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Aus: Ausgabe vom 02.12.2023, Seite 5 / Inland
Immobilienspekulation

Wer kauft noch Kaufhäuser?

Galeria Karstadt-Kaufhof droht nach Signa-Pleite nächste Kaputtsanierung. Kommunen warnen vor öden Innenstädten und fordern Staatshilfen
Von Ralf Wurzbacher
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»Betriebswirtschaftlich macht das keinen Sinn« (Galeria-Filiale in Düsseldorf)

Was wird aus René Benkos Pleiteimperium? Seit der am Mittwoch verkündeten Zahlungsunfähigkeit der österreichischen Signa-Holding herrscht großes Rätselraten, wie es mit den vielen Unternehmungen des Tiroler Milliardärs weiter geht. Für Dutzende deutsche Städte stellt sich insbesondere die Frage, ob die angeschlagene Warenhauskette Galeria Karstadt-Kaufhof (GKK) nach zuvor schon zwei Insolvenzverfahren nun endgültig abgewickelt wird. Daneben steht eine Vielzahl an Immobilienprojekten in Toplagen auf der Kippe – etwa in Berlin, Hamburg und München –, was etliche Investoren, darunter die Landesbanken von Hessen, Bayern und Baden-Württemberg, in Nöte bringt. Kredite in dreistelliger Millionenhöhe drohen zu platzen, wofür einmal mehr die Steuerzahler werden bluten müssen.

Dazu bangen Tausende Beschäftigte um ihren Job, weil aktuell sämtliche Baustellen stillstehen und der Fortbestand Hunderter Kaufhausfilialen bei Globus (Schweiz), Selfridges (England) oder eben Galeria Kaufhof ungewiss ist. Benkos sogenannter Rettung des deutschen Handelskonzerns waren in vier Jahren allein 10.000 Stellen und nahezu 100 Standorte zum Opfer gefallen. Übrig sind nach der Fusion mit Karstadt noch 91 Filialen und 12.500 Mitarbeiter. Die Schweizer Signa-Tochter Signa Retail Selection AG hat bereits angekündigt, die Geschäfte geordnet abzuwickeln, womit GKK zur Veräußerung stehen dürfte. Aber wer kauft heutzutage noch Kaufhäuser? »Die Aussichten sind düster. Unter betriebswirtschaftlichen Aspekten macht das keinen Sinn«, befand etwa der Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein gegenüber der Deutschen Presseagentur. Vorstellbar ist für ihn allenfalls die Übernahme einzelner Geschäfte in den vergleichsweise gut frequentierten Metropolen.

Kleinere Kommunen müssen sich dagegen auf noch mehr Leerstände und eine fortgesetzte Verödung der City einstellen. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund pocht deshalb auf finanzielle Hilfen von Bund und Ländern für eine Neuausrichtung der Innenstädte. Für deren Lebensfähigkeit sei es wichtig, »die Schließung der verbliebenen Galeria-Standorte durch einen klaren Sanierungsfahrplan zu verhindern«, zitierte am Freitag das Redaktionsnetzwerk Deutschland den Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg. Dort, wo dies nicht möglich wäre, müssten in enger Abstimmung mit den Städten und den Immobilieneigentümern attraktive Nachnutzungskonzepte entwickelt werden. Zu diesem Zweck sollten Städte und Gemeinden die Möglichkeit erhalten, die fraglichen Immobilien im Einzelfall zwischenzunutzen oder selbst zu erwerben, wofür es die Unterstützung des Bundes brauche.

Nicht alle Galeria-Standorte, sondern lediglich 18 unterstehen direkt der Signa-Gruppe. Der große Rest wird in Form von Joint Ventures mehrheitlich von der thailändischen Central Group gehalten, die auch Miteigner des Berliner KaDeWe ist. Das Unternehmen aus Fernost wird als aussichtsreichster Kandidat für die Übernahme der umsatzstarken Sahnestücke des Galeria-Portfolios gehandelt. Das Handelsblatt vom Freitag schrieb unter Berufung auf Unternehmenskreise, die originären Signa-Standorte seien »praktisch alle defizitär«. Grund dafür wären die horrend überteuerten Mieten, die der Mutterkonzern dafür kassiere. Das Blatt gab einen Insider wieder: »Wenn die Signa-Mieten marktkonform wären, läge der Gewinn bei Galeria um 70 Millionen Euro höher.« Dann müsste man sich um Liquidität keine Sorgen machen. Derzeit wartet Galeria-Chef Olivier van den Bossche vergebens auf eine Kapitalspritze von 200 Millionen Euro.

Falls das im Rahmen des letzten Schutzschirmverfahrens zugesagte Geld nicht ankommt, müsse sich das Management »auf dieses Szenario vorbereiten«, forderte am Donnerstag Corinna Groß, Bundesfachgruppenleiterin Einzelhandel bei der Gewerkschaft Verdi. »Ein neuer Eigentümer, der endlich auch Handelskompetenz mitbringt, wäre womöglich die beste Lösung«, sagte sie der Wirtschaftswoche. Derweil geht nach dem Offenbarungseid der Holding eine Signa-Tochter nach der anderen baden. Am Donnerstag abend stellte der Sportartikelhändler Sport Scheck einen Insolvenzvertrag.

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  • Leserbrief von Frank Lukaszewski aus Oberhausen (3. Dezember 2023 um 00:01 Uhr)
    Zum Thema Galeria sind m. E. veröffentlichte Äußerungen interessant, dass alle (noch) nicht abgewickelten Kaufhäuser keine Verluste mehr machten: »Bei Galeria seien alle nach der eigenen Insolvenz verbliebenen Filialen operativ profitabel, heißt es. Lediglich die Zentrale und der Onlineshop verursachten noch Verluste.« (Quelle: Die Welt, 30.11.23, S. 9)

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