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Aus: Ausgabe vom 27.09.2023, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Szenen einer Ehe

Barbara Albert verfilmt Julia Francks preisgekrönten Roman »Die Mittagsfrau«
Von André Weikard
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Ehehölle mit einem »aufrechten Deutschen«: Wilhelm (Max von der Groeben) und seine Frau Helene (Mala Emde)

»Was bist du bloß für eine Mutter?« schallt es der armen Alice (Mala Emde) entgegen, die mit entzündeter Stillbrust und tiefen Augenringen überm Küchentisch zusammengeklappt ist. Der Mann lässt die Angefauchte noch wissen, dass er nun schlafen müsse. »Und jetzt holst du die Milch.« Szenen einer Ehe in den 1940er Jahren. Und leider auch noch danach. Julia Franck hat mit ihrem Roman »Die Mittagsfrau« 2007 das deutsche Feuilleton aufgescheucht, den Deutschen Buchpreis eingeheimst und einen Bestseller gelandet. Die Geschichte einer jungen Frau, die in den 1920ern im liberalen Berlin aufblüht, ihr Abitur nachholt, sich in einen Literaturstudenten (Thomas Prenn) verliebt und nach dessen Tod in die Ehehölle mit einem »aufrechten Deutschen« (Max von der Groeben) kommt, blättert das ganze Martyrium der unterdrückten Frau im 20. Jahrhundert auf. Es geht um das Abtreibungsverbot und Zwangssterilisation, um lesbische Liebe und Vergewaltigung in der Ehe. Um das ehelich verbriefte Recht, der eigenen Frau »beizuliegen« und das Unrecht, dass eine Frau ohne Zustimmung des Mannes keinem Beruf nachgehen darf. Ein Unrecht, das in der BRD bis 1977 besteht.

16 Jahre nach dem literarischen Erfolg nun also der Film zum Buch. Auch er zäumt, wie der Roman, die Geschichte von hinten auf. Alice, eine gealterte Frau mit grauer Strähne im Haar, sucht einen Bauernhof auf, auf dem ihr Sohn aufgewachsen ist. Ohne sie. Sie hat ihn in den Nachkriegswirren an einem Bahnsteig ausgesetzt. Wie es dazu hat kommen können, zeigt der Film, ehe er in der Schlussszene auf den Hof zurückkehrt.

Was dem Roman gelang, nämlich eine ambivalente Protagonistin zu modellieren, die »blindherzig« etwa ihrem Kind gegenüber ist und dennoch die Erzählung trägt, kann im Film nicht funktionieren. Der Zuschauer ist immer auf seiten Helenes, die sich später Alice wird nennen müssen, um ihre jüdische Herkunft zu vertuschen. Der Zuschauer sympathisiert mit ihr gegen den verstockt-reaktionären Ehemann, gegen eine Gesellschaft, die es duldet, dass begabten jungen Frauen Bildungsmöglichkeiten verwehrt bleiben, gegen engstirnige Sexualmoral und den tumben Mutterschaftswahn der Nazis.

Dass die Identifikation gelingt, ist hauptsächlich Mala Emde (»Charité«, »Und morgen die ganze Welt«) zu verdanken, die mit ihrem Spiel verhindert, dass Alice als bloßes Opfer der Umstände erscheint. Emde zeigt eine entschlossene Frau, die auch dann ihre Würde behält, wenn sie zutiefst gedemütigt wird, die nicht den Blick senkt, die stark bleibt, auch im Erdulden.

»Die Mittagsfrau« im Leinwandformat zeigt dabei weniger eine Entwicklung, sondern stellt zwei Ideen von Weiblichkeit einander gegenüber. Einerseits die emanzipierte der 20er Jahre, in der es sehr wohl auch sexuelle Übergriffe gab, andererseits das Korsett der Nazizeit. Diesen zwei Leben der jungen Frau entsprechen ihren beiden Namen, ihre zwei gegensätzlichen Männer, entspricht die Art, wie sie sich kleidet, redet oder Sex hat. Und die zwei Filmhälften. Die erste, positive, ist die weniger interessante. Die zweite hingegen komprimiert die einstiegen Zumutungen des Frauseins. Das ist heute, wo klerikal-konservative Kräfte in gleich mehreren Teilen der Welt bemüht sind, emanzipatorische Errungenschaften rückgängig zu machen, nicht wenig.

Francks Geschichte von der Mittagsfrau hat einen wahren Kern. Der Vater der Autorin wurde 1945 von seiner Mutter an einem Bahnhof ausgesetzt. Die Biographie der »Mittagsfrau« musste sich die Autorin allerdings zusammenspinnen. Getroffen hat sie ihre Großmutter nie. Attestieren darf man sowohl dem Roman als auch dem Film dafür eine innere Wahrhaftigkeit.

»Die Mittagsfrau«, Regie: Barbara Albert, BRD 2023, 137 Min., Kinostart: 28.9.

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