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Aus: Ausgabe vom 25.01.2023, Seite 10 / Feuilleton
Metal

Marshall Empowerment

Die zweiteilige Dokumentation »Heavy Metal Saved My Life« geht den kurativen Wirkungen des Genres nach
Von Frank Schäfer
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Heavy Metal steht in dem seltsamen Ruf, schon das eine oder andere Leben gerettet zu haben

Viele Jahrzehnte war Heavy Metal für die unaufgeklärte Medienwelt so etwas wie das Sammelbecken menschlicher Dummheit und Amoralität. Mittlerweile scheint sich vor allem im Boulevard eine Gegenbewegung zu etablieren, die das Genre zu einer Art Heilsinstanz oder doch zumindest Allheilmittel für das Leiden an der Moderne hochfilibustert. Beides ist Unsinn. Wie man es auch machen kann, nämlich vielstimmig, nah an den Realitäten und vor allem ausgewogen, zeigt Mariska Liefs und Andreas Kriegers zweiteilige Dokumentation »Heavy Metal Saved My Life«, die der Hessische Rundfunk produziert hat.

Die Reportage nähert sich der potentiell therapeutischen Funktion harter Musik und holt dafür verschiedene Charaktere vor die Kamera, die im Metal ein Gegengift für ihre Probleme gefunden haben. Andy zum Beispiel erzählt recht plastisch von seiner zehnjährigen Drogenkarriere, die ihn in den Knast und anschließend für zweieinhalb Jahre in die Psychiatrie gebracht hat. Ein haltloses Leben, das durch Metal resp. die einschlägige Community wieder in die Spur gefunden hat. »Es ist diese Liebe, die mir kein Mensch geben konnte, die haben mir Maiden gegeben«, sagt er einmal ganz ernsthaft. Und wenn man ihn begleitet zu einem Iron-Maiden-Konzert nach Frankfurt am Main, seiner alten Wirkungsstätte als Kleindealer und Großkonsument, und sieht, wie er seine Leute herzt und in der Crowd aufgeht, dann glaubt man es ihm gern. Man hätte es ihm übrigens auch geglaubt, wenn die Kamera nicht so penetrant darauf aus wäre, die heilsame Euphorie des Konzerterlebnisses zu erheischen. Das passiert noch öfter in dieser Dokumentation, die Protagonisten sind eben keine Schauspieler und agieren etwas linkisch, wenn sie grimassierend und gestenreich die Metal-Liturgie zelebrieren sollen.

Brann Dailor, den Schlagzeuger und Sänger von Mastodon, haben die beiden Filmemacher ebenfalls zur Beichte überreden können. Dailor hat als Teenager seine Schwester und Seelenverwandte verloren und in der Musik einen Weg gefunden, seinen Schmerz zu kanalisieren. »Ich weiß nicht, wie Menschen das machen, die das nicht haben«, fragt er sich und beschwört ebenfalls das Zugehörigkeit stiftende Kollektiv. Mastodon seien »die längste durchgehende Beziehung«, die er in seinem Leben hatte. »Sie sind meine Familie.«

Sogar die Queer community findet in der Metal-Familie Anschluss – mit Rob Halford als Role-Model. Der Judas-Priest-Sänger erwähnte 1998 in einem Interview fast beiläufig, dass er schwul sei und ging danach wieder zur Tagesordnung über. Sein entspannter Umgang mit dem Thema hat die queere Szene schwer beeindruckt. Und noch mehr die Reaktion der Metalheads. »Der größte Sänger im Heavy Metal kann schwul sein, und es ist egal, sie feiern ihn«, schwärmt Riccardo, ein italienischer Transmann, den die Kamera auf seinem Pilgerpfad nach Wacken begleitet.

