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Aus: Ausgabe vom 29.11.2023, Seite 10 / Feuilleton
Wissenschaftsgeschichte

Messen und Berechnen

Ausnahmezustand Ausnahmslosigkeit: Lorraine Dastons regelrecht gute Studie zur Geschichte der Regeln liegt auf deutsch vor
Von Norman Philippen
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Wenige Regeln, sehr viele Möglichkeiten: Japanische Männer und Frauen spielen das Brettspiel Go (1877)

Lorraine Daston ist kein Ausnahmefall. Auch sie mag all die menschliches Handeln ins Detail ordnenden Regeln nicht besonders, kann aber weder mit ihnen noch ohne sie leben. Gerne befolgt sie zwei Lebensregeln, wie sie jüngst auf 3sat verriet. Mit Karl Kraus weiß sie, dass die Lage zwar hoffnungslos, aber nicht ernst ist (das Zitat stammt freilich von Alfred Polgar). Und nach neun Uhr abends schreibt sie keine E-Mails. Beide Regeln scheinen vernünftig. Die erste zeigt zudem, dass die Wissenschaftshistorikerin und langjährige Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin sich nicht nur im Kosmos der Wissenschaften und Naturgesetze auskennt.

So verhandelt auch nur das siebte von acht Kapiteln explizit die Gesetze des Naturrechts und Naturgesetze, während die übrigen souverän die globale Geschichte der Genese und Fortschreibung des ubiquitären zivilisatorischen Regelwerks schreiben. »Da ein Buch über all diese Regeln (…) fast schon eine Geschichte der Menschheit« wäre, kann hier keine umfassende Geschichte der Regeln vorliegen. Eine weitere Beschränkung in »Regeln«, so der Titel, resultiert aus Dastons expertisebegründetem Fokus auf die »westliche Tradition«. Dieser allerdings entnimmt sie – von Kochrezepten über Regularien zur Länge von Schuhspitzen und Trinkgeldern, Benimm- und Verkehrsregeln bis hin zu komplexen Regeln zur Weltwirtschaft, wissenschaftliche Forschung und Kriegführung – unzählige, mitunter unterhaltsam skurrile Beispiele.

Daston zeigt, dass das über drei Jahrtausende hinweg in beinahe sämtlichen Kulturen entwickelte Regelwerk »fast so komplex wie die Kultur selbst« ist. Alle seit der griechisch-römischen Antike entwickelten, von Daston ausgemachten Regeln lassen sich ihr zufolge den Kategorien Mess- und Berechnungsinstrument, Modell, Paradigma oder Gesetz zuordnen. Anhand von Klosterordnungen, der Mechanisierung von Berechnungen, Kleidervorschriften, Dekreten zur öffentlichen Ordnung, Rechtsverträgen und Militärhandbüchern zeigt sie, dass die Regelentwicklung einem Gestaltungswillen folgt. Dem hohen Maß an Variabilität und Unvorhersehbarkeit in der Welt soll regelbasiert begegnet und sie mit der Zeit immer besser berechenbar gemacht werden. Die Tendenz geht seit der Neuzeit von »ausladende(n), füllige(n)« Regeln mit vielerlei Ausnahmen und Ermessungsspielräumen (Klosterregeln der Benediktiner, Kleidervorschriften) zu »dürren, schlanken Regeln« (Algorithmen), die Ausnahmen ausmerzen und Ermessungsspielräume einschränken oder schließen sollen.

Das »älteste und dauerhafteste Pro­blem im Zusammenhang mit Regeln« ist für Daston »die Frage, wie Allgemeinbegriffe beschaffen sein müssen, damit sie zu einer potentiell unendlichen Vielzahl von Fällen passen«. Neben solch expliziten (wissenschafts-)historischen, wird auch manch aktuellere sozioökonomische Frage aufgeworfen. So ist etwa ein Ziel des Buches, »Licht auf eine entscheidende frühere Epoche in dieser Aufstiegsgeschichte (der Regeln, jW) zu werfen – wie nämlich mathematische Algorithmen sich in der Industriellen Revolution mit der politischen Ökonomie überschnitten«. Laut Daston geschah das zu einem »Zeitpunkt irgendwann im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert, als eine bestimmte Form eines mathematischen Taylorismus avant la lettre, eine strenge und überwachte Arbeitsteilung, das Rechnen in eine strenge und streng überwachte Tätigkeit für schlecht bezahlte Gehilfen verwandelte. Es ist der Zeitpunkt, an dem die Algorithmen modern wurden – und schlanker zu werden begannen.«

Einer aus der Reihe der Gründe, die dieses Buch so lesenswert machen, ist, dass Dastons Darstellung stets dem Umstand gerecht wird, dass selbst Regeln, die für alle gelten sollen – und zur Überwachung einer »gewaltigen Infrastruktur« bedürfen –, von wenigen gemacht werden, aber nicht von allen in gleichem Maße befolgt werden müssen. »Wie auch immer definiert, die Macht, Ausnahmen zu dekretieren, bildet den Kern der modernen politischen Theorie: Wer darf die Regeln nicht nur biegen, sondern auch brechen?« fragt sie. Und vergisst weder, die im Hinblick auf die Forcierung der Berechenbarkeit der Welt stets leitenden ökonomischen Interessenlagen zu adressieren noch weitreichende Wahrheiten den Staat als Regelgeber und -hüter betreffend entspannt auszusprechen. »Genauer gesagt, eine geringe Toleranz für Ermessen verweist auf ein grassierendes Misstrauen in der Gesellschaft: Der Staat hat kein Vertrauen darauf, dass seine Bürger zu entscheiden vermögen, wo man sicher parken kann, und dass sie Lotteriegewinne in ihrer Steuererklärung angeben; die Bürger haben kein Vertrauen darauf, dass der Staat Reiche und Arme gleich behandelt (…) Unter diesen Umständen wird jegliche Ausnahme suspekt – und am suspektesten wird der Ausnahmezustand.«

Ein Befund, der sich Daston im Schreibprozess aufdrängte, als die Coronapandemie die regelbasierten Ordnungen der Welt gehörig umpflügte und das Narrativ des Buchs laut Selbstauskunft noch gewinnbringend kritisch feinjustierte. Der beruhigendste Befund des Buchs ist wohl, »dass wir Ausnahmen niemals loswerden können«.

Lorraine Daston: Regeln. Eine kurze Geschichte. Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Bischoff. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2023, 432 Seiten, 34 Euro

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