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Aus: Ausgabe vom 26.01.2023, Seite 12 / Thema
Befreiung der Arbeit

No more Bullshit-Jobs

In einer postkapitalistischen Gesellschaft des guten Lebens ändern sich die Antriebe für wirtschaftliche Aktivität und die Arbeit erhält einen anderen Charakter
Von Meinhard Creydt
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Eine Gesellschaft, in der Menschen erst durch äußere Anreize zur Tätigkeit aktiviert werden können, ist, genauer besehen, eine Eselei

Weit verbreitet ist die Auffassung, ohne Konkurrenz, ohne unternehmerisches Interesse am Gedeihen des eigenen Privatbetriebs sowie ohne einzelbetriebliches Gewinninteresse gebe es keine Motive für effektives und effizientes Arbeiten. Dem Nachdenken über eine gesamtgesellschaftliche Alternative setzt diese These empfindliche Grenzen. Sie klammert interessiert Tendenzen in der Gegenwart aus, die nicht zu ihr passen.

Berufsinhaltliche Arbeitsmotivationen

Schon in der bürgerlichen Gesellschaft mit kapitalistischer Ökonomie entstehen bei den Arbeitenden zum Teil Vorstellungen, wie sie sinnvollere und bessere Produkte und Dienstleistungen schaffen und anbieten können, als dies unter kapitalistischen Maßgaben möglich ist. »In dem Maße (…), in dem die Arbeitenden ihre Arbeit aus subjektiven Motiven heraus inhaltlich ernst nehmen, entwickeln sie Vorstellungen und Ansprüche in bezug auf diese Arbeit, werden sie in diesem Sinne zu deren bewusstem Subjekt, das nach eigenen Kriterien gestaltend und fordernd eingreift«,¹ und stellen das arbeitsinhaltliche Verfügungsmonopol der »Arbeitgeber« in Frage.

Nicht nur innerhalb des jeweiligen Arbeitsbereiches gibt es ein lebhaftes Interesse daran, dass gute Arbeit stattfindet. Beispielsweise sind auch Kinderlose daran interessiert, dass Eltern und Lehrer die nächste Generation auf eine gute Weise erziehen. Diese Personengruppen nehmen sich besonderer Arbeiten und Dienstleistungen an, die für alle relevant sind. Ein anderes Beispiel sind Pflegekräfte, Ärzte und Physiotherapeuten. Zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Bereichen können Beziehungen der Repräsentation oder Treuhänderschaft existieren. Ist ihre Qualität gut, so erweist sich das »Zutrauen zu einem Menschen« als berechtigt, das »seine Einsicht dafür ansieht, dass er meine Sache als seine Sache, nach bestem Wissen und Gewissen, behandeln wird«.²

Als Repräsentant meiner Belange in bezug auf die Arbeit oder Dienstleistung handelt der Handwerker, der Lehrer oder der Arzt, wenn er gute Arbeit leistet. Sie sind dann meine Treuhänder in Feldern, in denen ich mich nicht auskenne. Als endliches Individuum kann und will ich kein Alleskenner und Alleskönner sein. Ich weiß um die Gefahr der Ausnutzung von Kompetenzen bzw. Expertise und ebenso um soziale Mechanismen, die das verhindern. Ich bin weder leichtgläubig noch voller pauschalen Misstrauens. Unter der Voraussetzung von Gegensätzen zwischen Privatinteressen fällt es vielen schwer, sich vorzustellen, dass es zum praktisch maßgeblichen Verständnis der eigenen Arbeit gehört, mit dem Arbeitsprodukt oder der Dienstleistung das menschliche Vermögen des Empfängers zu fördern.

Eine solche gute Arbeit oder Dienstleistung hat »einen intersubjektiv teilbaren Sinn« und ist nicht »einzig ein Mittel zur Einkommenserzielung«.³ Sie orientiert sich nicht allein an einem strategischen Handeln oder einer reinen Erfolgsorientierung. »Für die Konsumenten eine ›gute‹ Leistung zu erbringen heißt, sich nicht opportunistisch an manifeste Kundenwünsche anzupassen und noch weniger, im Kunden bloß die Kaufkraft zu erblicken.«⁴ Das gehört zum emphatischen Anforderungsprofil von Professionen: »Leiste deinen Zeitgenossen, aber nicht was sie loben, sondern was sie bedürfen« (Friedrich Schiller). Unter Bedingungen der Marktwirtschaft dominiert jedoch das Erwerbsinteresse über das arbeitsinhaltliche Interesse. Dass meine Arbeit oder Tätigkeit nachgefragt wird, ist dann für mich relevant, nicht aus welchen Gründen und Ursachen dies geschieht.

