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Aus: Ausgabe vom 25.01.2023, Seite 3 / Schwerpunkt
Indigene Bevölkerung Europas

Sámi zwischen den Fronten

NATO-Eintritt Schwedens und Finnlands für indigene Bevölkerung ein Problem. Vertreter um Frieden bemüht
Von Gabriel Kuhn, Stockholm
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Kultur und Wirtschaft der Sámi sind durch geopolitische Konflikte bedroht

Die Sorgen wurden früh artikuliert. Nur einen Tag nachdem Schweden und Finnland am 18. Mai 2022 ihren Antrag auf NATO-Mitgliedschaft eingereicht hatten, erklärte Per-Olof Nutti, Sprecher des samischen Parlaments in Schweden, einem Reporter des schwedischen Fernsehens, dass »NATO-Übungen einen großen Einfluss« auf seine Arbeit haben werden. Mehr als ein halbes Jahr später wurde diese Einschätzung auch im UN-Menschenrechtsrat präsentiert. Anlässlich eines Seminars zu den »Auswirkungen der Militarisierung auf indigene Gesellschaften« erklärte dort Rune Fjellheim, Sachverständiger des Samischen Rates, dass »die Mitgliedschaft Schwedens und Finnlands in der NATO zu mehr militärischen Einrichtungen, Übungen und Aktivitäten in Sápmi« führen werde.

Die Sámi sind die einzig offiziell anerkannte indigene Gesellschaft in der EU. Als Sápmi bezeichnen sie ihr traditionelles Siedlungsgebiet. Gegenwärtig wird die samische Bevölkerung auf ungefähr 100.000 Menschen geschätzt, die Mehrheit davon lebt in Norwegen. Die samische Gemeinde auf der russischen Kola-Halbinsel ist mit rund 2.000 Angehörigen die kleinste.

Die angebahnte NATO-Mitgliedschaft Schwedens und Finnlands beschäftigt die samische Gesellschaft aus mehreren Gründen. Zum ersten ist die militärische Präsenz in Sápmi seit Jahrzehnten stark. Vor allem Winterübungen werden hier regelmäßig durchgeführt. Im NATO-Mitgliedsland Norwegen gibt es jede Menge feste militärische Einrichtungen. Schon jetzt bestätigen Berichte aus der Region die Befürchtung, dass eine NATO-Mitgliedschaft Schwedens und Finnlands diese Militärpräsenz weiter verstärken würde. Es wird eine höhere Frequenz an Militärflügen und Truppenbewegungen beobachtet, und im nordschwedischen Nationalpark Abisko wurde der vom schwedischen Militär frequentierte Hubschrauberlandeplatz aufgerüstet.

Die militärische Aufrüstung in der Region bleibt nicht auf Sápmi beschränkt. Es gibt einen Kampf um die Kontrolle der Arktis. Die ist reich an Rohstoffen (Metalle, Erdöl, Erdgas). Durch die Eisschmelze öffnen sich neue Seewege, Militärbasen haben große strategische Bedeutung. In Sápmi protestieren samische Aktivisten immer wieder gegen Bergwerksbauten, Eisenbahnprojekte und Militärübungen, die negativen Einfluss auf die traditionelle Lebensweise der Sámi haben, deren materielle Grundlage Jagd, Fischfang und Rentierhaltung sind.

Was die NATO-Beitrittsanträge von Schweden und Finnland betrifft, machen die Verhältnisse an der 1.340 Kilometer langen finnisch-russischen Grenze besondere Sorgen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs konnten samische Rentierhalter jahrzehntelang die Grenze ungehindert überqueren, um entlaufene Rentiere einzufangen und Herden umzuleiten. Eine Militarisierung der Grenze würde dem ein Ende setzen und die Rentierhalter in ökonomische Bedrängnis bringen.

Vertreter der Sámi betonen immer wieder, dass sie die Notwendigkeit nationaler Verteidigungspolitik respektieren. Als die deutsche Wehrmacht 1944 aus Norwegen abzog, legte sie die nördlichste Provinz des Landes, die mehrheitlich von Sámi bewohnte Finnmark, in Schutt und Asche. Der Erzählung zufolge blieb auf dem Gebiet, das größer als Dänemark ist, eine einzige Kirche erhalten. Die norwegische Regierung hatte ursprünglich nicht einmal Pläne, die abgelegene Provinz wieder aufzubauen. Der Wiederaufbau verdankte sich einzig der Eigeninitiative der lokalen Bevölkerung.

