Heinz Alfred Kissinger wurde 1923 in Fürth in eine gutbürgerliche jüdische Familie geboren. Spätestens nach der Machtübergabe an Hitler bedeutete dies, Ausgrenzung zu erfahren. Kissinger kann man immerhin zugutehalten, dass er seine Politik kaum je sentimental mit subjektiver Betroffenheit zu rechtfertigen versuchte. Er ist Rationalist, oder zumindest gibt er sich so. Das erleichtert die Auseinandersetzung.

Gelernt haben dürfte er 1933, dass es darauf ankommt, wer wen zwingen kann. Seine Familie erkannte rechtzeitig die Gefahr und emigrierte 1938 in die USA. 20jährig wurde er US-Soldat, fiel im Ausbildungslager dem Politologen Fritz G. A. Kraemer auf, der den Rekruten an die Counter Intelligence vermittelte. Statt Schützengraben nachrichtendienstliche Tätigkeit – Krieg und unmittelbarer Nachkrieg im besetzten Deutschland brachten Kissinger wertvolle praktische Erfahrungen.

1947 begann Kissinger ein politikwissenschaftliches Studium an der Harvard Universität. Sein Betreuer, William Yandell Elliott, war ein einflussreicher Netzwerker des Kalten Kriegs. Seine Schüler sollten keine unparteiliche Forschung betreiben, sondern Wissenschaft, Politikberatung und politische Praxis zusammenbringen – zu dem Zweck, den Kommunismus zu besiegen. Henry Kissinger, wie er sich nun nannte, erfüllte diese Anforderungen auf ideale Weise. Er arbeitete zum einen historisch, wie in seiner Dissertation zur Politik Castlereaghs und Metternichs im Umfeld des Wiener Kongresses 1815, auf die noch einzugehen ist. Zum anderen lieferte Kissinger aktuelle strategische Überlegungen, so in »Nuclear Weapons and Foreign Policy« (1957). Das letztere, breit rezipierte Werk hat zum Thema, wie trotz einer drohenden gegenseitigen Vernichtung die damals noch bestehende westliche Überlegenheit bei Atomwaffen politisch nutzbar gemacht werden konnte. Es bereitete die Strategie der »Flexible Response« vor, die auf dem Gedanken beruht, dass ein begrenzter Einsatz von nuklearen Sprengkörpern ein kalkulierbares Risiko bedeute.

Der Nachwuchswissenschaftler engagierte sich erfolgreich in universitären wie außeruniversitären Programmen, wobei er keine Scheu hatte, kollektiv Erarbeitetes unter eigenem Namen zu publizieren. Insbesondere trat er als Berater des gemäßigten republikanischen Politikers Nelson Rockefeller auf, vernachlässigte aber auch nicht die Kontakte zur demokratischen Partei. So war es für die Öffentlichkeit eine Überraschung, dass Kissinger 1968 ausgerechnet nach dem Wahlsieg des republikanischen Hardliners Richard Nixon zum Sicherheitsberater ernannt wurde.

Heute weiß man, dass die Sache so rätselhaft nicht ist. Kissinger war als Politikberater in Verhandlungen zum Vietnamkrieg einbezogen und versorgte sowohl Nixon wie seinen demokratischen Gegenkandidaten Hubert Humphrey mit Informationen. Offensichtlich ging es dem Politikwissenschaftler darum, nicht nur Hinweise für die Praxis zu liefern, sondern selbst zum Praktiker zu werden. In enger Zusammenarbeit mit Nixon, der die Außenpolitik vom Weißen Haus her bestimmen wollte, schaltete Kissinger als sein Sicherheitsberater das Außenministerium nach und nach aus. Als er 1973 selbst dieses Ministerium übernahm, blieb er zunächst Sicherheitsberater und bestimmte mehr denn je die Außenpolitik der USA, zumal Nixon bald angesichts der Watergate-Affäre innenpolitisch mit seinem Überleben beschäftigt war. Nach Nixons Rücktritt, unter Gerald Ford, blieb Kissinger Außenminister. Mit Fords Wahlniederlage 1977 endete auch Kissingers Verwendung in Regierungsämtern.