Institutionen

Das Bedürfnis nach guter Arbeit ist nicht auf die unmittelbar von ihr Betroffenen beschränkt. So beobachten gegenwärtig Organisationen die Aktivitäten von Unternehmen. Es handelt sich dabei zum Beispiel um die »Coordination gegen Bayer-Gefahren« mit Blick auf den weltweit agierenden Konzern Bayer, um die Organisation Foodwatch und andere. Eine durch solche Organisationen informierte und mobilisierte Öffentlichkeit kann Einfluss auf die Arbeitsinhalte und -motivationen ausüben. Gesellschaftlich gilt es von Bewegungen überzugehen zu Institutionen. Unabhängige Institutionen können die Evaluation von Betrieben und Organisationen übernehmen. Eine Vorform dafür bilden gegenwärtig die Rechnungshöfe. Die Wirtschaftsregulation in einer erstrebenswerten nachkapitalistischen Gesellschaft wird auf Produktlinienanalysen, Umweltbilanzen, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Technikfolgeabschätzung aufbauen. Sie bilden eine Informationsinfrastruktur, die die qualitativen Wirkungen und Voraussetzungen von wirtschaftlichen Aktivitäten und Angeboten vergegenwärtigt und Grundlagen zur öffentlichen Beurteilung schafft.

In einer erstrebenswerten Ökonomie vergrößert sich der Stellenwert von qualitativen Kriterien und Indikatoren. Marktexterne Vorgaben und qualitative Indikatoren durchziehen die Wirtschaft. Mehrdimensionale Erfolgskonzepte bilanzieren, inwieweit Betriebe und Organisationen sozial sinnvolle Produkte und Dienstleistungen schaffen, in ihnen gute Arbeitsbedingungen existieren usw.⁵ Korrigierend einwirken lässt sich auf davon abweichendes Handeln von Betrieben und Organisationen durch Auftragsvergabe, Kredite, Steuern und Subventionen.

Die notwendige Voraussetzung dafür ist das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln. Eine Institution »für die Regulierung der öffentlichen Unternehmen« legt nicht wie die Behörden in den Staaten des Warschauer Vertrags Produktionsziele fest und verteilt kein Produktionsmaterial, sondern setzt »bestimmte demokratisch festgelegte Normen für die Nutzung öffentlicher Anlagen durch«. Eine solche Institution würde im Namen der Gesellschaft »die Eigentumsrechte an den Unternehmen ausüben, während die Unternehmensangestellten auf Nutzerrechte beschränkt wären«.⁶

In einer Gesellschaft des guten Lebens kommt es zum Relevanzverlust des Privatinteresses durch die Ausweitung der öffentlichen Daseinsvorsorge. Das schließt zum Beispiel ein Verkehrswesen ein, das privaten Autobesitz weniger nötig und attraktiv macht. Dadurch nimmt auch die Notwendigkeit ab, als vereinzelter Einzelner per Privateigentum für schlechte Zeiten private Sicherheiten zu schaffen. Infrastrukturen, die das Ausleihen begünstigen (heutige Vorform z. B. Carsharing), lassen sich ausbauen und weiterentwickeln. Dem Vorbehalt »Gemeineigentum ist Niemandseigentum, also kümmert sich niemand darum« lässt sich der Boden durch Regelungen entziehen, die individueller Übernutzung von Gemeingütern und Trittbrettfahrerverhalten entgegenwirken. Solche Veränderungen führen zu einem Nachlassen des »Besitzindividualismus« bzw. der Orientierung im Horizont partikularer Sondervorteile (»Egoismus«).

