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Aus: Ausgabe vom 01.12.2023, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Ein Spaziergang

Von Frank Schäfer
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»Ich habe zwei liebe Söhne großgezogen, das ist doch schon was«, lachte sie

Ein paar Wochen vor ihrem Unfall machten wir einen Spaziergang. Wie immer, an ihrem Hausarzt vorbei, Richtung Ortsausgang. Die Straße verengt sich nach dem gelben Schild zu einem Wirtschaftsweg mit brachen Feldern zu beiden Seiten. Wir bogen rechts ab, eine sanfte Anhöhe hinauf zum kleinen Waldstück, in dem ich als Erst- oder Zweitklässler einen Kreidler-Florett-Rocker mit seiner Freundin nackt im Moos liegen sah. Die Straße knickt dann noch einmal nach rechts ab im stumpfen Winkel und führt wieder zurück ins Dorf, vorbei an einer Bonsaiversion von Industriegebiet mit Spedition, ein paar Lagerhallen und dem örtlichen Bestattungsunternehmen Stahl. Eine Art Memento mori zum Abschluss.

Dieser knapp 45minütige Gang war so etwas wie ein Ritual in unserer Familie. Man nahm diese Route, wenn man sich mal schnell die Füße vertreten wollte, wenn also nicht genug Zeit blieb für einen »vernünftigen« Spaziergang zum Wohlenberg oder durchs Harmbütteler Holz, der mindestens doppelt soviel Zeit in Anspruch genommen hätte. Meine Eltern waren diesen Weg so oft gegangen, nicht selten mit mir, dass seine ohnehin spärlichen Sensationen uns nicht mehr sonderlich ablenken und wir zum Wesentlichen kommen konnten. Auf dieser Strecke führten wir die meisten Gespräche, in denen es wirklich mal um was ging. Vermutlich habe ich ihnen hier erzählt, dass ich Germanistik studieren würde und keine Ahnung hatte, was man damit mal machen könnte.

Es gibt ein späteres Foto von mir und meinem Vater auf einem dieser Runden. Zwischen uns mein kleiner Sohn. Wir halten ihn beide an einer Hand, und man sieht, dass er noch etwas wacklig zu Fuß ist. Wir drei kehren dem Fotografen den Rücken zu und nehmen die ganze Straße ein, drei Generationen, die sich an den Händen halten und irgendwie symbolisch in den Sonnenuntergang gehen. Das Foto sieht aus wie ein Abspann. Und als mein Vater gestorben war, hat meine Frau zur Erinnerung an ihn ein kleines Fotobüchlein drucken lassen, mit diesem Bild auf der letzten Seite. Sie hat »Tschüs« darunter geschrieben. Dieses »Tschüs« rührt mich immer noch zu Tränen.

Wir gingen auch ohne ihn noch oft diesen Dreieckskurs, und irgendwann wurde es der Weg, den meine Mutter selbst mit ihrem neuen leichtgängigen Rollator gerade noch so schaffte. Man musste sein Tempo ihren kleinen Schritten anpassen, und trotzdem hielt sie immer wieder zum Verschnaufen an oder plazierte sich für eine etwas längere Pause auf die schmale Sitzbank. Bei unserem letzten Gang hielten wir ausgerechnet vor dem Bestattungsinstitut.

»Sag mal, Mama, wenn dein Leben morgen vorbei ist, bist du dann im Reinen mit dir? Ich meine, bist du zufrieden mit dem, was du erreicht und erlebt hast?«

»Ich habe zwei liebe Söhne großgezogen, das ist doch schon was«, lachte sie.

»Ich meine, hast du etwas vermisst? Oder hättest du gern etwas ganz anders gemacht?«

Sie dachte eine Weile nach.

»Weißt du«, meinte sie schließlich, »wir haben eine gute Ehe geführt. Wir sind beide zu unserem Recht gekommen, da gab es keinen Chef, wir haben alles zusammen entschieden und zusammengehalten, wenn es mal eng wurde. Nein, das ist schon alles gut so.«

Und dann lächelte sie neckisch wie ein junges Mädchen.

»Aber trotzdem möchte ich gern noch eine Weile leben.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (1. Dezember 2023 um 16:02 Uhr)
    Großen Dank für diese einfühlsame Geschichte!

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