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Aus: Ausgabe vom 29.11.2023, Seite 5 / Inland
Gesundheitspolitik

Patienten ohne Praxis

Berlin: Kassenärztliche Vereinigung reduziert ambulante Versorgung bei niedergelassenen Ärzten
Von Oliver Rast
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Steigende Kosten, geringe Honorare: Hausärzte finden oft keine Nachfolger mehr

Es ist ein Beschluss mit Folgen: weniger Behandlungstermine in den Praxen, weniger Leistungen für Patienten. Kurz, Einschränkung ambulanter Versorgung. Das hat jüngst die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin beschlossen. Wenn auch nur als Empfehlung.

Der veränderte sogenannte Honorarverteilungsmaßstab zum 1. Januar 2024 sieht zehn Prozent weniger Fallwerte (Behandlungsfälle) im Regelleistungsvolumen der Praxen vor. Anders ausgedrückt, ab Beginn des kommenden Jahres werden Praxisärzte »nur noch so viele Patienten medizinisch versorgen und entsprechende Behandlungsfälle abrechnen, wie sie von den Krankenkassen bezahlt bekommen«, steht in der Mitteilung der KV Berlin. In der Bundeshauptstadt liege die Leistungserbringung zirka 20 Prozent über der mit den Kassen vereinbarten bezahlten Leistungsmenge. »Das geht so nicht mehr.« Denn Ausgaben für Personal, Mieten, Energie und Ausstattung stiegen immer weiter an, aber die Honorarentwicklung halte mit dieser Kostenexplosion nicht Schritt.

Was sagen Krankenkassen zu den Vorwürfen? Techniker Krankenkasse, AOK und Barmer verweisen auf jW-Nachfragen vom Dienstag auf den Verband der Ersatzkassen (Vdek). Der führe die Verhandlungen mit der KV Berlin über die Honorare niedergelassener Ärzte. »Als Ersatzkasse können wir uns deshalb zum aktuellen Vorgehen der KV Berlin nicht äußern«, meinte eine Techniker-Sprecherin der Landesvertretung Berlin/Brandenburg. Eine Stellungnahme des Berlin-Brandenburger Vdek war bis jW-Redaktionsschluss nicht zu bekommen.

Auskunftsfreudiger war hingegen Tobias Schulze (Die Linke). Hausärzte müssten gestärkt werden, »auch durch Entbudgetierung von Leistungen und Entbürokratisierung«, so der gesundheitspolitische Sprecher seiner Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus am Dienstag zu jW. Richtig sei indes, »dass das ärztliche Kleinunternehmertum als Modell unattraktiv und überholt ist.« Es brauche kollektive Strukturen wie Versorgungszentren, die moderne Arbeitszeitmodelle ermöglichten und das wirtschaftliche Risiko nicht einzelnen Ärzten übertrügen, so Schulze weiter. Zugleich dürften Arztsitze in diesen Zentren nicht Finanzinvestoren überlassen werden. »Das Verbot solcher Renditemodelle muss endlich kommen.« Aber es sei ferner mehr Transparenz bei den Einkünften der Praxen nötig, die seien extrem ungleich verteilt, weiß Schulze. »Radiologen können immer noch Millionäre werden, Hausärzte demgegenüber finden keine Nachfolger.«

Eins ist der KV Berlin wichtig: Es solle nicht der Eindruck in der Öffentlichkeit entstehen, Berliner Praxen wollten ihren Patienten die medizinische Behandlung verweigern. Die Interessenvertretung erwarte aber, »dass das ambulante System nicht weiter kaputtgespart wird.«

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  • Leserbrief von E. Rasmus (30. November 2023 um 11:28 Uhr)
    Pardon, ich erlaube mir hier mal unter anderem mehr über den Patienten BRD ein paar Worte zu verlieren. Wenn ich die Zeitung aufschlage und die Meldungen sehe, weiß ich nicht wo ich anfangen soll und mir fehlen einfach in Hass, Verzweiflung und Zorn die Worte. Als Kind der DDR komme ich mir vor wie in einer sozialen Hölle. Mein früherer Staat war dagegen sozial, kulturell, interdisziplinär medizinisch wie bildungspolitisch paradiesisch. Damals in der alten BRD ging es auch nur dem Schein nach sozial besser zu als heute, eben weil es den anderen sozialistischen Staat gab. Der Separatist Konrad Adenauer hatte dies sogar zugegeben. Das heißt doch nichts anderes, dass seinerzeit die Imperialisten wegen der sozialen Vorbildwirkung der DDR Angst hatten um sich und die alte Ordnung. Heute hat sich das erledigt dank auch der permanent antikommunistisch staatlich finanziert betriebenen Hetze und Tatsachenverdrehung in Bezug auf die Geschichte überhaupt. Meine ich den geschichtlich unheilbaren Patienten BRD, zeichnet sich das Ganze von A bis Z durch eine Inhumanität aus, die wiederum nur ein Spiegelbild der materiellen Verhältnisse darstellt. Und inhuman ist auch trotz selbstherrlich ignorant, unfähiger Politakteure das Kranken(Un)wesen. Am meisten Leidtragende sind Alte wegen der eben altersbedingt erhöhten gesundheitlichen Probleme sowie natürlich Arme wie alleinerziehende Mütter. Und nun zum Sprecher der PDL im Abgeordnetenhaus von Berlin. »Richtig sei indes, ›dass das ärztliche Kleinunternehmertum als Modell unattraktiv und überholt ist.‹ Es brauche kollektive Strukturen wie Versorgungszentren, die moderne Arbeitszeitmodelle ermöglichten und das wirtschaftliche Risiko nicht einzelnen Ärzten übertrügen, so Schulze weiter.« Ein frommer Wunsch zum einen und wo lebt der Mann! Polikliniken beispielsweise gab es in der DDR. Nach deren prinzipieller Zerschlagung kommt man zu Wirtschaftsunternehmen (wie mir wörtlich nach der OP in Berlin mitgeteilt worden war), jedoch niemals flächenwirksam zu humanmedizinisch interdisziplinären Einheiten im Interesse der Patienten, denn der Patient ist Ware beziehungsweise Ladenhüter in der Wegwerfgesellschaft. Und noch etwas. Hausärzte, die nun als solche aussterben, sind Personen des Vertrauens, das in einem Versorgungszentrum, welches ja wirklich ein Wirtschaftsunternehmen der KV ist, nicht existiert. Aus meiner Erfahrung arbeiteten in den früheren Polikliniken der DDR Fachärzte unterschiedlicher Humangebiete, aber keine Hausärzte – nach Möglichkeit Internisten. Die gehören in die unmittelbare Wohnnähe mit einer entsprechenden medizinischen Grundausstattung auch eben für Hausbesuche. So konnte meine Hausärztin beispielsweise Blut abnehmen, eine Gastroskopie oder ein EKG in der Praxis machen. In der Poliklinik rief der Orthopäde wegen eines kranken Knöchelpatienten bei entsprechendem Verdacht schlicht seinen Kollegen, einen Venerologen, an, gegebenenfalls mit der Bemerkung den Patienten X vorbeizuschicken, und der bekam gleich einen Termin, musste sich also nicht irgendwo als Bittsteller anstellen. Aber so etwas funktionierte nur im Sozialismus, wo es keine Gebührenordnung für Ärzte oder Zahnärzte gab. Jene hatten auch nicht mit Abrechnungen, wie sie heute nerven, zu tun, weil der Staat einfach sozial handelte und nicht nach Profitinteressen.

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