Die kapitalistische Ökonomie, aber auch Institutionen in der bürgerlichen Gesellschaft enthalten erhebliche Aktivierungshemmnisse gegenüber der Bereitschaft zu individuell erfüllendem und zugleich sozial sinnvollem Arbeiten. Angesichts dessen spricht Helmut Klages von der »Verschwendung von Humanpotential«.⁷ »Verzichten« könne man aber dann »auf die Kalkulation von Äquivalenzbeziehungen zwischen Input und Output, wenn man sich der Frage nach der Aktivierbarkeit der ›Ressource Mensch‹ von der Seite der vorhandenen und gewissermaßen abrufbaren mentalen Bereitschaften der Menschen her annähert. (…) Vielmehr kann man dann entdecken, dass die Menschen das, was sie gern tun, von sich aus tun, ohne dass es hierzu besonderer Anreize (…) bedürfte. Man hat dann unversehens ein ›weites Feld‹ vor sich, auf dem das Wort Knappheit vergessen werden kann.«⁸ Allerdings kann, »wer allen Ernstes glaubt, die Menschen seien von Natur aus träge, faul, korrumpierbar und nur durch die Aussicht auf Geld zu motivieren (…), nicht hoffen, bezüglich der Aktivierbarkeit der ›Ressource Mensch‹ zu einem realistischen und effizienten Lösungsmodell zu gelangen. Er kann dann vielmehr nur noch Bestechungsmodelle vorlegen (›du kriegst was, wenn du mir entgegenkommst‹).«⁹

Teufelskreis extrinsischer Belohnung

Je stärker die Orientierung an einem extrinsischen oder instrumentellen Verhältnis zu den Arbeiten und Dienstleistungen bei den Arbeitenden (»Hauptsache, das Geld stimmt«) und je gravierender Einkommensunterschiede ausfallen, desto schwerer fällt die Motivation, die eigenen Fähigkeiten im wohlverstandenen Sinne der Empfänger der Arbeiten auszuüben. Vor diesem Hintergrund gewinnen extrinsische Prämien noch zusätzlich an Relevanz. Es geht darum, diesem Teufelskreis den Boden zu entziehen.

In dem Maße, wie Einkommensunterschiede etabliert sind, orientieren sich Individuen an ihnen. »Aber wenn es einen solchen Unterschied in einem Gesellschaftssystem nicht gibt, wenn es als ebenso unsinnig angesehen wird, mehr verdienen zu wollen als die anderen, wie wir es heute als unsinnig ansehen (jedenfalls die meisten von uns), um jeden Preis ein ›von‹ vor seinem Namen setzen zu wollen, dann werden auch Motivationen, die einen wirklichen gesellschaftlichen Wert haben, auftauchen oder, besser noch, sich entfalten können: das Interesse an der Arbeit selbst, das Vergnügen, etwas gut zu machen, was man sich selbst vorgenommen hat, Erfindungsgabe, Kreativität, die Wertschätzung und Anerkennung der anderen. Umgekehrt, so lange die jämmerliche ökonomische Motivation da ist, werden einem von Kindesbeinen an alle anderen Motivationen abgewöhnt und verkümmern.«¹⁰

Legitimitätsvorstellungen

Dem Privatinteresse kommen die Inhalte und sozialen Auswirkungen der Produkte und Dienstleistungen nur insoweit in den Blick, als sie seinem, andere Personen ausschließenden Nutzen dienen. Vorbehalte gegen diese Orientierung entstehen auch infolge der Verschlechterung der Lebensqualität durch Misstrauen, Gleichgültigkeit, Konkurrenz, dauerndes Rechnen und einen Mangel an Freundlichkeit und Freigebigkeit. Ein gutes Leben und eine sinnvolle Existenz der Individuen gibt es erst in einer Gesellschaft, in der die Menschen nicht der Maxime folgen: »Ich tue erst dann etwas, wenn ich vom anderen ein Äquivalent meiner Leistung erhalte.« Diese Tauschorientierung führt zu einer Abwärtsspirale. Alle Beteiligten erwarten von anderen den ersten Schritt. In der bürgerlichen Gesellschaft nimmt jeder »die Beiträge der anderen Subjekte als Mittel zur eigenen Entwicklung« wahr. Demgegenüber geht es um eine Gesellschaft, in welcher der eigene Beitrag und der Beitrag von anderen als »Mittel des Einander-Entwickelns«¹¹ betrachtet werden. Der »Reproduktionsprozess des gesamten Gemeinwesens« ist als »komplexer Prozess des Einander-Entwickelns« zu verstehen und zu gestalten.¹²

