Tageskonferenz: Der Bandera-Komplex
Gegründet 1947 Mittwoch, 25. Oktober 2023, Nr. 248
Die junge Welt wird von 2753 GenossInnen herausgegeben
Tageskonferenz: Der Bandera-Komplex Tageskonferenz: Der Bandera-Komplex
Tageskonferenz: Der Bandera-Komplex
Aus: Ausgabe vom 16.08.2023, Seite 1 / Titel
Lateinamerika

Blutbad vor der Wahl

Bereits acht Morde an Politikern in Ecuador. Vertreter von Linkspartei ist jüngstes Opfer
Von Volker Hermsdorf
1.JPG
Militärpatrouillen bestimmen derzeit das Straßenbild in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito (14. August)

Sechs Tage vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen ist in Ecuador am Montag (Ortszeit) erneut ein Politiker ermordet worden. Pedro Briones, der lokale Organisator und Vertreter der von Expräsident Rafael Correa gegründeten Linkspartei »Revolución Ciudadana« in der Provinz Esmeraldas, wurde in der Nähe seines Hauses erschossen. Die Schüsse wurden von einem vorbeifahrenden Motorrad aus abgefeuert. Der Anschlag erfolgte nur wenige Tage nach dem Mord am Präsidentschaftskandidaten der liberalkonservativen Bewegung »Movimiento Construye – Lista 25«, Fernando Villavicencio. Das Attentat auf Briones ist laut der Tageszeitung La República in diesem Jahr bereits der achte Mord an einem Politiker in Ecuador.

»Sie haben einen weiteren unserer Genossen in Esmeraldas ermordet. Es reicht, genug ist genug«, reagierte Correa in der Nacht zum Dienstag auf die Nachricht. Luisa González, die als Spitzenkandidatin der »Revolución Ciudadana« laut Umfragen derzeit die größte Aussicht auf das Präsidentenamt hat, machte »die unfähige Regierung und einen von der Mafia übernommenen Staat« für den erneuten Mord an einem führenden Politiker verantwortlich. González sprach Briones’ Familie ihr Beileid aus und beklagte die »schwierige Situation«, in der sich das Land befinde. »Ecuador macht seine blutigste Zeit durch«, erklärte sie. Die Regierung von Guillermo Lasso habe das Land im Stich gelassen und nichts dagegen getan, dass das Land von der Mafia übernommen wurde. Expräsident Correa hatte bereits ähnliche Vorwürfe erhoben. »Das organisierte Verbrechen hat den Staat infiltriert, sowohl die Regierung und das Justizsystem als auch die Politik und die Sicherheitskräfte«, schrieb er nach dem Mord an Villavicencio aus seinem Brüsseler Exil.

Tatsächlich reagiert der rechte Staats- und Regierungschef Lasso völlig hilflos auf die seit Jahren zunehmenden Anschläge krimineller Banden. Nach dem Tod Villavicencios hatte Lasso am vergangenen Donnerstag zwar den Ausnahmezustand verhängt und die Streitkräfte mobilisiert, damit aber lediglich mehrere Grundrechte der Bürger wie die Versammlungsfreiheit und die Unverletzlichkeit der Wohnung außer Kraft gesetzt. Die Anschläge gingen weiter. Bereits am selben Tag wurde die Kandidatin Estefany Puente Castro von der Allianz »Claro« in der 240 Kilometer südwestlich von Quito gelegenen Stadt Quevedo bei einem Attentat während ihres Wahlkampfs für die Parlamentswahlen schwer verletzt. Derartige Gewalttaten überschatten die Kampagnen der Parteien für den vorgezogenen Urnengang am kommenden Sonntag. Er war ausgerufen worden, nachdem Lasso am 17. Mai per Dekret das Parlament aufgelöst hatte, um seiner Abwahl wegen Veruntreuung zu entgehen.

Ecuador, das während der Regierungszeit Correas (2007–2017) zu den friedlichsten Ländern Lateinamerikas gehörte, versank unter dessen rechten Nachfolgern Lenín Moreno (2017–2021) und Guillermo Lasso (seit 2021) immer tiefer in einem Sumpf aus Korruption, Gewalt und Terror. Sechs Jahre nach dem Rechtsruck erlebt das Land seine bisher schlimmste Sicherheitskrise. »Die Polizei des Landes hat in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 3.568 gewaltsame Todesfälle gezählt, weit mehr als die 2.042, die im gleichen Zeitraum des Jahres 2022 gemeldet wurden. Das vergangene Jahr endete mit 4.600 gewaltsamen Todesfällen, dem höchsten Stand in der Geschichte des Landes und doppelt so vielen wie 2021«, berichtete AP am Montag.

Immer noch kein Abo?

Die junge Welt ist oft provokant, inhaltlich klar und immer ehrlich. Als einzige marxistische Tageszeitung Deutschlands beschäftigt sie sich mit den großen und drängendsten Fragen unserer Zeit: Wieso wird wieder aufgerüstet? Wer führt Krieg gegen wen? Wessen Interessen vertritt der Staat? Und wem nützen die aktuellen Herrschaftsverhältnisse? Kurz: Wem gehört die Welt? In Zeiten wie diesen, in denen sich der Meinungskorridor in der BRD immer weiter schließt, ist die junge Welt unersetzlich.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Fernando Villavicencio Minuten vor seiner Ermordung während der ...
    11.08.2023

    Mord im Wahlkampf

    Ecuador: Präsidentschaftskandidat Villavicencio getötet. Rechter Staatschef verhängt Ausnahmezustand, lässt Militär mobilisieren
  • Die jetzt erteilte Zulassung der Conaie-Klage ist eine weitere N...
    03.08.2023

    Weitere Niederlage für Lasso

    Ecuador: Präsident vor Amtszeitende von Verfassungsgericht ausgebremst. Linkes Kandidatenduo führt vor Wahlen Ende August
  • Proteste gegen den amtierenden Präsidenten Guillermo Lasso
    13.06.2023

    Rechte angezählt

    Ecuador: Linke mit guten Aussichten bei kommenden Wahlen. Präsident Lasso regiert bis dahin durch

Regio: