Rosa-Luxemburg-Konferenz am 13.01.2024
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Aus: Ausgabe vom 02.10.2023, Seite 16 / Sport
Schach

Doppelter Triumph

Bei der Schach-Senioren-WM reüssieren die Lasker-Schachstiftung und das deutsche Frauennationalteam
Von Sören Bär
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Fünf der teilnehmenden Großmeister spielten früher für die Sowjetunion

Bei den vom 19. bis 28. September im nordmazedonischen Struga ausgetragenen Seniorenmannschaftsweltmeisterschaften im Schach hat das deutsche Team der Lasker-Schachstiftung GK in der Altersklasse 65 plus erstmals den Titel geholt.

Nach neun Runden konnte die Mannschaft um Spiritus Rector Gerhard Köhler den Hauptrivalen England um einen Mannschaftspunkt distanzieren. Bis auf das 2:2 im Match gegen die deutsche Nationalmannschaft in der letzten Runde siegten die neuen Weltmeister in jeder Begegnung. Aus einem homogenen Quartett ragten dabei die Großmeister Rainer Knaak am Spitzenbrett und Sergei Kalinitschew an Brett drei heraus. Beide gewannen auch die Goldmedaillen als Brettbeste. Der fünffache DDR-Meister Knaak totalisierte sieben Punkte aus neun Partien und schlug vier Großmeister. Nach einem glücklichen Erfolg gegen die finnische Schachlegende Heikki Westerinen in Runde zwei lief der Leipziger in der zweiten Turnierhälfte zu großer Form auf und schlug auch Großmeister Yehuda Grünfeld (Israel) sowie Ľubomír Ftáčnik (Slowakei) und Nikolaï Legky (Frankreich).

Besonders wichtig war jedoch Knaaks Gewinnpartie gegen Arndt Miltner zum Schluss: »Fast hätten wir unseren Vorsprung eingebüßt, denn zeitweilig stand ein 1,5:2,5 gegen uns auf den Brettern«, resümierte der 70jährige Spieler gegenüber jW das dramatische Geschehen. So konnte die einzige Niederlage von Jakob Meister gegen den starken Clemens Werner kompensiert und der oberste Platz auf dem Treppchen gesichert werden. Als entscheidend erwies sich das knappe 2,5:1,5 gegen die Engländer in der vierten Runde. »England war ein starker Gegner, nur mit Glück haben wir da 2,5:1,5 gewonnen«, schätzte Rainer Knaak ein.

Zum Matchwinner avancierte bei drei Remisen der 67jährige Sergei Kalinitschew durch einen Sieg gegen den internationalen Meister Chris Baker. Insgesamt erreichte er sagenhafte acht Punkte bei sieben Siegen und nur zwei Remisen. Der in Berlin lebende Kalinitschew war 1984 als Schachspieler und -trainer in die DDR gekommen, wo er bei der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf stationiert war. Er wurde 2016 im Alter von 60 Jahren erstmals Deutscher Meister und bildete als Nachwuchstrainer viele starke Spieler aus. Jakob Meister mit 5,5 aus 9 an Brett 2 und Gerhard Köhler mit 5 aus 9 an Position 4 komplettierten den Gesamterfolg. Die Begegnung der sechsten Runde gegen Ľubomír Ftáčnik aus Bratislava war für Knaak pikant, weil er auf seinen langjährigen Kollegen bei der Schachsoftwareschmiede Chessbase traf, der obendrein ein ausgewiesener Eröffnungsexperte ist …

Rainer Knaak – Ľubomír Ftáčnik, Seniorenmannschafts-WM, 6. Runde (1), Struga, 26.9.2023, Grünfeld-Indisch

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Der Kulminationspunkt: Rainer Knaak bläst mit dem Figurenopfer 19.e5+! zur finalen Attacke

Kommentiert von GM Rainer Knaak (RK) und Sören Bär (SB)