Die zweite Lebenshälfte

Kissinger kehrte nicht an die Universität zurück; seine liberalen Harvard-Kollegen hatte er ebenso verachten gelernt wie umgekehrt diese ihn als Mann Nixons ablehnten. Als gefragter Ratgeber und Vortragsredner konnte er weiterhin den Anschein von Macht aufrechterhalten und blieb dadurch tatsächlich einflussreich. Das nutzte insbesondere seinem 1983 gegründeten Unternehmen Kissinger Associates, das Konzerne bei Auslandsinvestitionen unterstützt; die Liste der Kunden wird nicht veröffentlicht. Manche von Kissingers politischen Stellungnahmen können durch seine ökonomischen Interessen erklärt werden. Zum Beispiel zeigte er Verständnis dafür, dass die chinesische Regierung 1989 die Revolte auf dem Tiananmen-Platz niederschlug. Keine Regierung der Welt hätte derartige Vorgänge in ihrer Hauptstadt geduldet. Das mag so sein, doch wo es nicht zu seinem Interesse passte, zeigte sich Kissinger weitaus weniger einsichtig. Offensichtlich ging es ihm darum, China-Kontakte zu bewahren, um sie in den USA zu Geld zu machen.

Zugleich ist Kissinger ein äußerst produktiver Autor. Die Zahl der zumeist sehr umfangreichen Bücher, in denen er die Weltlage erklärt, erreicht mittlerweile fast das Dutzend. Allein die Memoiren zu den Jahren 1969 bis 1973, die 1979 erschienen, umfassen fast 1.900 Seiten. Es ging ihm darum, frühzeitig seine Sicht der Ereignisse festzuschreiben. Bereits damals wusste er allerdings, dass Nixon die Gespräche im Weißen Haus heimlich hatte aufnehmen lassen und dass nicht nur die Schimpftiraden und Gewaltphantasien des Präsidenten, sondern auch Kissingers devote Zustimmung sogar zu antisemitischen Äußerungen früher oder später veröffentlicht werden würde. Seine Strategie war, und ist bis heute, nicht das Offensichtliche zu rechtfertigen, sondern durch die pure Masse an eigenen Statements die gewünschte Version durchzusetzen.

Damit war Kissinger teilweise erfolgreich. Es gelang ihm zwar nicht, wieder in ein Regierungsamt berufen zu werden. Zu viele Leute hatten erfahren müssen, dass er Konkurrenten rücksichtslos überspielte, Untergebene mobbte, beim geringsten Anschein einer möglichen Zurücksetzung in maßlose Wut geriet, dabei – trotz aller Schmeichelei – auch den Präsidenten nur nutzte, um die eigene Agenda umzusetzen und in der Öffentlichkeit die Erfolge für sich zu verbuchen. Ein gewisses Maß an Egozentrik ist für eine Karriere im Kapitalismus unabdingbar, allzu offensichtlicher Egoismus schadet jedoch manchmal.

Kissinger düpierte als Sicherheitsberater und Außenminister derart viele Leute, dass fast ohne Dokumente, hauptsächlich auf der Basis von Gesprächen, Seymour Hersh bereits 1983 in »The Price of Power« Kissingers Eigendarstellung demontieren und ihn als skrupellosen Intriganten und Kriegsverbrecher entlarven konnte.

