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Aus: Ausgabe vom 29.11.2023, Seite 10 / Feuilleton

Neuss, Gerold-Tucholsky

Von Jegor Jublimov
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Auch auf der Leinwand umtriebig: Wolfgang Neuss in »Genosse Münchhausen«, 1962

»Man muss das Grundgesetz vor seinen Vätern schützen und die Verfassung vor ihren Schützern.« Der das sagte, war ein Enfant terrible der Bundesrepublik – gerade, weil er sich den Mund nicht verbieten ließ, obwohl er doch in seiner Schnoddrigkeit ein beliebter Filmkomiker der 50er Jahre war. Wie viele Berliner kam Wolfgang Neuss eigentlich aus dem (heute polnischen) Wrocław, wo er am Sonntag vor 100 Jahren geboren wurde. Nach eigener Darstellung wollte er in der Reichshauptstadt eigentlich Clown werden, musste aber in den Krieg ziehen. Danach kam er 1950 zusammen mit seinem kongenialen Partner Wolfgang Müller nach Westberlin, wo sie beide schnell bei Kabarett und Film (u. a. »Das Wirtshaus im Spessart«, 1957, »Wir Wunderkinder«, 1958) Fuß fassten. Nach Müllers Unfalltod machte Neuss solistisch weiter (»Der Mann mit der Pauke«), schrieb und spielte zeitkritische Filmrollen (»Wir Kellerkinder«, 1960, »Genosse Münchhausen«, 1962). Als absoluter Gegner von NATO und Vietnamkrieg gastierte er auch in der DDR, wo man dem Individualisten aber skeptisch gegenüberstand. Neuss erlag bald den Verlockungen von Drogen, zog sich (auch wegen ausgefallener Zähne) zurück und ließ sich nur als Guru in Pressekolumnen vernehmen. Er starb kurz vor der von ihm befürchteten »Wiedervereinigung des Durchschnitts« 1989 und hinterließ: »Meine Zeit ist gekommen, wenn sie wieder so zum Lachen ist, dass es sich lohnt, dritte Zähne anzuschaffen.«

Künstlerwitwen stehen nicht immer in gutem Ruf, weil sie im Beharren auf ihren Rechten den Umgang mit dem Werk ihrer Männer oft erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Das Gegenteil gilt für Mary Tucholsky, die vor 125 Jahren im lettischen Mordangen als Mary Gerold geboren wurde und im 89. Lebensjahr in Kreuth starb. Ohne sie, so kann man ohne Übertreibung sagen, würde Kurt Tucholsky nicht als der politisch hellsichtige Journalist und Satiriker der Weimarer Republik gelten, als der er heute angesehen wird. Mary Tucholsky, die während der Nazijahre umlauert in Berlin blieb, rettete einen Teil seines Nachlasses. Als Erbin des 1935 in Schweden verstorbenen Autors trug sie in den Jahrzehnten nach Kriegsende seine weithin verstreuten Texte und Briefe zusammen, gründete das Tucholsky-Archiv in Rottach-Egern (das heute in Marbach verwaltet wird) und half zusammen mit Fritz J. Raddatz (BRD) und Roland Links (DDR), Tucholskys Texte in preiswerten Taschenbuchausgaben ebenso wie in großen Werkausgaben herauszugeben. Dabei war sie offiziell gar nicht seine Witwe, denn nachdem sich Tucholsky und sie auseinandergelebt hatten, er ohne sie in Frankreich, der Schweiz und Schweden gelebt hatte, ließen sie sich 1933 (auch zu Marys Schutz) scheiden. Dennoch bestimmte Kurt Tucholsky sie zu seiner Erbin. In seinem ergreifenden Abschiedsbrief an sie im November 1935 gab er sich die Schuld an der Trennung: »Hat einen Goldklumpen in der Hand gehabt und sich nach Rechenpfennigen gebückt, hat nicht verstanden und hat Dummheiten gemacht.«

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