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Aus: Ausgabe vom 26.01.2023, Seite 16 / Sport
Eiskunstlauf

Drei Plätze frei

Die deutschen Eiskunstläuferinnen machen sich Hoffnungen auf EM-Medaillen – weil die russischen ausgeschlossen sind
Von Jens Walter
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Schuld oder Fahrlässigkeit nicht nachweisbar: Kamila ­Walijewa

Das Goldmedaillen-Emoji für den Sieg bei den russischen Eiskunstlauf-Meisterschaften 2021 in Sankt Petersburg hat Kamila ­Walijewa in ihrem Instagram-Konto wieder gelöscht. Doch allzu lange dürften ihre 1,2 Millionen Follower auf neue Jubelnachrichten nicht warten müssen. Denn Russlands Antidopingagentur (Rusada) hat der 16 Jahre alten Europameisterin wegen eines positiven Dopingtests auf die verbotene Substanz Trimetazidin zwar den nationalen Titel aberkannt, sie aber nicht gesperrt. Eine »Schuld oder Fahrlässigkeit« sei nicht nachzuweisen gewesen, so die Begründung. Ob die Weltantidopingagentur (Wada) das Urteil akzeptieren wird, ist noch unklar.

»Ich gehe davon aus, dass eine Sperre folgt, auch wenn mir das Mädchen leid tut«, ist sich dagegen Andreas Wagner, Präsident der Deutschen Eislaufunion, sicher. Auch russische Kommentatoren betrachten den Fall noch nicht als abgeschlossen. »Es besteht kein Zweifel, dass der Konflikt im Fall um Kamila Walijewa nach der Entscheidung der Rusada nicht zu Ende ist«, schrieb die Zeitung Kommersant. Walijewas öffentlichem Ansehen schaden die Vorwürfe wenig. Bei einer Umfrage des staatlichen russischen Meinungsforschungsinstituts WZIOM wurde sie zur Sportlerin des Jahres 2022 gekürt. Die frühere Startrainerin Tatjana Tarassowa – schon immer eine Verteidigerin der jungen Russin – begrüßte das Rusada-Urteil. »Es gibt noch Gerechtigkeit in der Welt«, sagte sie. Und hat einen Punkt: Von absichtlichem Doping gehen die wenigsten aus. Das spielt für Konsequenzen freilich in der Regel keine Rolle.

Die Wada will nach einer Prüfung darüber entscheiden, wie sie auf das Vorgehen der Rusada reagieren wird. Bereits im November hatte die Weltagentur den Fall Walijewa wegen angeblicher unangemessener Verzögerung dem Internationalen Sportgerichtshof CAS übergeben – und eine vierjährige Sperre beantragt. Die Nachricht vom positiven Testbefund war voriges Jahr im Februar während der Olympischen Winterspiele in Beijing bekanntgeworden, nachdem die damals 15jährige mit dem russischen Team Olympia-Gold gewonnen hatte. Eine vorläufige Suspendierung wurde wieder aufgehoben, so dass sie im Dameneinzel starten durfte und auf Platz vier landete.

Bei der am Mittwoch im nahe Helsinki gelegenen Espoo gestarteten EM, die bis Samstag dauert, wird nicht nur Walijewa fehlen. Wegen des Krieges in der Ukraine sind alle Athleten aus Russland, der Eiskunstlauf-Nation Nummer eins, ausgeschlossen. Das bietet für die deutschen Starter die Chance, nach Jahren der Krise in die Nähe der Medaillenplätze zu kommen. Das Feld sei »völlig offen«, sagte Claudia Pfeifer, Sportdirektorin der Deutschen Eislaufunion. Große Hoffnungen auf eine oder sogar zwei Medaillen hat der Verband im Paarlauf. »Eine Medaille ist auf jeden Fall ein Ziel. Wir wissen, dass es gut möglich ist«, sagte Annika Hocke, die mit ihrem Berliner Partner Robert Kunkel 2020 EM-Siebte wurde. »Wir wissen, dass wir uns nicht darauf versteifen dürfen. Dann funktioniert es nicht.« Zuletzt hatten Aljona Savchenko und Bruno Massot 2017 EM-Silber gewonnen.

Auch die siebenmalige deutsche Meisterin Nicole Schott spekuliert auf das Medaillentreppchen: »Da die drei russischen Mädchen nicht bei der EM sind, sind drei Plätze frei geworden. Ich denke, dass alles passieren kann.« Das Niveaugefälle sei diesmal nicht mehr so extrem wie sonst: »Die Russinnen konnten dreimal Vierfache springen und auf dem Hintern liegen und wären dennoch 50 Punkte vorne gewesen.« Wenn die Besten ausgeschlossen sind, haben es die Schlechteren natürlich leichter.

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