Das Bedürfnis nach sozial sinnvoller Arbeit und einer Sozialität, die Konkurrenz, Besitzindividualismus und Distinktion ebenso überwindet wie deren einfaches Gegenteil (Gemeinschaftskult und Moralismus), drängt auch die »Arbeitnehmerperspektive« zurück. Sie orientiert sich daran, »dem ›Arbeitgeber‹ so wenig zu geben wie möglich, aber soviel zu verlangen wie möglich. Im bisherigen Sozialismus übertrug sich das entsprechend: der Gesellschaft so wenig zu geben wie möglich, aber von ihr soviel zu erwarten wie möglich.«¹³

Diese »Arbeitnehmerperspektive« existiert solange, wie der legitime Vorbehalt von Arbeitenden gegen ihre unattraktive und schlecht entlohnte Arbeit – und sei es auch eine Arbeit für das Gemeinwohl – zu einem reaktiven Privatinteresse führt. Es reagiert auf die praktische Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit und der Kunden gegenüber der Situation der Arbeitenden in der Arbeit. Wenn der Arbeitende durch die Produktionstechnologie und -organisation »an seiner Entfaltung gehindert wird, ist es unvorstellbar, wie er auf der anderen Seite das Selbstvertrauen, die umfassenden Kenntnisse, Fertigkeiten und Begabungen entwickeln soll, die es ihm erst ermöglichen, in der Gesellschaft als ganzer einen wichtigen und kreativen Part zu übernehmen.«¹⁴ Arbeitende werden erst dann dauerhaft daran interessiert sein, dass ihre Produkte und Dienstleistungen direkt oder mittelbar die menschlichen Vermögen der Empfänger fördern, wenn eine grundlegende Veränderung der Wertigkeiten und der Arbeitsprozesse gesellschaftlich durchgesetzt ist.¹⁵ Die Arbeit gilt dann nicht allein als Mittel für Zwecke außerhalb von ihr. Es kommt nun nicht nur auf das Leben und die Lebensqualität nach der Arbeit, sondern auf die Entwicklung derjenigen menschlichen Vermögen an, die allein in der Arbeit stattfinden kann. Der Konsum kann die problematischen heimlichen Lehrpläne des Arbeitens und die mit ihm verbundenen negativen Effekte auf die Arbeitenden nicht aufwiegen. Das Psychosozialprodukt steht normativ höher als das Bruttosozialprodukt.

Die Ausrichtung an partikularen Vorteilen zu Lasten anderer gilt es gesellschaftlich unnötig zu machen. Ebenso das Vorgehen, aus der Bedürftigkeit anderer einen eigenen Vorteil zu ziehen und den anderen mit seiner Abhängigkeit unter Druck zu setzen. All diese Orientierungen gelten in einer Gesellschaft des guten Lebens als unwürdige Vorgehensweisen aus einer primitiven Zeit, zu der niemand zurückkehren will. Vergleichbare Ablehnungen finden wir heute gegenüber Sklaverei und Leibeigenschaft oder gegenüber der Einschätzung, Frauen seien mindere Geschöpfe. In der Gesellschaft des guten Lebens wird es als unwürdig und peinlich gelten, das Feld des Nachbarn als Abfluss für die Gülle des eigenen Viehs zu betrachten. Menschen haben nicht allein Ziele erster, sondern auch Ziele zweiter Ordnung. Sie können zu ihren unmittelbaren Bedürfnissen bewertend Stellung nehmen. Sie fragen sich dann, ob sie eine Person sein wollen, bei der die kritisierten Orientierungen und Maximen dominieren. In der Frage nach dem guten Leben werden Ziele erster Ordnung danach beurteilt, ob und wie sie zu einer inhaltlich übergreifend verstandenen Lebensweise beitragen.

