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Aus: Ausgabe vom 25.03.2023, Seite 1 / Titel
Aufstand gegen Macron

Paris brennt

Bevölkerung Frankreichs lässt sich von Staatsmacht nicht einschüchtern: Streiks und Proteste gehen weiter, König Charles ist es zu heiß
Von Ina Sembdner
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Revolutionärer Alltag in Frankreich (Paris, 23.3.2023)

Brennende Rathäuser, Feuerwehrleute mit Pyros: Frankreich zeigt einmal mehr, dass es vor einem sich als Alleinherrscher inszenierenden Präsidenten nicht zurückweicht. Nachdem am Donnerstag mehr als drei Millionen Menschen ihre Wut auf die per Dekret verordnete Verlängerung der Lohnarbeit landesweit auf die Straßen getragen haben, steht schon der Termin für den nächsten Streik. Am kommenden Dienstag soll das Land erneut stillstehen. Die Agenturen interessierten sich am Freitag jedoch vornehmlich für etwas anderes: Der britische König Charles III. verschob seinen von Sonntag bis Mittwoch geplanten Staatsbesuch aufgrund der »gewaltsamen Unruhen«, wie der Élysée-Palast nach einem Gespräch Emmanuel Macrons mit dem Monarchen mitteilte. Es solle möglich sein, Charles unter den Bedingungen zu empfangen, die der freundschaftlichen Beziehung entsprächen, hieß es. Ausschlaggebend dürfte wohl die klare Gewerkschaftsansage gewesen sein, alles zu blockieren, worauf »der König« angewiesen gewesen sei.

Innenminister Gérald Darmanin teilte unterdessen am Freitag morgen mit, dass 457 Menschen festgenommen und etwa 440 Polizisten und Gendarmen am Vortag verletzt worden seien. Von der zahlreich in sozialen Netzwerken dokumentierten Gewalt der Einsatzkräfte sprach er selbstverständlich nicht. Die dpa stimmte derweil ein und erklärte, dass Bilder eines Polizisten, der zusammensackte, nachdem ihn ein Stein am Helm getroffen hatte, »für Entsetzen sorgten« – bei den Bürgerlichen offenbar mehr als Videos mit wild drauflosknüppelnden Polizisten, die auch vor am Boden liegenden Menschen nicht Halt machten.

Befeuert durch den Streik der Müllabfuhr und entsprechende Abfallberge in der Hauptstadt seien allein in Paris 903 Feuer entzündet worden, erklärte Darmanin und jammerte, dass es seitens »Linksextremer«, die »die Republik angreifen« wollen, eine »Radikalisierung« gebe. Diejenigen, die für das Löschen zuständig sind, solidarisierten sich jedoch auch mit den Protestierenden und schwenkten teils munter Bengalos, wie Videos bezeugen.

Viele der Beschäftigten warten nicht auf den nächsten von den Gewerkschaften ausgerufenen Kampftag. Die zivile Flugaufsichtsbehörde DGAC forderte die Airlines für Sonntag auf, am Pariser Flughafen Orly 33 Prozent der geplanten Starts zu annullieren. Für Montag sollten demnach 20 Prozent der Flüge gestrichen werden. Und auch die Jugend samt Anhang ist weiter auf den Beinen: Bestreikte Schulen und Universitäten sowie Spontandemonstrationen und -blockaden prägten auch am Freitag das Bild. »Wir sind hier, um den Druck aufrechtzuerhalten«, erklärte etwa ein Schüler in Rennes. Man wolle sich nicht auf nur einen Termin wie die Gewerkschaften beschränken.

Ein Hotspot der Front gegen das Kapital ist die Total-Energies-Raffinerie in Gonfreville-l’Orcher in der Normandie. Um die Versorgung der Pariser Flughäfen zu gewährleisten, zwangsrekrutierte die Staatsmacht am Donnerstag abend Beschäftigte in ihrem Zuhause, um sie am Freitag morgen zur Arbeit verpflichten zu können. CGT-Vertreter David Guillemard konkretisierte die Absurdität der Zwangsmaßnahme gegenüber France Bleu Normandie: »Das ist nicht für Rettungsfahrzeuge, für Notfälle, sondern um Flugzeuge fliegen zu lassen.«

In Deutschland muss sich vorerst niemand Sorgen machen, auch wenn die Gewerkschaften tatsächlich bereit zu sein scheinen, gegen Kapital und staatliche Ausbeutung etwas mehr in die Waagschale zu werfen: König Charles III. wird wie angekündigt am Mittwoch in Berlin seine Aufwartung machen. Gebrannt hat am Donnerstag abend übrigens das Tor des Rathauses von Bordeaux – die südfranzösische Stadt stand ebenfalls auf dem Besuchsprogramm des Monarchen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (24. März 2023 um 23:26 Uhr)
    Aber, Ina! Wie können Proteste die Haltung einer einzigen und unbedeutenden Person umstimmen? Das geht so: Pro Tag, der an Protest nötig ist, senken wir das Renteneintrittsalter um ein Jahr. So einfach ist das. Vom Berliner Fernsehturm aus betrachtet, macht Macki keinen guten Eindruck mehr. Wir dachten hier, dass er begriffen haben konnte, eben nicht zum Präsidenten aller Französinnen und Franzosen gewählt worden zu sein. Sondern er war die Notlösung. Ärgerlicherweise versteht er seine unbedeutende Lage nicht. Sondern er fühlt sich präsidentengleich! Dann soll er mal machen. Gibt‵s in Frankreich unter den Exleuten unter den Herrschenden so etwas wie einen Wettlauf? Tippen dann die Wählenden? Nun dürfen alle Menschen des gesamten Planeten gespannt sein, wo der Verflossene landet? Hatt er noch irgendwo Rückhalt?

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