Damals war Hersh noch nicht mit dem vernichtenden Beiwort »umstritten« versehen, das heute jede Wortmeldung abseits des imperialistischen Mainstreams ins nicht Beachtenswerte verschiebt und Hershs Nachweis, dass die USA Nord Stream zerstört haben, neutralisieren soll. Nach jedem konservativen Maßstab bürgerlicher Wohlanständigkeit hätte Kissinger 1983 erledigt sein müssen. Das Gegenteil trat ein. Nun erst recht genoss er den Ruf eines skrupellosen Manipulators; eines Realpolitikers, der auch vor dem Bösen nicht zurückscheut. Kaum die Macht selbst, aber das Bild der Macht hat für viele Leute etwas schillernd Anziehendes. Schaut her, da ist einer, der weiß, wie es wirklich geht. Zeit für einen Blick auf Kissingers hauptsächliche Verbrechen und hauptsächliche Erfolge.

Verbrechen und Erfolge

Im Jahr 2001 fasste Christopher Hitchens in »The Trial of Henry Kissinger« zumeist vorher bekannte Vorwürfe zusammen. Der »Prozess«, den der Titel ankündigt, ist von der linksliberalen Illusion geprägt, in naher Zukunft werde eine menschenrechtsorientierte Gerichtsbarkeit für eine bessere Welt sorgen, und jemand wie Kissinger werde sich dann verantworten müssen. Natürlich tritt dies unter den Bedingungen des Imperialismus nicht ein. Wo keine Menschheit agiert, sondern Staaten mit ihren Interessen, landen nicht die größten Verbrecher vor dem Richter, sondern die Verlierer in einem Konflikt. Hitchens’ Voraussetzung ist also falsch, seine Zusammenfassung indessen brauchbar.

Wichtigster Punkt ist die Ausweitung des Kriegs gegen Vietnam auf Laos und Kambodscha. Dabei war – soweit herrscht Einigkeit – schon mit Amtsantritt der Regierung Nixon klar, dass die USA in Vietnam militärisch gescheitert waren. Kissinger rechtfertigte weitere massive Bombardierungen damit, dass Zeit für eine »Vietnamisierung« des Konflikts gewonnen werden musste. So hätte eine stabilisierte Regierung Nguen Van Thieu in Süd­vietnam weiterkämpfen können.

Unklar bleibt dabei, wie das südvietnamesische Regime ohne Hilfe der USA bestehen sollte, wenn es schon mit deren Unterstützung nicht gewinnen konnte. Gänzlich sinnlos war die Annahme, ein Zusammenbruch des Regimes einige Zeit nach einem US-Abzug würde den USA nicht mehr zugerechnet und ließe Verbündete in anderen Konfliktzonen gleichgültig.

Allein auf Laos fielen gut zwei Millionen Tonnen Bomben, mehr als auf Deutschland und Japan zusammen im Zweiten Weltkrieg. Zugegeben, schon 1964 unter dem demokratischen Präsidenten Johnson wurde der Krieg über die vietnamesische Grenze hinaus ausgeweitet. Aber seit 1970 steigerte sich das Bombardement. Hunderttausende von Zivilisten starben aus Prestigegründen in einem Krieg, den Kissinger selbst für nicht gewinnbar hielt.

Kissinger unterstützte die genozidale Kriegführung von Suhartos Diktatur gegen Ost-Timor, das 1975 die portugiesische Kolonialherrschaft losgeworden war und unabhängig bleiben wollte. Er versuchte, den zypriotischen Präsidenten Makarios zu beseitigen, der sich gegen griechische wie türkische Interventionsversuche wehrte. Als Pakistan 1971 die Unabhängigkeit Bangladesh zu verhindern versuchte, konnte es auf US-Unterstützung zählen; die Kriegführung gegen Zivilisten forderte etwa drei Millionen Opfer.

Als 1970 Salvador Allende die chilenischen Präsidentschaftswahlen gewann, unterstützte Washington Planungen für einen Militärputsch, um eine linke Regierung zu verhindern. Einzig der überdeutliche Dilettantismus der vorgesehenen Akteure führte zum Abbruch der Aktion. Bei einem Entführungsversuch wurde General René Schneider, verfassungstreuer Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte, ermordet. Die Täter wurden, mit Kissingers Billigung, von der CIA bezahlt. Mit Augusto Pinochet, dem erfolgreichen Putschisten von 1973, pflegte Kissinger, wie schon erwähnt, eine enge Zusammenarbeit.

