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Aus: Ausgabe vom 26.05.2023, Seite 8 / Ansichten

Deindustrialisierung läuft

Rezession in der BRD
Von Sebastian Edinger
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Der letzte macht das Licht aus: Stahlarbeiter am Hochofen in Duisburg (2.5.2023)

Der Rückbau der deutschen Wirtschaft im Dienst des US-Imperiums ist in vollem Gange, wir sind in der Rezession. Selbst die aufgehübschten Staatsstatistiken können nicht mehr verschleiern, dass das hiesige Bruttoinlandsprodukt nun in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen geschrumpft ist. Auch davor gab es lediglich ein Quartal mit minimalem Wachstum, Anfang 2022 ging es bereits bergab. Und anders als in früheren Schrumpfungsphasen eilen diesmal keine Politiker oder ihnen untergebene Ökonomen herbei, um zu erklären, dass das alles bloß ein kleiner Ausrutscher ist, während der große Aufschwung kurz bevorsteht. Statt dessen herrscht gelassene Einigkeit darüber vor, dass es weiter bergab geht.

Ein Blick in die offizielle Statistik zeigt: Besonders dramatisch sind die Einbrüche im Baugewerbe und in energieintensiven Industriezweigen – also allen voran in der Chemiebranche und der Metallverarbeitung. Schließlich sind diese Bereiche besonders hart von der Kriegspolitik der Bundesregierung betroffen, die in Spitzenzeiten zu einer Verachtfachung des Strompreises an der Energiebörse führte. In diesen Sektoren schreitet die Deindustrialisierung der BRD bereits rapide voran. Die einstigen Kohlekumpel aus NRW oder der Lausitz können ein Lied davon singen, was den Arbeitern und ganzen Landstrichen an vielen großen Industriestandorten blüht.

Der zweite große Rezessionstreiber neben den Energiepreisen in der Industrie ist der Konsumverfall. Die nachweislich schöngerechnete Inflationsrate lag hierzulande 2022 bei 6,9 Prozent. Ohne Einbeziehung der Preise für Energie und Nahrungsmittel hätte sie bei nur 3,8 Prozent gelegen. Es sind die Basics des Lebens, die durch die herausragende Aggressivität der deutschen Führung gegenüber Russland drastisch teurer geworden sind. So lag die Energiekostensteigerung für Privathaushalte bei 29,7 Prozent, während die Preise für Grundnahrungsmittel um 13,4 Prozent zugelegt haben. Essen und Strom sind unverzichtbar. Wenn dafür ein immer größerer Teil des Einkommens draufgeht, bleibt halt nichts übrig, um gegen die Rezession anzushoppen.

Dass die nun auch statistisch signifikant gewordene Deindustrialisierung kein Automatismus, sondern das Ergebnis politischer Gestaltung ist, zeigt ein Blick in andere EU-Staaten wie Frankreich, Spanien oder Italien – also in Länder, deren Führung nicht nur an das Wohl der Mächtigen in Washington denkt, sondern auch ein bisschen an sich selbst; Länder, die Energiepreise gedeckelt und Übergewinne abgeschöpft haben. Und die vor allem nicht angefangen haben, wie die Bekloppten alle Staatsausgaben zusammenzustreichen, um in Rüstung zu investieren und das ukrainische Militär auszustatten. Ergebnis: In der gesamten EU und auch in den USA gibt es keine Rezession, sondern weiter Wachstum. Wenn auch nur ein bisschen.

