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Aus: Ausgabe vom 24.01.2023, Seite 1 / Titel
Arbeitsplatzvernichtung

Feuern am Fließband

US-Autobauer Ford will Tausende Jobs in Köln streichen. Betriebsrat mobilisiert Belegschaft, IG Metall für »empfindliche« Reaktion gegen Konzernspitze
Von Oliver Rast
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Zorn und Schockstarre: Traditionswerk in der Domstadt steht vor der Demontage (Köln, 26.3.2019)

Montag morgen, es ist rappelvoll. Alle Stühle vor der metallenen Bühne sind besetzt. Im Hintergrund prangt das ovale Logo mit blau-weißem »Ford«-Schriftzug. Die Stimmung in der Kölner Werkshalle schwankt, zahlreiche Kollegen sind aufgebracht, einige einfach nur geschockt. Ein Gefühl eint alle: »Wir wurden überrumpelt«, sagte eine Arbeiterin aus der Fahrzeugfertigung, die anonym bleiben will, am Montag zu jW. Der Gesamtbetriebsrat hatte zur Versammlung geladen. Außerordentlich. Denn: Der US-Autobauer will Tausende Jobs im Traditionswerk streichen.

Die Konzernbosse kneifen, lassen sich nicht auf der Betriebsversammlung sehen. Dafür gibt es Pfiffe und Buhrufe seitens Beschäftigter. Dem Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Benjamin Gruschka obliegt es, seine Kollegen zu informieren. Fest steht: Im Entwicklungs- und Ersatzteilzentrum sollen 2.500 Stellen wegfallen. Von aktuell 3.800, wohlgemerkt. Ferner müssen rund 20 Prozent der Mitarbeitenden aus der Verwaltung gehen. Nicht nur das, die bisherige Produktentwicklung am Standort solle verlagert werden, sagte Kerstin Klein, Erste Bevollmächtigte der Geschäftsstelle der IG Metall (IGM) Köln-Leverkusen, am Montag gegenüber jW. Wohin? »In die USA.«

Der Grund für Betriebsdemontage und Entlassungswelle: Ford krempelt seine Modellpalette komplett um, Elektroautos statt solche mit Verbrennermotoren sollen die Regel sein. »Bis 2030 werden alle neuen, von Ford in der EU verkauften Pkw elektrisch sein«, bestätigte Firmensprecherin Ute Mundolf gleichentags auf jW-Anfrage. Diese Transformation bringe »erhebliche Veränderungen bei der Organisationsstruktur mit sich«. Beispiel: Der Dauerbrenner »Fiesta« läuft Mitte dieses Jahres letztmalig in Köln vom Band. Weitere »spekulative Umstrukturierungen« wollte Mundolf nicht kommentieren. Aber genau dieser ständige Wandel in der Branche erzeuge Existenzängste, so die Arbeiterin aus der Fahrzeugfertigung.

Das weiß auch Klein, deshalb fordert die Metallerin von den Ford-Bossen »eine verbindliche Zusage für Folgeprojekte mitsamt Entwicklungskapazitäten in Köln«. Unterstützung kommt von Beate Müller-Gemmeke (Bündnis 90/Die Grünen). Eine ökologische Transformation dürfe nicht zu Lasten der Beschäftigten gehen, betonte die Berichterstatterin für Arbeitnehmerrechte ihrer Bundestagsfraktion im jW-Gespräch. Ford müsse alles tun, »um Arbeitsplätze zu erhalten«. Dafür würde das Bundeskabinett auch Geld für Qualifizierungsmaßnahmen der Beschäftigten lockermachen. Fraglich, ob der Appell wirkt.

Bereits vor drei Jahren hatte der Konzern hierzulande etwa 5.000 Arbeitsplätze vernichtet, europaweit zirka 10.000. Danach sollte Schluss sein, so der Automobilhersteller damals. Eine Aussage ohne Wert. Schlimmer noch, neben Köln ist der zweite große deutsche Ford-Standort akut bedroht: Saarlouis. Ford wolle nur 500 bis 700 Stellen erhalten, wurde der örtliche Betriebsratschef Markus Thal am Sonntag in der Saarbrücker Zeitung zitiert. Für knapp 4.000 saarländische Fordianer fehle »eine Zukunftslösung«.

Die Betriebsversammlung in Köln ist nach 90 Minuten beendet, die Bühne rasch abgebaut, Stühle gestapelt. Was bleibt für die Werkskollegen? Die Gewissheit, nur noch Auslaufmodelle zu produzieren. Tatenlos zusehen will die IGM hingegen nicht. Sollten die Gespräche zwischen Betriebsrat und Bossen ergebnislos verlaufen, werde sich die Gewerkschaft einschalten, versicherte Klein: »Wir schrecken auch nicht vor Maßnahmen zurück, die das Unternehmen empfindlich treffen könnten!«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gabriel T. aus Berlin (24. Januar 2023 um 08:57 Uhr)
    Und das ist erst der Anfang. Nein, nicht Putin diesmal, eher schon der Wirtschaftskrieg mit den USA ist, auch wenn das im Artikel nicht benannt wird, der Grund dieser Umstrukturierung.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (24. Januar 2023 um 07:02 Uhr)
    Ob IGM oder der Vorstand höchstselbst: Die Leute der Arbeit werden entsorgt. Wer jemals in einer Gegend mit plötzlicher Massenarbeitslosigkeit und darauf folgender Massenarmut war, hat ein Wort mitzureden: Denn plötzlich steht die Armut in der Küche, allen direkt im Angesicht. Urlaub, Kino, Verein, sogar Freundschaften – alles Wichtige geht den Bach runter. Als hätten alle Krebs, Lepra, Cholera usw. auf einen Schlag. Alle gehen sich aus dem Wege, weil sie wissen, dass sie ansteckend sind. So erniedrigend ist es, wenn man seinen Freundinnen und Freunden nicht mehr helfen kann. Und den Kindern nicht, auch nicht den eigenen Eltern …

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