Die kapitalistische Ökonomie weist nicht nur beträchtliche immanente Ineffizienzen und Ineffektivitäten (vgl. z. B. die Literatur über das »Marktversagen«) sowie Gegensätze zwischen betrieblichen Erfolgsmaßstäben und gesellschaftlicher Lebensqualität auf. Wer es darauf abgesehen hat, dieser Ökonomie Effizienz und Effektivität zuzuschreiben, muss auch davon absehen, wie effizient und effektiv sie dabei ist, Produkte und Dienstleistungen von höchst zweifelhaftem menschlichem und gesellschaftlichem Wert bereitzustellen.¹⁶

Wasch den Pelz …

Die Verfechter des materiellen Anreizes im DDR-Sozialismus hatten große Probleme damit, den »antisozialen Impuls enger sektionaler und privatinteressierter Motivationen (…) zu begrenzen«. Dieses Anliegen praktisch umzusetzen »heißt gerade nicht, ihn auszunutzen und durch Anreize zu bedienen, die das zugrundeliegende enge Interesse belohnen und dadurch bestärken«.¹⁷ Die Linkspartei kommt zu anderen Schlüssen. Im ihrem Erfurter Programm von 2011 spricht sie sich für »das Privateigentum kleiner und mittlerer Unternehmen« aus. Ein Vordenker der PDS bzw. der Linkspartei wie Dieter Klein schreibt: »Privatkapitalistisches Eigentum und das Eigentum von kleinen Handwerkern, Händlern usw. hat sich für die betriebswirtschaftlich effiziente Produktion und Verteilung von Gütern des Massenkonsums und von Investitionsgütern bewährt.«¹⁸ Klein meint, »dass die Ausschaltung ihrer Gewinninteressen und unternehmerischen Initiativen in den staatssozialistischen Ländern erheblichen Anteil an Stagnationserscheinungen, Starrheit der Wirtschaftsstrukturen und mangelhafter Versorgung hatte«.¹⁹

Diese Auffassung blendet nicht nur die in diesem Artikel skizzierten nachbürgerlichen Antriebe für wirtschaftliches Handeln aus, sondern auch Erklärungen dafür, warum sie sich in der DDR nicht in ausreichendem Maße entwickelten.²⁰ Die Programmatik der Linkspartei enthält Kritik am Großkapital, nicht am Kapital. Sie missbilligt die Dominanz des Mehrwerts in der Gesellschaft, nicht die Mehrwertproduktion. Sie will die allerhässlichsten Auswüchse kapitalistischer Wirtschaft beschneiden. Man möchte gern bürgerliche Verhältnisse ohne deren negative Konsequenzen. Eine Gesellschaft, die sich durch grundlegend andere Antriebe wirtschaftlichen Handelns als in der bürgerlichen Gesellschaft auszeichnet, stellt kein programmatisches Anliegen der Linkspartei dar. Sowohl die Freunde als auch die Gegner von Sarah Wagenknecht in der Linkspartei wollen daran nichts ändern.

Anmerkungen

1 Ulrich Beck, Michael Brater: Grenzen abstrakter Arbeit. Subjektbezogene Bedingungen der Gebrauchswertproduktion und ihre Bedeutung für kritische Berufspraxis. In: Leviathan, Heft 2, 1976, S. 209

2 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Werke, Band 7. Frankfurt am Main 1970, S. 478

3 Ulrich Thielemann: System Error. Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt. Bonn 2010, S. 347

4 Ebd., S. 348

5 Zum Kriterium »sinnvoll« vgl. Meinhardt Creydt: Sinnvolle Existenz als Maßstab des eigenen Lebens und der Gesellschaft. In: Telepolis, 13.6.2021

6 Diane Elson: Markt-Sozialismus oder Sozialisierung des Markts. In: Prokla, Nr. 78, 1990, S. 89 f.

7 Helmut Klages, Helmut: Der blockierte Mensch. Frankfurt am Main 2002, S. 82

8 Ebd., S. 142

9 Ebd., S. 142 f.

10 Cornelius Castoriadis, Daniel Mothé: Hierarchie und Selbstverwaltung. Bielefeld 1992, S. 20 f. (Zuerst in der Gewerkschaftszeitung CFDT Aujourd’hui, Nr. 8, 1974)

11 Arne Raeithel: Tätigkeit, Arbeit und Praxis. Grundbegriffe für eine praktische Psychologie. Frankfurt am Main 1983, S. 168

12 Ebd., S. 162

13 Arbeiterpolitik, 58. Jg., 2017, Heft 3–4, S. 31

14 Mike Cooley: Produkte für das Leben statt Waffen für den Tod. Arbeitnehmerstrategien für eine andere Produktion. Reinbek bei Hamburg 1982, S. 68

