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Aus: Ausgabe vom 29.11.2023, Seite 8 / Antifaschismus
Erinnerungskultur

»Der Antikommunismus verfängt bei der Jugend nicht«

Bayern: Initative in Burghausen ringt mit Rathaus um Gedenkstele für Antifaschisten. Ein Gespräch mit Max Brym
Interview: Marc Bebenroth
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In Burghausen erinnern Tafeln am Aventinus-Gymnasium an die von den Nazis ermordeten Antifaschisten

Sie haben im bayerischen Burghausen bei einer Diskussionsveranstaltung über die Auseinandersetzung mit der Stadt um ein Gedenken für Antifaschisten gesprochen, die bis 1933 die Nazis offen bekämpft hatten. Wie ist der aktuelle Stand?

Ich saß am 19. November mit auf dem Podium, da ich über antifaschistischen Widerstand in Südbayern Bücher geschrieben hatte. In Burghausen hatte es sehr viel Widerstand aus der Arbeiterbewegung gegen die Nazis gegeben, wie sich bei meinen Recherchen herausstellte. Vor Ort gründete sich schließlich eine Initiative für ein würdevolles Gedenken.

Was will diese erreichen?

Es soll eine große Stele im Zentrum der Stadt errichtet werden. Sie soll alle Namen von langjährigen KZ-Gefangenen zeigen. SPD-Bürgermeister Florian Schneider findet aber, dass man einen Gedenkstein ohne Namen an einer abgelegenen Stelle in Burghausen aufstellen sollte.

Wer interessierte sich für die Diskussion mit Ihnen?

Es kamen 50 bis 60 Leute, relativ viel für eine Kleinstadt wie Burghausen. Es waren zahlreiche Jugendliche gekommen, aber auch viele Ältere. Der stellvertretende Kreisvorsitzende der SPD kam und vertrat die Haltung des Bürgermeisters. Damit stieß er auf praktisch keine Zustimmung. Er redete einige Minuten, ohne wirklich etwas zu sagen – außer eben, dass man allen gedenken müsse und keine parteipolitischen Konflikte entfachen solle. Dabei geht es selbstverständlich beim Widerstand in Burghausen gegen die Nazis um Parteipolitik. Es waren Gewerkschafter, SPD und KPD, die ihn anführten.

Wie erklären Sie sich die Position des Bürgermeisters und der SPD?

Es gibt in Burghausen eine ältere Generation, die protestiert vehement gegen ein Gedenken an Alois Haxpointner, der den Widerstand in Burghausen angeführt hatte. Sie äußern Bedenken wegen angeblicher Verfehlungen in den Nachkriegsjahren. Sie sagen, Haxpointner war mal betrunken und habe einzelne im Ort vermöbelt. Doch diese Geschichte interessiert uns nicht. Diese Leute sollen uns mal erklären, wer in Burghausen damals nicht auch mal betrunken war.

Oder sich prügelte.

Genau. Es geht ihnen darum, dass Haxpointner bis 1955 in der KPD war, dann zur SPD wechselte, aber ’65 wieder austrat, weil die ihm zu rechts war. Es geht um Antikommunismus. Dieser verfängt aber bei den jungen Menschen nicht. Bei der Diskussion war ein Vertreter der Organisation »Der Funke«. Die Jusos gibt es in Burghausen und der Region nur auf dem Papier.

Wie sehr ist Ihr Vorhaben von der Stadt abhängig?

Der Platz, den wir bevorzugen, ist städtischer Grund und liegt unweit vom Georg-Schenk-Haus, benannt nach dem SPD-Bürgermeister nach ’45, der auch im KZ war. Dahinter steht noch die abgebrannte Ruine des Hauses eines jüdischen Chemielaboranten, das die Nazis in der Pogromnacht 1938 abgefackelt hatten.

Und wie geht es jetzt weiter?

Schneider beschwerte sich in der Presse, dass er nicht zur Diskussionsrunde eingeladen worden war. Wir haben tatsächlich die SPD eingeladen. Nun soll es eine weitere Veranstaltung geben. Da gibt es noch keinen Termin, aber wir schlagen ihm drei verschiedene vor, ab Mitte Januar. Dann kann er selbst bestimmen.

Können Sie auf ein Ja des Stadtparlaments zur geforderten Gedenkstele hoffen?

Es gibt eine Mehrheit aus SPD und Grünen. Die Grünen werden gegen das namenlose Gedenken sein. Ganz entscheidend dürfte sein, wie die Auseinandersetzung innerhalb der SPD weitergeht. Soweit ich weiß, wird die ziemlich hart geführt.

Das namentliche Gedenken, wie wir es fordern, ist allein deshalb von enormer Bedeutung, weil jene Antifaschisten, als sie im Konzentrationslager landeten, von den Nazis zu Nummern gemacht worden waren. Außerdem braucht die Jugend Vorbilder. Und diese tragen Namen – Namen wie Alois Haxpointner.

Max Brym ist Dozent für Philosophie und Geschichte sowie Autor in München

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