Verteidiger Kissingers mögen darauf verweisen, dass er 1973 den Friedensnobelpreis bekam. Anlass war der Vertrag von Paris, der den Rückzug der USA aus Vietnam besiegelte. Freilich handelt es sich um einen der nicht seltenen Missgriffe des Vergabekomitees. Kissinger musste ein Ergebnis unterzeichnen, das er drei Jahre lang verzögert hatte. Der nordvietnamesische Unterhändler Le Duc Tho, der ebenfalls ausgezeichnet werden sollte, weigerte sich, bei der Komödie mitzuspielen. Er lehnte den Preis mit der Begründung ab, dass in seinem Land noch keineswegs Frieden herrschte. Tatsächlich wurde das Besatzungsregime im Süden erst zwei Jahre später besiegt. Die Befreiung des Südens 1975 wurde durchaus als Niederlage des US-Imperialismus wahrgenommen – es war genau das eingetreten, was Kissinger hatte verhindern wollen.

Auch andere Erfolge, die Kissinger zugeschrieben werden, schrumpfen bei näherem Hinsehen. Als seine größte Leistung gilt wohl, dass er nach zwei Jahrzehnten nur sehr sporadischer Kontakte die Verbindung der USA zur Volksrepublik China anknüpfte. Als Nachweis diplomatischer Technik mag dies taugen; falls Kissingers Beschreibung in seinen Memoiren stimmt, erforderte es erhebliches Fingerspitzengefühl und die Nutzung ungewöhnlicher Kommunikationswege, überhaupt nur zu Vorgesprächen zu kommen. Beide Seiten wollten nicht durch dringende Bitten in Vorleistung gehen; Kissinger musste zudem das Außenministerium überspielen, das von den Kontakten wenig hielt.

Kissinger verachtete die Bürokraten und konnte einen Triumph über sie feiern, als er mit Nixon 1972 China besuchte. Strategisch hatten möglicherweise die Profis im Ministerium recht. Vor allem die Volksrepublik profitierte von dem Besuch und seinen Folgen. Nicht nur, dass sie sich aus einer weitgehenden Isolation befreite. Auch erkannten die USA nun – zu Lasten Taiwans – die Volksrepublik als Repräsentantin Gesamtchinas an.

Zudem stellte die Annäherung zwischen der VR China und den USA kaum eine zusätzliche Gefahr für die Sowjetunion dar, die Kissinger der Hauptfeind war. Das sowjetisch-chinesische Verhältnis war schon zuvor denkbar schlecht. Am Ende erleichterte Kissingers Schlauheit den Aufstieg Chinas und trug damit zu den heutigen Problemen der USA bei.

Politik der Verknüpfung

Wie aber steht es mit dem politischen Theoretiker Kissinger? Das soll kurz anhand dreier Bücher gezeigt werden. Das früheste ist seine Dissertation, auf Deutsch unter dem Titel »Das Gleichgewicht der Großmächte. Metternich, Castlereagh und die Neuordnung 1812–1822« erschienen. Der umfangreiche Text bietet Geschichtsschreibung ohne Forschungsdiskussion; eine sehr allgemein kommentierte Bibliographie schließt das Werk ab. Ersichtlich dachte bereits der Doktorand an ein breites Publikum. Entsprechend wechseln, untypisch fürs Genre, Dissertation und erzählende Passagen mit stark verallgemeinernden Aussagen über das Wesen des Politischen ab.

