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Aus: Ausgabe vom 26.01.2023, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Am offenen Sarg

Chinonye Chukwus Spielfilm »Till – Kampf um die Wahrheit« über den rassistischen Mord an Emmett Till
Von Hannes Klug
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Nur ein harmloses Genrebild? Jalyn Hall als Emmett Till (in der Bildmitte)

Die ganze Welt soll sehen, was Mamie Till-Mobley sich anschauen muss: die grauenvoll verstümmelte Leiche ihres Sohnes Emmett Till, der entführt, gefoltert und schließlich ermordet wurde, weil er – so heißt es – mit der weißen Inhaberin eines Gemischtwarenladens in Money, Mississippi, geflirtet haben soll. Emmett Till war da gerade einmal 14 Jahre alt und aus Chicago zu Besuch bei Verwandten. Der Film »Till« verschont seine Zuschauer nicht mit Details: Emmetts Gesicht ist zertrümmert, sämtliche Zähne fehlen, zuletzt haben seine Mörder ihm in den Kopf geschossen. Anschließend warfen sie ihn in den nahen Fluss, wo er, durch das Wasser aufgedunsen, drei Tage später gefunden wurde. Sein Todesdatum lautet auf den 28. August 1955.

»Till« hat es nicht nötig, durch Einblendung einer Jahreszahl auf die historische Verortung der Ereignisse aufmerksam zu machen. Zu sehr ist der Lynchmord an Emmett Till inzwischen Teil des kollektiven Gedächtnisses in den USA geworden. Zu unauslöschlich gehört er in den schändlichen Katalog rassistischer Verbrechen, der die US-amerikanische Geschichte bis in die Gegenwart prägt und längst nicht abgeschlossen ist. Die Proteste gegen den Mord an Emmett Till waren ein entscheidender Faktor in der Entstehung des US-amerikanischen Civil Rights Movement und trugen zur Bürgerrechtsgesetzgebung von 1957 bei. Erst vor kurzem erklärte der »Emmett Till Antilynching Act« Lynchmorde zu einem Hassverbrechen – erlassen wurde das Gesetz am 29. März 2022 unter Präsident Joseph Biden.

Bis dahin war es ein langer Weg. Der Mord an Emmett Till, das macht auch der Film von Regisseurin Chinonye Chukwu klar, war in den Südstaaten der Jim-Crow-Ära eingebettet in eine rassistische Gesetzgebung und in ein nicht weniger rassistisches Justizsystem, das die Morde von Weißen an Schwarzen kaum ahndete. Der Gerichtsprozess vor einer Jury aus zwölf weißen Männern erwies sich auch in diesem Fall als Farce, und die Mörder verkauften die Geschichte ihres Verbrechens kurz nach dem Urteil prahlerisch und offenbar ohne das geringste Unrechtsbewusstsein für 4.000 US-Dollar an ein Magazin.

Eindringlich wird im Film der Mut von Mamie Till-Mobley spürbar, die angesichts solcher Widersacher ihren Schmerz in eine politische Anklage verwandelt und den Mächten des Bestehenden nicht nur im Gerichtssaal als Einzelkämpferin entgegentritt. »Till« erzählt die Folgen des Verbrechens ganz aus der Sicht der Mutter, doch der Film ist mehr als nur die Nachbereitung eines historischen Unrechts. Das liegt zum großen Teil an der fantastischen Darstellung von Danielle Deadwyler als Mamie Till-Mobley, die für ihren getöteten Sohn um Gerechtigkeit ringt – und im Angesicht der Schmutz- und Hasskampagnen gegen sie auch um ihre eigene Würde. Die der Nation den Spiegel vorhält und mit dem geschundenen Körper ihres Sohnes im offenen Sarg auch deren tiefverwurzelten Rassismus ausstellt.

Bei aller Brutalität dieses Falls ist der Film mit großer Behutsamkeit erzählt, die sich dem Schrecken ihres Objekts über die Zärtlichkeit des Empfindens der Mutter annähert. Der Mord selbst wird nicht gezeigt, sondern mit großer Diskretion nur akustisch vermittelt, während wir aus großer Entfernung auf den Ort des Verbrechens blicken – ein unscharfes Nachtbild, der Ton der Schläge und Schreie ist nur gedämpft zu hören. Den entstellten Leichnam lernen wir durch die Wahrnehmung der Mutter zu sehen, die sich ihm rückhaltlos aussetzt, jedes Detail studiert, während sie ihm wehmütig über seine aufgeschwemmte Haut streicht.

Zwei Namen dürfen nicht fehlen, wenn man über diesen großartigen Film spricht: Die Recherchen des Dokumentarfilmers Keith Beauchamp führten nicht nur zu dessen Film »The Untold Story of Emmett Louis Till« (2005) und zur Neuuntersuchung des Mordes durch das US-amerikanische Justiz­ministerium, sondern auch zu Beauchamps Beteiligung am Drehbuch zu »Till«. Letztlich ist es aber der Hartnäckigkeit von Koproduzentin Whoopi Goldberg (die in einer kleinen Rolle Emmett Tills Großmutter spielt) zu verdanken, dass es diesen Film gibt: 20 Jahre lang klopfte sie mit der Idee zu diesem Projekt vergeblich bei den Studios an, bis sich nach dem Mord an George Floyd schließlich auch Hollywood davon überzeugen ließ, dass die Geschichte rassistischer Willkür im Land mehr als ein Minderheitenthema ist.

»Till – Kampf um die Wahrheit«, Regie: Chinonye Chukwu, USA 2022, 130 Min., Kinostart: heute

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