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  • Leserbrief von Peter Maaßen aus Frankfurt/M. (29. Mai 2023 um 17:28 Uhr)
    Der Artikel erweckt stark den Eindruck, es gebe bei uns zu wenig Wirtschaftswachstum. Wirtschaftswachstum usw. im reichen räuberischen wilden Wertewesten? Immer weiter nach der Regel, haste was - biste was, genug ist nie, nach uns die Sintflut …? »Gegen die Rezession anshoppen«, also mit Wegwerfkonsum als gehobenem westlichen Lebensstil? Das hätten sie gern. Das ist doch aber wirklich das völlige Gegenteil dessen, was die Menschheit zum Überleben bräuchte. Einbrüche im Baugewerbe? Das Wohnungsproblem muss wie vieles Andere auch bei uns durch Umverteilung des Bestehenden gelöst werden, statt durch immer weitere Bodenversiegelung durch Bauenbauenbauen mit den bekannten Folgen (Austrocknung, Starkregenüberschwemmungen, entfallende CO2-Speicherer …). Die ehemaligen Kohlekumpel können ein Lied singen? Es ist überfällig, die Wirtschaft so zu organisieren, dass den Leuten Arbeitsplätze nur in zukunftsfähigen, also umweltverträglichen und »gemeinnützigen« Wirtschaftsfeldern vermittelt werden. Und zwar allen Gesunden nach Ausbildung und vor Rente, mit Arbeitseinkommen, von denen man leben kann. All solche Notwendigkeiten schaffen wir auf Dauer nicht ohne wirksame Eingriffe in die Verfügungsgewalt (noch) »privater« Wirtschaftslenker. Milliardeneinkommen und -vermögen haben nichts, aber auch gar nichts mit sinnvoll angewendetem Leistungsprinzip zu tun. Bis zur Erringung von sowas wie Sozialismus, wie immer der dann neu auszuprobieren sein wird, werden wir mit wirksam schützenden Eingriffen wohl nicht warten können, gerade in den imperialen Hauptverursacherländern.
  • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt (26. Mai 2023 um 11:17 Uhr)
    Zitat: »Der Rückbau der deutschen Wirtschaft im Dienst des US-Imperiums ist in vollem Gange, wir sind in der Rezession« – Überraschung! Oder doch nicht? Seit Gründung der BRD gab es immer wieder periodische Konjunktureinbrüche und Rezessionen (bekanntlich alle ca. elf Jahre). Jedes Mal wurde das baldige Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems beschworen. Jedoch: Stets verstummten diese Stimmen, wenn sich die Wirtschaft wieder erholte und dann sogar Zuwächse verzeichnete. Wäre dem nicht so, wäre die heutige Wirtschaft unter dem Stand von 1949, dem Gründungsjahr der BRD. Ist doch logisch? – Leider vermeidet es der Autor, weiter als bis 2022 zurückzublicken, um zu begründen, »dass es weiter bergab geht«. Sonst müsste er feststellen, dass z. B. die Finanz- und Wirtschaftskrise Ende des vorletzten Jahrzehnts, die eher noch schlimmer war, schließlich auch zu Ende gegangen ist. Und, mindestens genauso wichtig: Damals herrschte (Massen-)Arbeitslosigkeit. Heute dagegen besteht in vielen Branchen Arbeitskräftemangel.
  • Leserbrief von Richard (26. Mai 2023 um 08:42 Uhr)
    Richtig erkannt. Das kann man nur als schönrechnen bezeichnen. Wie kann man bei solchen Zahlen - knapp 30 % mehr für Energie und 13,4 % mehr für Grundnahrungsmittel (auch da hab ich meine Zweifel: die günstigen Nudeln im Aldi kosten meines Wissens das Doppelte von dem, was sie noch vor einiger Zeit gekostet haben; beim Tomatenmark siehts nicht besser aus) - auf 6,9 % kommen? Das kann nur durch eine völlig realitätsferne Zusammensetzung des Referenzwarenkorbs zustande kommen. Was bringt mir der Fernseher, der heute nur noch halb soviel kostet wie noch ein Jahr zuvor? Ich kaufe nichtmals jährlich einen Fernseher. Was ich denke, ist, dass wir von völlig inkompetenten, dafür aber machtbesessenen Korruptnicks regiert werden. Und das hab ich schon immer gehasst: wenn dumme Menschen Machtgehabe bzw. Gewalt mit Intelligenz verwechseln und mich für dumm verkaufen wollen … Sowas in dem Stil von »die sind gar nicht pleite, die hören nur auf zu arbeiten«. Es soll Menschen da draußen geben, die jeden Tag ihr Bestes geben, um den Laden am Laufen zu halten und hier und da auch die Inkompetenz der Großkopferten auszugleichen … doch von solchen Großkopferten auch noch dumme Sprüche gedrückt zu bekommen, während man gleichzeitig dabei zusehen darf, wie sie alles gegen die Wand fahren, das schlägt dem Fass den Boden aus. Aber gut … aus sowas ergibt sich dann ja auch die »Notwendigkeit« von Autoritarismus, dem Hang von der eigenen Inkompetenz mit Rassismus abzulenken (der Russe war's) und Kriege zu führen, um »notfalls« auch Teile der eigenen (kritischen) Bevölkerung darin zu verheizen, damit die Machtverhältnisse auf ewig bestehen bleiben. Ich hatte es schon einmal geschrieben irgendwo: Die Franzosen hatten eine Revolution, die Deutschen Hitler. In Frankreich hat das Volk der Macht die Flügel gestutzt, in Deutschland Hitler und seine Kumpanen (die Kapitalfraktion) umgekehrt dem sich immer aufmüpfiger zeigenden Volk (die wollten doch glatt die marxistische Revolution …).

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