Thema ist die Diplomatiegeschichte Europas im genannten Jahrzehnt. Sie beginnt mit Metternichs Versuchen, sich angesichts von Napoleons Niederlage in Russland aus dem Zwangsbündnis mit Frankreich zu lösen und endet mit der Stabilisierung der auf dem Wiener Kongress beschlossenen Ordnung. Kissinger legt dar, wie zerbrechlich das Bündnis gegen Napoleon bis 1814 war, auch wegen der Sorge, die französische Dominanz gegen eine russische einzutauschen. Er zeigt auch, dass die lange Friedenszeit nach 1815 keineswegs selbstverständlich war. Das Verdienst daran schreibt er zum einen dem britischen Außenminister Castlereagh zu, der gegen Volksmeinung, Institutionen und britische Tradition auf dem Kontinent eine Gleichgewichtspolitik gestützt habe. Der verantwortungsbewusste Staatsmann, der trotz seiner ignoranten Umgebung das Nötige tut, ist Leitmotiv in Kissingers Schriften. Zum anderen und mehr noch ist Metternich der Held des Buchs. Angesichts der bedrohten österreichischen Zentrallage habe er stets vorsichtig taktieren müssen. Leitbegriff hier ist Legitimität. Metternich sei ein Meister darin gewesen, Konstellationen zu schaffen, in denen das von ihm Gewünschte als selbstverständlich erschienen sei.

Legitimität ist also hier kein moralischer Begriff, sondern ein strategischer. Jemanden anzugreifen, der als legitim gilt, ist mit höheren politischen Kosten verbunden. Andererseits schränkt Legitimität die möglichen Mittel ein. Wer sich dieser Ressource bedient, muss zumindest den Anschein moralischer Mäßigung erwecken. Gelingt die Verallgemeinerung, entstehe eine legitime internationale Ordnung, nämlich eine, die von allen Großmächten anerkannt werde.

Ein Problem entstehe mit dem Auftritt einer revolutionären Macht. Dies ist ein weiteres Leitmotiv des Buchs, verbunden mit der Warnung, dass die Mächte der Ordnung die Mächte der Revolution oft unterschätzen würden. Zu spät würden sie erkennen, dass man mit Revolutionären nicht auf gewohnte Weise Abkommen schließen kann. So habe auch der Emporkömmling Napoleon, der die Französische Revolution an ihr Ende führte, alle sogar 1814 noch möglichen Kompromisse abgelehnt und aus innenpolitischen Gründen wohl auch ablehnen müssen. Die aktuelle Stoßrichtung von Kissingers Bedrohungsanalyse war in den 1950er Jahren unmissverständlich.

Sah sich Kissinger als Wiedergeburt seines Helden Metternich? Nein, denn auch Metternich hatte Fehler. Er erscheint als genialer Manipulator, dem es an einem langfristigen Konzept fehlen musste. Metternich betrieb eine Politik des Status quo in einem Vielvölkerimperium, gegen jede nationale und liberale Tendenz. Gerade der kurzfristige Erfolg verhinderte langfristige wirksame Antworten auf Fragen, die beiseitezuschieben letztlich nicht möglich ist.

Henry Kissinger, glaubt man seinen Memoiren, dachte vernetzt wie Metternich, aber stets auf große Ziele hin. Der Autor ist geschickt genug, für seine ersten Monate als Sicherheitsberater einzelne Fehlerchen einzuräumen; die trotzige Ungeschicklichkeit, mit der sein Nachfolger John Bolton (»Der Raum, in dem es geschah«) sein Ich-Ich-Ich in die Welt hinaus brüllt, weiß er zu vermeiden. Insgesamt aber weiß Kissinger alles besser.

Allerdings wirkt das Buch ein wenig defensiv. Kissinger wusste ja, dass es die Aufnahmen seiner Gespräche gab. Er betont, dass er niemals den Sowjets gegenüber nachgiebig war; vielleicht war das 1979 als Bewerbungsschreiben an Ronald Reagan als dem kommenden Mann gemeint. Den Liberalen gegenüber beteuert er, stets im Rahmen geltender Regeln gehandelt zu haben. Nur Planungen für einen Putsch in Chile 1970 gibt er zu; schließlich waren die entsprechenden Papiere bereits veröffentlicht, was Kissinger als »geschmacklos« bezeichnet.