Warum gelingt das ausgerechnet im Metal, der mit seinem Big-Dick-Gepose in den 80ern den Sexismus auf ein neues Niveau gehoben hat? Roddy Bottum, Faith No Mores schwuler Keyboarder, meldet Zweifel an. »Queer Metal gibt es nicht.« Er erzählt von der langen, langweiligen Tour mit Guns N’ Roses, die er blöd fand, weil sie seiner Ansicht nach den Siebziger-Cockrock aus der Mottenkiste holten, die damals nun aber zufällig die größte Band der Welt waren und deren Glanz auch ein wenig auf Faith No More abstrahlen sollte. Das ganze Muchomacho-Ding ging Bottum irgendwann so auf die Nerven, dass er sich in einem Interview zu seiner Homosexualität bekannte, um sich öffentlich zu distanzieren von diesem alten Typus der breitbeinigen, heteronormativen Rockband. Im Grunde bestätigt seine Geschichte aber nur die Toleranz der Szene. Denn es kam ja gerade nicht zum Eklat, die Tour lief einfach weiter, und dem kommerziellen Erfolg seiner Band schadete das Outing auch nicht. Vermutlich eher im Gegenteil.

Genrepatriarch Bruce Dickinson hat vielleicht eine Erklärung. Man muss sich bei ihm selbstredend erst mal durch den üblichen Rockstarquatsch kämpfen à la: »Wir wollen deine Sinne in eine Steckdose stecken und dich grillen. Es ist wie das beste Fußballspiel und der beste Sex zusammen, zwei Stunden lang.« Aber irgendwann kommt dann doch noch ein vernünftiger Gedanke. »Ich entdeckte Musik für mich und Theater. Und dann habe ich die beiden Sachen zusammengebracht«, überlegt er. »Theater im Kopf aus Musik.« Somit wäre Metal eine Art Simulationsraum. Hier können sich sehr unterschiedliche Menschen wiederfinden und ausagieren, noch dazu in einem Szenario, in dem es stets um die machtvolle, von vielen Amps lautstark herausposaunte Überwindung von Widerständen geht. Marshall-Empowerment!

Das zieht natürlich auch Obskuranten an wie den Black-Metal-Rasputin GAAHL, der mehrfach wegen Folter im Knast saß, in den Neunzigern mit rassistischem Schwachsinn von sich reden machte. Seine Homosexualität ist nicht mehr als eine Randnotiz. Ein großes Problem in der Szene gebe es damit nicht. »Sexualität wird ohnehin zu wichtig genommen«, meint er achselzuckend. »Sie beherrscht die Welt nicht, auch wenn die Leute das denken.« Ihn treiben ganz andere Dinge um. Als künstlerisches Initiationserlebnis schildert er eine Szene aus seiner Jugend in Norwegen – das wilde Knurren eines Bären, der nachts ein Schaf reißt. Das habe ihn beeindruckt. Mittlerweile hat er Kreide gefressen und gibt den konsequent unpolitischen heidnischen Schamanen, aber dennoch personifiziert er die Nachtseite des Genres, damit hier keiner glaubt, Heavy Metal sei bloß noch ein lustiger Kindergeburtstag.

»Heavy Metal Saved My Life«, Regie: Mariska Lief, Andreas Krieger, Deutschland 2022, zwei Teile à 45 Minuten. In der ARD-Mediathek verfügbar bis November 2024

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marian R. (25. Januar 2023 um 17:53 Uhr)
    Leider ist diese Stilrichtung nur noch ein Kindergeburtstag … nur nicht so harmlos! Konsumwahn in Wacken; Heavy-Metal-Kreuzfahrten; eine Fanartikelmüllflut und Bands, die sich fast ausschließlich mit sich selbst befassen und ständig betonen, wie ehrlich und toll doch ihre Musik ist – zum Gähnen langweilig, wenn es nicht solche fatalen, nämlich einschläfernden, Auswirkungen auf die Herzen und Hirne der Menschen hätte! Nur wenige Gruppen – und die meistens aus der Sparte Punk/Oi! – treten dem Bürgertum und dem Kapitalismus nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich-textlich ins Gesicht. Anspieltip: Oi Polloi aus Schottland (Anarcho-Punk) und Warriors aus England (Oi!-Punk mit klaren Statements gegen Staat und Faschisten). Musik muss nicht »hart« sein, um hart zu sein …

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