Frieden ist ein zentrales Thema in der samischen Kultur. Der bekannte samische Dichter Nils-Aslak Valkeapää wurde nie müde zu betonen, dass es in der samischen Sprache kein Wort für »Krieg« gebe. Dass Sámi im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen NATO-Ländern und Russland zum Kampf gegeneinander gezwungen werden könnten, ist für viele Bewohner Sápmis eine schrecklich Vorstellung.

Aber schon jetzt haben die geopolitischen Entwicklungen negative Auswirkungen auf die innersamischen Beziehungen. Aufgrund der gegen Russland verhängten Sanktionen sowie unterschiedlicher Bewertungen des Krieges in der Ukraine nehmen zur Zeit keine samischen Organisationen aus Russland an Sitzungen des 1956 gegründeten Samischen Rates teil. Dieser ist das wichtigste politische Gremium der samischen Gesellschaft und bemühte sich nach Ende des Kalten Krieges um die Integration der in Russland lebenden Sámi. Doch, wie der indische Historiker Vijay Prashad auf der Website des Sozialforschungsinstituts The Tricontinental anmerkte: »In der Arktis wehen wieder die Winde des Kalten Krieges.«

Hintergrund: Aufrüstung in Nordeuropa

Seit Jahren arbeiten die militärischen Kräfte des NATO-Mitgliedslandes Norwegen mit denen der Nachbarländer Schweden und Finnland eng zusammen. Das bedeutet auch, dass NATO-Truppen längst auf schwedischem und finnischem Boden Übungen durchführen, nicht zuletzt im Kontext multinationaler Großmanöver wie »Cold Response« oder der »Arctic Challenge Exercise«. Die betreffenden NATO-Einheiten kommen dabei nicht allein aus Norwegen. Wer außerhalb der Touristensaison im Norden Schwedens auf einer der größeren Campinganlagen eine Unterkunft buchen will, wird oft abgewiesen. Alle Hütten sind vom US-Militär belegt. Was dieses dort unternimmt, darf aus Gründen nationaler Sicherheit nicht mitgeteilt werden. Zudem dient das Raumfahrtzentrum der Swedish Space Corporation in Kiruna als Basis für Geoengineering-Experimente. Im März 2021 konnten samische Proteste eine größere Testserie verhindern.

Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine werden Militäranlagen nicht nur in Sápmi ausgebaut, sondern auch in der gesamten arktischen Region. Das NATO-Mitgliedsland Dänemark rüstet auf den Färöern auf und in Grönland, wo auch die USA aktiv sind. Der Luftstützpunkt Thule, den die US-Luftwaffe dort seit 1951 betreibt, soll mit vier Milliarden US-Dollar modernisiert werden. Parallel werden grönländische Häfen umgebaut, um US-Kriegsschiffe beherbergen zu können. Das sind Projekte, von denen die Öffentlichkeit Kenntnis hat. Zwischen 1958 und 1966 betrieb das US-Militär auf Grönland eine Militärbasis, das »Camp Century«, im geheimen, um Atomwaffen zu installieren. Nicht einmal die dänische Regierung war zur Gänze in die Aktivitäten eingeweiht. Heute lagern 10.000 Tonnen Atommüll 50 Meter unter der Oberfläche. Im Jahr 2016 kündigte ein kanadisch-schweizerisches Forscherteam angesichts der Eisschmelze noch vor Ende des Jahrhunderts eine ökologische Katastrophe an. Die dänische Regierung initiierte daraufhin das »Camp Century Monitoring Programme«.

Die Aufrüstung in der Arktis ist wesentlich geopolitisch geprägt. Der Einfluss Chinas und Russlands in der Region soll zurückgedrängt werden. Dies wird auch in der Entwicklung des 1996 gegründeten Arktischen Rats deutlich. Ursprünglich gehörten diesem Vertreter Dänemarks, Islands, Norwegens, Schwedens, Finnlands, Russlands, Kanadas und der USA an. Gemeinsam wollte man sich den Herausforderungen des Klimawandels in der Region widmen. Aufgrund des Ukraine-Krieges gibt es seit März 2022 keine russischen Vertreter mehr im Rat, während Schweden und Finnland als letzte der verbliebenen Länder auf dem Weg in die NATO sind. (gk)

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