Dass später publizierte Dokumente noch ganz andere Geschmacklosigkeiten enthüllten, wurde schon dargelegt. Als historische Quelle sind Kissingers Erinnerungen nur sehr eingeschränkt brauchbar.

Aus heutiger Sicht wirken die Memoiren insofern beruhigend, als sie eine Vielzahl schon vergessener Krisen und Kämpfe erwähnen. Die Welt um 1970 war nicht friedlicher als die heutige, die Methoden waren oft brutaler. Dies weckt Hoffnung, dass wir auch diesmal davonkommen.

Der Blick aufs große Ganze

Ein solcher Blick erfordert Distanznahme; er ist Kissinger nicht fremd. Gern stilisiert er sich zum politischen Philosophen. »World Order« heißt eines seiner Bücher. Auf gut 400 Seiten skizzierte er 2014 die wesentlichen Weltkulturen, ihre politischen Erfahrungen und Wertsetzungen. Es gibt Ungleichgewichte. Afrika und Lateinamerika fehlen in dieser Welt, der Iran erhält ein eigenes Kapitel (das vor allem dessen Atomprogramm gewidmet ist).

Auffällig ist der Hang zu Kulturalismen und geistesgeschichtlichen Abstraktionen. In seiner Dissertation wusste Kissinger noch, dass Napoleon Russland angegriffen hatte, um die Kontinentalsperre durchzusetzen und England ökonomisch zu schlagen. In »World Order« fühlt sich Napoleon vom Mythischen, das angeblich Russland kennzeichnet, angezogen. Ökonomie kommt hier – wie sonst bei Kissinger – nicht vor. In den Memoiren erwähnt er einmal missmutig, wie Handelsstreitigkeiten seine strategischen Planungen für Japan beeinträchtigten und er sich mit Warenkategorien beschäftigen musste. »Zum Glück ist es mir gelungen, das alles wieder zu vergessen« – unglaubwürdig für einen Firmenchef, der Millionen macht, indem er international den Türöffner für Konzerne gibt. Noch Kissingers Geschichtsphilosophie dient seiner Tarnung.

Die Verallgemeinerungen in »World Order« grenzen teils ans Schwachsinnige. US-Amerikaner verhandeln, so behauptet Kissinger im Ernst, um zu einem Kompromiss zu kommen, aber nach der chinesischen Tradition sind Krieg und Frieden nur zwei Seiten derselben Medaille, und für Chinesen ist Verhandlung Kampf.

Explizit unterstützt Kissinger den US-amerikanischen Exzeptionalismus: die USA nicht als Staat unter anderen Staaten, sondern als Leuchtturm der Welt. In diesem Zusammenhang ist es leider nicht als zynischer Witz gemeint, wenn es heißt: »Die amerikanische Militärmacht stellte ein Sicherheitsschild für den Rest der Welt dar, ob die Nutznießer das nun wollten oder nicht.« Auf absehbare Zeit bleibe die amerikanische Leadership unverzichtbar. Die Rede von Schurkenstaaten fehlt ebenso wenig wie die Wertegemeinschaft: eine »Cooperative Order«, die einem »American Consensus« folge.

Die Suche nach einem Imperialisten, von dem zu lernen ginge, blieb also diesmal erfolglos. Das Beruhigende daran ist, dass der Imperialismus nicht in den letzten fünfzig Jahren auf den Hund gekommen ist. Vielmehr überlebt die Menschheit schon seit längerem trotz der Mittelmäßigkeit seines Personals. Nett wäre es, wenn sich Baerbock zu einer Gratulation für den ihr würdigen Jubilar entschließen könnte.

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