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.Ld2 (SB: Rainer Knaak spielt häufig die scharfen Varianten nach 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7 7.Lc4, wollte aber gegen den Grünfeld-Experten Ftáčnik eine mögliche Vorbereitung umgehen und selbst eine Überraschung anbringen.) 5…Lg7 (SB: Hier kann man mit 5…Sb6 dem folgenden Tausch auch ausweichen, doch auf b6 steht der Springer eher passiv.) 6.e4 Sxc3 7.Lxc3 0-0 8.Dd2 c5 9.d5 (SB: Es zeigt sich eine wesentliche Idee von 5.Ld2: Der Tausch der schwarzfeldrigen Läufer ist unausweichlich, wonach Königsstellung und schwarze Felder im Camp des Nachziehenden geschwächt werden.) 9…e6 10.Lc4 exd5 11.Lxd5 Sd7 12.Lxg7 Kxg7 13.Se2 Sb6 14.Sf4! (RK: Diese Neuerung statt des üblichen 14.Sc3 verhindert 14…Le6.) 14…Df6?! (RK: Das ist eine Ungenauigkeit, aber damit endete auch meine Vorbereitung. 14…Sxd5 ist wohl spielbar, aber nach 14.Sc3 ist 14…Sxd5 nicht der beste Zug, so dass man es nach 14.Sf4 ebenfalls nicht spielt, denn es entstünde die gleiche Position. Ftáčnik musste am Brett eine Entscheidung finden, während ich alles vorbereitet hatte.) 15.0-0 Td8 16.Tac1 c4 17.De3 Dxb2? (RK: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Schwarz Zeit für dieses Schlagen hat. 17…Lg4 wäre am besten gewesen, dann darf ich nicht 18.h3? spielen wegen 18…g5! SB: Möglich sind 18.e5 De7 19.Lxc4 oder 18.f3 Ld7 19.e5 De7 20.e6! – jeweils mit weißem Vorteil.) 18.Tc3 (RK: 18.Sh5+! habe ich zwar gesehen, aber nicht erkannt, dass es wohl noch stärker als 18.Tc3 ist. SB: Nach 18.Sh5+! gxh5 gewinnt Weiß mit 19.Dg5+ Kf8 20.Dxd8+. Auf statt dessen 18…Kh8 folgt der schöne Sperrzug 19.Tc3, wonach 20.Dd4+ und Matt auf g7 droht. Schwarz darf den vorwitzigen Springer wieder nicht verspeisen, denn nach 19…gxh5 20.Dd4+ Kg8 21.Tg3+ ist die schwarze Dame auf b2 perdu.) 18…f6? (RK: Hier hätte lediglich 18…Sxd5 Probleme gestellt, denn das naheliegende 19.Sxd5? ergibt nach 19…h5! nur Ausgleich. Ich hätte also 19.Sh5+! finden müssen, und nach 19…Kf8 20.exd5 Txd5 21.Dh6+ Ke7 22.Sf4 Td6 23.Dg5+ Ke8 24.Txc4 kann Schwarz zumindest noch kämpfen.) 19.e5!

(SB: Dieses starke vorübergehende Figurenopfer entscheidet die Partie.) 19…Sxd5 20.exf6+ Sxf6 21.De7+ Kh6 22.Dxf6 (SB: Weiß gewinnt die Figur zurück und bringt den König zur Strecke.) 22…Dd2 23.Te3! Dd4 24.Dh4+ Kg7 25.Te7+ Kf8 26.Tfe1! (SB: Präzise bis zum Schluss: Das Matt in wenigen Zügen ist unvermeidlich.) 1:0.

Die gemeinsam mit den Männern in einem Turnier spielende deutsche Frauennationalauswahl mit Brigitte Burchardt, Annett Wagner-Michel, Mira Kierzek, Ljubov Orlova und Ina Gottschall kam insgesamt auf Rang 17 und in der Frauenwertung vor Lettland auf den ersten Platz.

In der hochklassig besetzten Altersklasse 50 plus kam es ohne deutsche Beteiligung zu einem spannenden Wettrennen. Aufgrund zweier 4:0-Siege in den letzten beiden Runden eroberte das Team der USA mit 15:3 Mannschaftspunkten den Titel vor den mit 14:4 Zählern nur durch die Brettpunkte getrennten Mannschaften Island, England und Italien. Die Besonderheit: Die Großmeister Alexander Shabalov, Gregory Kaidanov, Jaan Ehlvest, Igor Novikov und Alex Yermolinsky spielten früher allesamt für die Sowjetunion. Die Italiener, in der siebenten Runde noch mit 3:1 gegen die USA siegreich, konnten zum Schluss nur noch zwei 2:2-Unentschieden folgen lassen, was statt der Gold- nur die undankbare Holzmedaille bedeutete. Bronzemedaillengewinner England bot den Weltklassespieler Michael Adams auf, der am Spitzenbrett mit phantastischen 8 aus 9 brillierte, doch seine Teamkollegen konnten mit diesem Niveau nicht ganz Schritt halten.

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