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Aus: Ausgabe vom 29.11.2023, Seite 7 / Ausland
Besatzung

Frauen und Kinder freigetauscht

Widerstand gegen israelische Besatzung: Gefangene Palästinenserinnen wieder zu Hause
Von Gerrit Hoekman
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Palästinenserinnen, die am 24. November als erstes freigelassen wurden und nach Beitunia in der besetzten Westbank zurückkehren

Ihr Name stand von Anfang an auf der Liste der 300 palästinensischen Frauen und Kinder, die laut dem israelischen Justizministerium für einen Gefangenenaustausch mit der Hamas in Frage kommen. Bereits am Sonnabend sollte die erst 16 Jahre alte Nufus Hamad freikommen. Aber ihr Vater wartete stundenlang vergeblich vor dem Al-Mascobiyeh-Gefängnis in Jerusalem auf seine Tochter. Kurz vor der Freilassung soll Hamad ins israelische Krankenhaus Haddasch eingeliefert worden sein.

»Die freigelassenen Gefangenen erzählten mir, dass Nufus bis 20 Uhr bei ihnen war und danach an einen unbekannten Ort gebracht wurde«, berichtete der Vater der palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA. Warum Hamad ins Krankenhaus musste, ist unbekannt. Am Montag stand ihr Name erneut auf der Liste der freikommenden Gefangenen, die von der Hamas veröffentlicht wurde – und diesmal war sie wirklich dabei, berichtete der arabische Sender Al-Araby am frühen Dienstag morgen. Hamad war 14 Jahre alt, als sie im Dezember 2021 in ihrer Schule im Stadtteil Scheich Dscharach im besetzten Ostjerusalem verhaftete wurde. Sie hatte angeblich versucht, einen israelischen Siedler zu erstechen. Vor zwei Wochen verurteilte sie ein israelisches Gericht zu zwölf Jahren Haft.

»Wir haben die Luft gerochen«, sagte Israa Dschaabis nach ihrer Freilassung zu den vor dem Haus der Familie wartenden Journalisten, als sie am Sonnabend endlich mit ihrem Mann, ihren Kindern und dem Rest der Familie vereint war, die im Stadtteil Dschabal Mukabir im besetzten Ostjerusalem wohnt. Acht Jahre verbrachte die 38jährige in israelischer Haft. Drei hätte sie noch absitzen müssen. Nun lagen sich alle glücklich, aber auch ein wenig schüchtern in den Armen. Ihr Sohn Muatasim war erst sieben Jahre alt, als er seine Mutter das letzte Mal sah. »Ich habe Scheu, ihn zu drücken, weil er ein Mann geworden ist«, erklärte Dschaabis ihre spürbare Zurückhaltung gegenüber dem Teenager. »Wir schämen uns der Freude, wenn ganz Palästina verwundet ist.«

Israa Dschaabis wurde 2015 zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil ihr Auto anderthalb Kilometer von einem Checkpoint der israelischen Armee entfernt in die Luft flog. Bei der Explosion wurde ein Polizist schwer verletzt, das israelische Gericht ging von einem missglückten Anschlag aus. Dschaabis spricht dagegen von einem Unfall. Sie hatte eine Propangasflasche im Kofferraum geladen, die ohne ihr Zutun plötzlich explodiert sei. Ein tragischer Unfall, so ihr Anwalt damals. Dschaabis zog sich bei der Explosion schwere Verbrennungen am ganzen Körper zu, sie hat alle Finger verloren. Schlimme Narben zeichnen bis heute ihr Antlitz. Dieses Schicksal teilt sie mit dem israelischen Polizisten, dessen Gesicht auch teilweise verbrannte. »Meine Schmerzen sind sichtbar, es gibt keinen Grund, darüber zu sprechen«, sagte die 38jährige. Die Verbrennungen seien im Gefängnis nur oberflächlich behandelt worden. Sie sei zwar am Tag ihrer Festnahme noch operiert, aber dann auch zügig wieder in eine normale Zelle verlegt worden. Die Schmerzen seien beinahe unerträglich gewesen.

Dschaabis beschreibt die Haft grundsätzlich als »bitter und schwierig«. »Aber das ist der Preis, den eine Gefangene zahlt.« Nach dem blutigen Angriff der Hamas vom 7. Oktober auf Südisrael mit nach israelischen Angaben etwa 1.200 Toten hätten die Wärter die palästinensischen Häftlinge noch schlechter behandelt als vorher schon. An dem Tag hätten sie Tränengasgranaten ins Gefängnis und in die Zellen geschossen, berichtete Dscha’abis. Einige Frauen seien umgehend in Einzelhaft gesteckt worden.

Zum Beispiel Marah Bakir, die am Freitag ebenfalls nach acht Jahren Gefangenschaft mit der ersten Gruppe freikam. Bakir war im Oktober 2015 verhaftet worden, weil sie als damals 16jährige im besetzten Ostjerusalemer Stadtteil Scheich Dscharach zwei Israelis mit einem Messer verletzt hatte. Danach war sie von israelischen Soldaten angeschossen worden. Ein Gericht hatte sie im Januar 2017 zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

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