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Aus: Ausgabe vom 01.12.2023, Seite 10 / Feuilleton
Deutschrap

Perfekt von unten

Caspers Album »nur liebe, immer.« ist voll der Klassenfragen
Von Ken Merten
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»Was weißt du von Kakerlaken im Kleiderschrank?« – Casper

Man möchte ja gerne loben, aber der 41jährige Benjamin Griffey macht es einem schon schwer. Der, den wir als Casper kennen, hat jüngst sein sechstes Studioalbum veröffentlicht, das da heißt: »nur liebe, immer.« Na ja, man hört es nicht voll der Liebe, sondern mit einer gehörigen Portion Langeweile und dazu ein bisschen Fremdscham.

Casper ist eben nun mal jener Deutschrapper für die Gymnasiasten mit Julia Engelmann im Bücherregal, der Geist jener Studierenden der Geisteswissenschaften, die ihr Leben lang vom Erasmus-Jahr in Barcelona zehren werden. Casper, der Gefühlige: An sein Epitaph »Michael X« erinnert man sich nicht oder nicht nur der falschen Konjugation im Kehrreim wegen, sondern weil es kurz vor Kitsch vermittelt, wie es ist, weiterzumachen, wenn andere weit vor ihrer Zeit gegangen sind.

Casper scheint sein Image nur halb zu schmecken, also muss er zu Anfang von »nur liebe, immer.« erst mal die Klassenverhältnisse auserklären, denen er entstammt: »Was weißt du von Kakerlaken im Kleiderschrank? / Im Trailerpark, Stiefpapa schreit mich an / Schläge mit Kleiderhaken, sich eingebrannt / Ein Glück trag’ ich nicht seinen Namen.« Casper wuchs in den USA auf, nach dem Eheaus von seiner deutschen Mutter und dem Vater, einem US-Soldaten, brachte der Stiefvater die Gewalt in den plebejischen Haushalt. Eine Differenz zu den Julia Engelmanns, die daheim höchstens zu fürchten hatten, dass sie mit dem Avocadomesser abrutschten.

Casper derweil will klarmachen, dass er White Trash ist, vergisst aber nicht, wer ihm da zuhört: »Erzähl mir nix von ADHS und PTSD / Oder den Bildern, die ich ständig noch seh’ / Vom Verstecken unter der Decke, wenn es wieder losgeht / Von meinen Idolen auf gebrannten CDs.« Denn natürlich ist und bleibt sein Publikum akademisch und als solches schnell mit Pathologisierungen bei der Hand. Die küchenpsychologischen Diagnosen will er nicht, statt dessen macht er auch im zweiten Teil des Doppeltracks »echt von unten / zoé freestyle« deutlich, wo er herkommt, und kratzt dabei an verelendungstheoretischer Identitätspolitik: »Ich komm’ von unten, echt von unten / Nicht so ›Mittelklasse, beide Eltern perfekt‹ / Von unten, Mann, echt von unten.« Anführungszeichen sind im Gesprochenen nun mal schwer herauszuhören, und dementsprechend mag man sich fragen, wie man denn »perfekt von unten« sein kann? Nun, der Rapkarriere ist es sicherlich förderlich, nicht gerade aufgewachsen zu sein wie die Fantastischen Vier.

»Perfekt von unten« jedenfalls meint nicht die inhaltliche Tiefe. Cas­per lebt – wie der Rostocker Marteria – vom Timbre in der Stimme, nicht von den Rapskills und schon gar nicht von den Texten. Auch bei Marteria, der durchaus Ambitionen als Unterwäschemodel und Fußballprofi hatte, munkelt man, ob er der abstiegsbedrohten Kogge nicht eher durch Bolzen helfen und die Rapkarriere als Fehler revidieren sollte. Casper unterstützt da lieber Bielefeld, die »stadt, die es nicht gibt«, womit er den ältesten Witz des hiesigen Kulturkreises hervorzaubert. »Jetzt schau, wo wir sind / Im Stadion mit 28.000 hier drin / Da braucht es mich, um die Champions League nach Hause zu bringen (Hehe)«, heißt es halbironisch im Song nach dem sanften Orchesterintro. Nun ist die Arminia nach zwei Abstiegen in Folge weit weg von der Königsklasse. Aber da geht sie ja mit Casper einher. Der mopst dann eben: »emma«, das vertonte Bild einer Ecstasy-Userin, ist hörbar Rihannas »Umbrella« entlehnt, und was Casper über die Partygängerin sagt, das sagt er auch zu sich: »Und ich seh’, was du tust / Wie du zu verschwinden versuchst.« Okay, ciao!

Casper: »nur liebe, immer.« (Warner Music)

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