15 Meinhard Creydt: Produktionstechnik vom Standpunkt der Arbeitenden. In: Telepolis, 11.9.2021

16 Ders.: Glanz und Ramsch. In: junge Welt, 23.12.2021

17 Pat Devine: Market Socialism or Participatory Planning? In: Review of Radical Political Economics. Vol. 24, Nr. 3–4, S. 85

18 Dieter Klein: Über einen alternativen Umgang mit der ungeheuren Präsenz des totgesagten Eigentums. In: Michael Brie, Michael Chrapa, Dieter Klein: Sozialismus als Tagesaufgabe. Berlin 2002, S. 129

19 Ebd., S. 133 f.

20 Vgl. dazu z. B.: »Warum hat die DDR-Arbeiterschaft 1989/90 ihr Volkseigentum nicht verteidigt?« In: Arbeiterstimme, Nr. 180, Nürnberg 2013, und die bislang unübertroffenen Analysen von Irene Böhme: Die da drüben. Sieben Kapitel DDR. Berlin 1982. Böhme war in der DDR von 1961 bis 1976 (Ausbürgerung von Wolf Biermann) Redakteurin der Zeitung Sonntag und von Theater der Zeit

Meinhard Creydt ist Soziologe und lebt in Berlin. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 23.12.2021 über die Produktion unnützer und dysfunktionaler Waren im Gegenwartskapitalismus: Glanz und Ramsch

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  • Leserbrief von Burkhard Laurich (27. Januar 2023 um 12:03 Uhr)
    Warum der Autor diesen »denglischen Titel« wählte, weiß ich nicht, er meinte sicherlich »Nie mehr schlecht(e) bezahlte Arbeit« o. ä.! Total daneben erscheint mir sein Schlusssatz, in dem er unterstellt: »Sowohl die Freunde als auch die Gegner von Sarah Wagenknecht in der Linkspartei wollen daran nichts ändern.« Bei diesem Thema gibt es sicherlich einen großen Konsens sowohl in der Gesellschaft als auch beim erwähnten Personenkreis. Obwohl dieser außerhalb der Linken vermutlich wesentlich mehr Personen umfasst. Die Programmatik der Bundestagsparteien ist das eine, das sich zudem regelmäßig ändert. Das andere ist das praktische Handeln dieser Parteien und vor allen ihrer Wähler am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft. Die vom Autor dargelegten Idealvorstellungen in einer postkapitalistischen Gesellschaft sind doch eher in weiter Ferne, wenn sie auch im geringen Maße in diesem System präsent sind und sicherlich auch angestrebt werden, sowohl vom einzelnen als auch von dafür Zuständigen! Im übrigen gab es u. a. in der DDR diese postkapitalistische Gesellschaft. Ohne Lobhudelei und auch berechtigter Kritik können sich viele ehemals »werktätige« Arbeiter, Ingenieure, Bauern, Lehrer, Ärzte, Sportler, Angehörige der bewaffneten Organa, Vertragsarbeiter, Touristen u. a. m. daran erinnern, das 41 Jahre lang ein friedlicher Charakter des guten Lebens und der Arbeit vorherrschend waren, zumindest in Europa. Aktuell ist der ewige Frieden dem ewigen Krieg gewichen. Alles für die Aufrüstung, genau wie Hitler vor 90 Jahren. Und genausoschlecht wie damals wird heute gar nicht mehr verhandelt, sondern »zurückgeschossen« in die Steinzeit. 
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (26. Januar 2023 um 19:30 Uhr)
    Ein sehr interessanter Artikel. Er zeigt anschaulich, wie das Privateigentum an den Produktionsmitteln auch in der Arbeit das Nützliche vom zum Überleben Notwendigen trennt. Der Kapitalismus hat den daraus resultierenden Irrsinn lediglich auf Höhen getrieben, die ihn für alle sichtbar machen, die sehen wollen. Dass solche Zustände dringend der Veränderung bedürfen, ist offensichtlich, auch wenn es den meisten Weltbewohnern längst noch nicht klar sein dürfte. Visionen, wie das zu ändern wäre, brauchen wir dringend. Über das Praktische oder Unpraktische der dabei geäußerten Vorstellungen wird die Zeit entscheiden. Was für diejenigen aus dem Artikel wohl auch zutreffen wird. Warum die Überschrift allerdings unbedingt englisch sein musste: Es wird wohl ein Geheimnis bleiben.
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