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Aus: Ausgabe vom 25.01.2023, Seite 15 / Antifa
Rechter Terror

Gedenken in der Probsteigasse

Köln: Nach 22 Jahren erinnert eine Metalltafel an Bombenanschlag des NSU
Von Bernhard Krebs, Köln
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Polizeibeamte kehren nach dem Bombenanschlag Scherben vor dem Lebensmittelladen zusammen (Köln, 19.1.2001)

Die Bombe war in einer Keksdose plaziert. Ein vermeintlicher Kunde hatte sie Wochen zuvor in dem kleinen Lebensmittelladen zurückgelassen. In den frühen Morgenstunden des 19. Januar 2001 explodierte der Sprengsatz und verletzte die damals 19 Jahre alte Mashia M., Tochter der iranischen Inhaberfamilie, schwer. Am vergangenen Donnerstag, dem 22. Jahrestag des faschistischen Terroranschlags, wurde nun eine vom Rat der Stadt Köln in Auftrag gegebene Gedenktafel enthüllt. Sie erinnert an den Bombenanschlag, der Teil der Anschlags- und Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) war.

»So viele Leben, die zerstört wurden. Wofür? Was hat es euch gebracht? Wir hingegen können uns mit Stolz hinstellen und sagen, dass wir trotz allem, was ihr uns angetan habt, weitergemacht haben. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Leben«, wird auf der 60 Zentimeter breiten und 1,80 Meter hohen Metallplatte »eine Überlebende des NSU-Anschlags in der Probsteigasse« zitiert. Gestaltet wurde die Platte vom Künstler Daniel Postrak. Die Aussage ist durch eine Schweißnaht, die wie eine vernarbte Wunde wirkt, vom offiziellen Gedenktext des Rates der Stadt Köln getrennt.

In letzterem wird auch an den Nagelbombenanschlag in der Keupstraße im migrantisch geprägten Kölner Stadtteil Mülheim am 9. Juni 2004 sowie an die weiteren Mordopfer des NSU erinnert. Selbstkritisch heißt es dort: »Wir sind bestürzt und beschämt, dass wir diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt haben, was sie waren: Morde und Mordversuche aus rassistischer Ideologie.«

Bei der Einweihung der Gedenktafel nicht dabei war das damals 19jährige Opfer. Mashia M. ließ sich durch ihre Anwältin Edith Lunnebach vertreten. Es mache die Familie noch heute wütend, »dass damals, als man noch hätte aufklären können, nicht aufgeklärt wurde«, zitierte der Kölner Stadtanzeiger (Freitagausgabe) Lunnebach. Statt nach rassistischen oder neonazistischen Motiven zu fahnden, habe die Polizei im Umfeld der Familie nach Schuldigen gesucht, kritisierte Lunnebach. Dass der Anschlag in der Probsteigasse – ebenso wie der Nagelbombenanschlag in der Keupstraße und die zehn Morde an Kleinunternehmern und einer Polizeibeamtin – auf das Konto des NSU und seines Unterstützernetzwerks gingen, war erst durch die Selbstenttarnung des Kerntrios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im November 2011 bekanntgeworden. Auf einem Bekennervideo war eine explodierende Keksdose mit der zynischen Aufschrift »Das kleine Bömbchen« zu sehen.

Mit der neuen Gedenktafel räumt auch der Kölner Stadtrat ein, dass nach dem Anschlag Fehler gemacht wurden. »Ein rassistischer Hintergrund wurde damals ausgeschlossen. Statt dessen wurde bei den polizeilichen Ermittlungen zur Mord- und Anschlagsserie des NSU vornehmlich im Umfeld der Betroffenen ermittelt. So wurden die Opfer in der öffentlichen Wahrnehmung zu Tätern«, heißt es darauf.

Am Donnerstag abend hatte abseits des offiziellen Gedenkens noch eine Kundgebung in der Probsteigasse stattgefunden. Dazu aufgerufen hatte ein breites Bündnis von »Omas gegen rechts« über die Interventionistische Linke Köln bis zu den Initiativen »Keupstraße ist überall« und »Herkesin Meydani – Platz für alle«. Laut einer Twitter-Meldung von »NSU Watch NRW« nahmen daran rund 120 Personen teil. Im Aufruf wurde kritisiert, dass faschistische Anschläge häufig nicht »umfassend aufgeklärt« und nur »vermeintliche ›Einzeltäter:innen‹ verurteilt« würden. Dies trage zur Verharmlosung faschistischer Anschläge bei und sei Teil einer »rechten und rassistischen Kontinuität« in der BRD.

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